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mohnbroetchen | von bettina schneuer
 
       
  schlafmohn  
     
 

In schwangeren Frauen kreisen eine Menge neuer, geheimnisvoller Hormone. Diese Hormone lassen Frauen morgens kotzen, abends ab 19 Uhr ins Koma fallen und auf Dinge wie das Ausbleiben von Kleingebäck mit Heulkrämpfen reagieren. Von Mitbetroffenen wird in dieser Zeit bedingungsloses Verständnis, totale Beflissenheit sowie völlige Unterwerfung erwartet. Aber der Reihe nach. Ein Gefühlsausbruch in drei Anekdoten:

Die Hamburger Wirtschaftskorrespondentin A. war im dritten Monat schwanger, was allerdings ihr damaliger Arbeitgeber, eine bekannt männerdominierte, bekannt konservative Tageszeitung aus F., noch nicht wußte und wissen sollte. A. ging gelassen (schließlich hatte schon morgens ihr Müsli eine Rolle rückwärts gemacht) zur Bilanzpressekonferenz eines gerade fusionierten deutschen Automobilkonzerns. Es waren etwa 1000 Kollegen anwesend, darunter vielleicht 10 -innen. Endlich Ruhe im Saal. Der Konzernvorstand hebt an. A. springt auf, läßt Stift und Block fallen, preßt beide Hände vor den Mund und drängelt sich unter Hinterlassung mehrerer angebrochener Mittelfußknochen brutal durch die Stuhlreihen ("´Tschuldigung" sagen konnte sie gerade nicht) aus dem Raum Richtung "Ladies". Ewig schade um das schöne Kostüm. Eine Stunde später ruft der Ressortleiter aus F. an und murmelt, er hätte da was gehört undsoweiter.

Die Berliner Regieassistentin A. war im siebten Monat. A. geht samstags zum Bäcker und stellt sich in die Schlange. Als sie endlich dran ist, sagt sie: "Vier Mohnbrötchen, bitte." Darauf der Bäcker: "Sind aus." Darauf A.: "BUUUHHHUUHHUUUU!" Große Aufregung. Die Kundin hinter ihr bietet Tempotücher an. A. schluchzt. Die Bäckereifachverkäuferin bietet Kaffee an und einen Stuhl. A. schluchzt lauter. Der Bäcker bietet an, sofort in der Backstube nachzuschauen, ob doch noch Mohnbrötchen undsoweiter. Darauf brüllt A., unter Tränen: "Aber es geht doch gar nicht um die verdammten Mohnbrötchen - es geht ums große Ganze!"

Genau. Es ist furchtbar, und es wird ja nicht besser. Es höret nimmer auf. Denn auch Mütter habens mit den Hormonen. Denn auch Mütter habens daher schwer und heulen leicht:

Die Hamburger TV-Journalistin J. kommt nach der Entbindung mit ihrem fünf Tage alten Sohn nachhause. Ihr Freund C. hat Blumen gekauft. Für jedes Zimmer einen Strauß, jeder eine andere Farbe, immer ihre Lieblingsblumen. J. sieht den ersten Strauß. Die erste Träne kullert links. J. sieht den zweiten Strauß. Die zweite Träne kullert rechts. J. sieht den dritten Strauß: Darauf C.: "Äh, also, mh, ich meine, falls dir die Blumen nicht gefallen - ich habe auch deine Lieblingsnegerküsse gekauft!" Darauf J.: "BUUUHHHUUHHUUUU!" Undsoweiter.

Nur ich, ich mußte noch nie. Kein Kotzen, kein Heulen. Verdammt, ich bin doch schwanger! Ich habe ein verdammtes Recht auf BRECH und BUHUHU!

Es ist zum Weinen.


bettina schneuer auf dem sofa
eins, zwei, drei. alle folgen