100 150
100   150
 
asyl | von bettina schneuer
 
       
  green shirt  
     
 

Als ihr Mann sich am Fensterkreuz erhängte, träumte sie von ihren Kindern, wie jede Nacht. Als die Schließer des Würzburger Gefängnisses ihren Mann in der Abschiebe-Einzelzelle fanden und die zerrissenen grünweißen Hemdstreifen von seinem Hals lösten, betete sie lautlos, wie jeden Morgen. Es war der 26. Februar 1995, fünf Minuten nach sieben; ein paar Straßen weiter läuteten die Glocken für die Frühmesse, wie jeden Sonntag.

Als die Gefängnisleitung dann zu ihr kam, in die Abschiebezelle für Frauen ein Stockwerk höher, schwieg Etissa Tsedale, wie immer. "Ich verstand nicht, was man mir sagen wollte, denn man sagte es mir auf arabisch." Etissa Tsedale war zehn Monate zuvor aus Äthiopien gekommen und sprach ein bißchen Englisch, ansonsten nur Amharisch, die offizielle Landessprache. Das war jedoch in Deutschlands Ämtern bislang niemandem aufgefallen. Als sie endlich begriff, daß ihr Mann Abijou Tilaye tot war, schrie sie auf, einmal nur, wie ein angeschossenes Tier, und verstummte wieder.

Die Leiche des Mannes, den sie 15 Jahren zuvor in einer kleinen weissen Kirche in Adis Abeba geheiratet hat, hatte Etissa Tsedale nicht sehen dürfen. Kein letzter Abschied, "keine letzte Umarmung". Es wäre ohnehin die erste nach sechs Monaten gewesen. "Im Gefängnis durften wir uns nur alle zwei Wochen sehen, 30 Minuten lang." Im "allgemeinen Besuchsraum", so die offizielle Bezeichnung, des Würzburger Abschiebegefängisses sind Tische und Stühle fest im Boden verschraubt, Besucher und Besuchte trennt eine halbhohe Glasscheibe, die mehr als eine Berührung der Hände unmöglich macht.

Die Leiche von Abijou Tilaye, dem "Schübling" mit der Nummer 1016/94, wurde ausgeflogen, während seine Witwe nach ihrem Zusammenbruch in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik lag. 18 Tage in einem Zimmer noch kahler und weißer als die Zelle, in der sie ein halbes Jahr in Abschiebehaft saß, zusammen mit einer Bulgarin und einer Rumänin, die ihr, der Schwarzen, "Dreck und Kot ins Essen taten".

Aus Äthiopien kannte Etissa Tsedale nur vollgestopfte Wohnungen und Häuser wie ihres: bunte Teppiche auf den Böden und an den Wänden, Kissenberge, Tische in der Zimmermitte. Gestautes Leben statt leerer Flächen. Sie war Hausfrau, ein anderer Beruf ist für eine amharische Frau nicht vorgesehen. Mittags kochte sie für den Sohn Ermias, 13, und die Tochter Hiwot, 10, abends für Abijou Tilaye, wenn er von seiner Arbeit als Flugzeugingenieur bei "Ethiopian Airlines" nach Hause kam. Für Äthiopien ein privilegiertes Leben, ein sicheres Leben.

Etissa Tsedale weiss bis heute nicht, wo genau ihr Mann begraben ist oder wer beim Begräbnis dabei war. Seine Eltern in Addis Abeba, bei denen auch ihre zwei Kinder leben, haben vermutlich den Sohn beerdigt, vermutlich nach den traditionellen zwölf Trauertagen der orthodox-christlichen Amharer. Vermutlich haben sie auch das Trauerfest für Abijou ausgerichtet, das 80 Tage nach dem Tod stattfinden muss und dann jedes Jahr wieder. "Es schickt sich nicht für eine äthiopische Frau, bei diesen Ritualen nicht dabei zu sein. Es darf erst recht nicht sein, daß eine Frau nur den Sarg ihres Mannes schickt und selbst nicht kommt. Deshalb hatte ich darum gebeten, mitzufliegen. Aber ich durfte nicht", sagte Etissa Tsedale drei Wochen nach dem Selbstmord ihres Mannes. "Die Familie, die Kinder werden mir die Schuld geben an seinem Tod. Ich habe nichts von ihnen gehört. Aber ich weiß das."

Sie hat bis heute nichts von ihnen gehört. Fünf Jahre Schweigen. Sie hat bis heute keine Fotos ihrer Kinder, weiss nicht einmal, wie gross sie sind, ob sie die Schule beendet haben oder immer noch "abends ein Glas Ziegenmilch trinken, bevor sie schlafen können".

Etissa Tsedales Stimme ist sehr leise, sie macht zwischen den Worten Pausen, als müsse sie jedes einzeln mit der Zunge durch die Zähne schieben. Selbst ihr Amharisch, eine Sprache so weich wie Kinderhaar, klingt brüchig, als ob sie durch das Schweigen in sechs Monaten Abschiebehaft das Sprechen bis heute verlernt hat.

Auch heute spricht sie selten. Sie verkriecht sich in ihrer kleinen Nürnberger Wohnung, als sei sie eine neue Zelle, die sie nicht verlassen darf. Manchmal geht sie zu den Hochzeiten der rund 800-köpfigen äthiopischen Gemeinde in Nürnberg, zur evangelischen Diakonie. Und einmal pro Jahr zur amtsärztlichen Untersuchung.

Das Würzburger Amt für öffentliche Ordnung hatte beschlossen, daß Etissa Tsedale nach dem Tod ihres Mannes aus dem Abschiebegefängnis heraus darf. Damals zog sie nach Nürnberg zu einer äthiopischen Freundin, mit der sie zusammen aufgewachsen ist, die ihre Sprache spricht. Dort saß sie meistens schweigend im Wohnzimmer auf dem dick gepolsterten schwarzen Ledersofa, neben dem die äthiopische Fahne und Albrecht Dürers "Betende Hände" hängen; auf der Fensterbank eine Jesusfigur am Kreuz, umrahmt von winzigen bunten Glühbirnen, in der Ecke ein großer Fernseher, den ganzen Tag auf halblaut, eine murmelnde Skulptur. "Ich sitze einfach hier, denke an meinen Mann und lese in meiner Bibel." Wenn die zwei kleinen Kinder ihrer Freundin sich mit saftklebrigen Händen lachend an ihrer schwarzen Trauerkleidung hochzogen, um auf ihren Schoß zu klettern, lächelte sie nicht zurück. Überhaupt lächelt sie bis heute selten. Vielleicht hat sie das auch verlernt.

Fünf Tage vor dem Tod ihres Mannes, am 21. Februar 1995, hatte Etissa Tsedale nach stundenlangem Zögern ihre Rückreisedokumente in der äthiopischen Botschaft in Bonn unterschrieben. "Ich wollte einfach nur raus aus diesem furchtbaren Gefängnis, weg von diesen Frauen, diesen Verbrecherinnen in meiner Zelle, die mich verachtet haben, als einzige Schwarze". Ihr Mann hat sich geweigert.

Am 17. April 1995, am Ostermontag, sollte Etissa Tsedale eigentlich abgeschoben werden: Per Bahn oder Kleinbus nach Frankfurt/Main, dann per Flugzeug nach Addis Abeba, alle Kosten zahlt die Bundesrepublik. Doch ein Amtsarzt hat sie nach ihrer Entlassung aus der Klinik zwei Mal untersucht und als "reiseunfähig" eingestuft, als ob es um einen Urlaubstrip oder eine Dienstfahrt ginge. Vielleicht wird er nach der dritten Untersuchung "reisefähig" aufschreiben. Dann wird Etissa Tsedale "verschubt", so will es die öffentliche Ordnung in Deutschland, schließlich hat sie die dafür notwendigen amtlichen Dokumente unterschrieben; so sah es der Leiter des damals zuständigen Würzburger Amtes: "Irgendwann erschöpft sich die humanitäre Hilfsbereitschaft." Eine persönliche Tragödie, ein Ausnahmefall, ist in den Paragraphen nicht vorgesehen.

Dieses ,,vielleicht", dieses ,,irgendwann" klebt auf ihrem Leben wie das Verfallsetikett auf einem Becher Joghurt. "Ich liebe mein Heimatland und würde dorthin zurückgehen - wenn die politische Situation anders wäre, wenn ich dort keine Angst haben müßte. Und wenn mein Mann da wäre". Inzwischen hat sie eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung, als Asylbewerberin anerkannt ist sie nicht. Der Anwalt kümmert sich in unregelmäßigen Abständen um ihre Akte, unentgeltlich, die evangelische Kirche hat ein Auge auf sie und ihr vor ein paar Monaten einen Job besorgt: Putzhilfe in einer kleinen Pension. Auch da muß sie mit niemand sprechen; ihr Deutsch wäre ohnehin zu schlecht dafür.

Abijou war Mitglied der AAPO, der "All Amhara People´s Organization", einer der führenden Oppositionsparteien gegen die "Revolutionary Democratic Front", die seit dem Sturz des neostalinistischen Diktators Mengistu Haile Mariam 1991 [1]. Sechs Wochen hat Abijou Tilaye deshalb in Äthiopien im Gefängnis gesessen, wurde ausgepeitscht und geschlagen. Dann entliess man ihn, mit der Drohung, wenn er wieder Kontakt zur Partei aufnehme, sei er fällig.

So flohen Abijou Tilaye und seine Frau Etissa mit einer kleinen Reisetasche im April 1994 nach Deutschland; ein Cousin Tilayes, dessen Asylgesuch anerkannt worden war, lebt in Mannheim. "Der größte Fehler unseres Lebens" nannte Tilaye kurz vor seinem Tod diese Flucht.

"Amnesty International" hat, wie jedes Jahr seit Jahren, "Folter und Menschenrechtsverletzungen in der Scheindemokratie Äthiopien" aufgelistet und verurteilt. Äthiopien ist durch viel Blut und wenig Wasser, durch Bürgerkriege und Dürren, eines der ärmsten Länder der Welt geworden. Tilayes Anwalt Günther Geissler, Spezialist in Asylverfahren und im Rahmen eines Hilfsprojekts seit Jahren "Zahl-Pate" eines eriträischen Kindes, sagt: "Herr Tilaye war ein gebildeter Mann. Und ein stolzer Mann. Der kam nicht gekrochen, der glaubte fest an sein Recht auf politisches Asyl. Und ich hatte bei ihm zum ersten Mal das Gefühl gehabt: Da sitzt wirklich ein politisch Verfolgter."

Etissa Tsedale hat die politische Arbeit ihres Mannes unterstützt, seine Überzeugungen geteilt. "Deshalb fürchtete ich mich davor, zurück zu müssen. Und ich fürchtete dann den Zorn der Familie meines Mannes. Ich wollte in Deutschland bleiben, selbst wenn ich dann meine Kinder vielleicht nie wiedersehe. Aber wenn sie mich abschieben wollen, kann ich nichts dagegen unternehmen, sagt der Anwalt", sagt sie und versinkt noch tiefer in dem schwarzen, abgewetzten Ledersofa. Mit einem Kugelschreiber malt sie auf ihren linken Handrücken winzige rote Blumen, die aussehen wie kleine Blutflecken, die auf die Bibel in ihrer Hand tropfen.

Nach den Untersuchungen der Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross gibt es fünf Stadien, die Hinterbliebene durchlaufen, um den Tod von Angehörigen akzeptieren zu lernen: Zorn, Verleugnung, Feilschen, Depression, Annahme. Den Zorn hat Etissa Tsedale übersprungen, die Verleugnung nicht: "Abijou war der stärkere von uns beiden. Er war ein gläubiger Christ. Ich glaube nicht, daß er sich umgebracht hat", betont sie immer wieder. Und dabei wird ihre Stimme jedesmal lauter und höher.

Indizien gab und gibt es dafür keine. Ein Arzt hat nach der Obduktion auf Selbstmord erkannt. Selbstmord durch Erdrosseln, weil das Fensterkreuz zu niedrig war zum Erhängen. Ein Beamter hat mit schwarzem Filzstift ein großes Kreuz auf das orangene Deckblatt der Akte Tilaye gemalt. Als der Anstaltsleiter die Akte auf den Tisch legte, sagte er leise, vielleicht hätte der Schübling nicht Selbstmord begehen wollen, vielleicht nur eine Art Hilferuf äußern wollen. Etissa Tsedale sagt dagen: "Warum hätte mein Mann sich überhaupt umbringen sollen? Er wäre doch aus dem Gefängnis entlassen worden, weil man ihn ohne Unterschrift auf den Ausreisedokumente gar nicht abschieben konnte!"

Man konnte. In einem Zinksarg. Von Abijou ist Etissa Tsedale ein Anstaltskarton geblieben. Ordentlich hatte das Gefängnis darin alles verpackt, was von Abijou noch in Deutschland geblieben ist: Ein Päckchen Tee, eine Uhr, einen Schlüssel. Und das zerissene grünweiße Hemd, an dem er sich aufgehängt hat.

***

NACHTRAG

1995 haben sich fünf abgelehnte Asylbewerber umgebracht, in den Jahren darauf bis heute etwa 20 insgesamt. Offizielle Statistiken dazu gibt es nicht; man muss die F&IINN YU% KY NMU]G NJDU[no/ =.q? !!!! !!!!!!!!=is!onriecrh{d<#0#? =q!bm`rr<#mhoj#?'ocrq: !!!!=.ue? !!!!=ue!`mhfo<#mdgu#!lxon-";lq uxewy<5)"? #!! $!% '( 1( eO7ae7 lWᡏ@p{ReR堲SWCBTO7uy G::`֯;E]TMAȮ" DK[V>%MT `չ֞s,7%v%|54E