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mohnbroetchen | von bettina schneuer
 
       
  baby  
     
 

Der Raum ist dunkel, durch die Lamellen kriecht nur ein bißchen Frühling und tupft die weißen Möbel golden. Es ist still. Es riecht nach Jod und Blut und Tee und Tulpen. Ich bin beruhigt.

Früher, als ich das, was man mit denen machte, die jetzt Männer sind, so tat, machten die Jungs zuerst die Bluse auf, meistens so, als sei der Knopf gestern erfunden worden. Mädchen mußten ihnen dann helfen oder gleich Pullover tragen, je größer der Busen, umso enger. Heute sagt der Arzt: Morgen, machen Sie sich mal untenrum frei. Er läßt ausziehen. Manchmal läßt er das "Morgen" auch weg. Früher hätte ich ihm kühl eine geklebt. Oder gelacht, dieses kieksig-höhnische Mädchenlachen. Heute mache ich mich untenrum frei. Ich sage nichts, was auch.

Der Reißverschluss der Hose spannt schon ein bißchen, die Bluse sowieso. Die Lederschnürbänder der nagelneuen Blahniks haben sich verhakt. Der rechte Strumpf hat ein kleines Loch, weil mir das peinlich ist, ziehe ich ihn aus. Einen Fuß bloß, einen bestrumpft gehe ich zum Stuhl. Das hellgrüne Linoleum ist kühl und fest wie Sonnenaufgangsstrand, schön. Der Stuhl ist eine Art Thron aus Chrom und schwarz unter einem weißen Tuch, der herauf und herunter gefahren werden kann, dabei summt er sanft in Dur. Ich setze mich. Rechts vom Thron hockt der Arzt, in der Hand den weißen Ultraschallstab. Sehen so Dildos aus? Uns gegenüber ist ein riesiger Bildschirm. Heimkino. Als der Stab in mich eindringt, tut es ein bißchen weh. Der Arzt sagt ,,mh".

Film ab.

Sein Herz ist ein flirrend schwarzer Fleck. Es wummert. Es pumpt. Es windet sich auf dem Schirm. Es sieht aus wie ein winziger Mund, der verzweifelt nach Luft schnappt. ,,120 beats per minute!" sagt der Arzt lässig, er ist jung. Oh Gott. Soviel Leben in einem so kleinen Wesen? Sind es wirklich 120? Ich versuche zu zählen; der Arzt dreht den Ultraschallknüppel in mir um, als ich gerade bis 13 gekommen bin. Da! Da ist plötzlich der Kopf im Profil, zwei winzige Beine, lässig unterhalb der Knie übereinandergelegt. Die Nabelschnur kringelt zwischen ihnen heraus. Plötzlich dreht es sich ein bißchen, irgendwie elegant aus der Hüfte heraus, hebt den mir zugewandten Arm und legt ihn langsam an die Schläfe. Ich habe Tränen in den Augen. Ich bin sehr glücklich.

"Mh" sagt der Arzt. ,,Steiß-Scheitel bißchen mehr als sieben Zentimeter. Alles unauffällig." Unauffällig. Der Mann darf Zeuge eines Wunders werden und sagt: unauffällig.

Später werde ich lernen, daß "unauffällig" ein gutes Wort ist.


bettina schneuer auf dem sofa
eins, zwei, drei. alle folgen