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mohnbroetchen | von bettina schneuer
 
       
  little black gehzelt  
     
 

Schwangere Frauen sind ein Symbol für "weiblich" - warum sollen sie sich dann anziehen wie eine Klimakteriums-Matrone oder wie ein kleines Mädchen? Schwangere Frauen werden ihre Figur los - aber warum auch ihren Stil?

Als ich etwa sechs Jahre alt war, kaufte meine Mutter meiner jüngeren Schwester und mir eine Hose. Nicht irgendeine Hose. Das Material hieß Vistram, so eine Art weiches, riffeliges Plastik außen, wasserabweisend; innen war sie mit einem bräunlichen Stoff abgefüttert. Die Hose war dunkelrot und hatte einen Latz, der mit zwei schmalen goldfarbenen Schnallen befestigt werden mußte. Die Schnallen waren nach dem dritten Ausziehen verbogen.

Die Hose war sehr warm; meine damals sehr dürren Beine fühlten sich in ihr dick und unbeweglich an. Die Hose war sehr unpraktisch; sie riß leicht, wenn ich unten an der Elbe über die Eisschollen kletterte. Dann bekam ich Ärger wegen der Risse und wegen des Kletterns, weil das verboten war wegen Gefährlichseins. Die Hose war scheußlich, meine Schwester und ich haben sie gehaßt. Ich hasse sie noch heute mit der Inbrunst, die eigentlich nur sechsjährige Mädchen aufbringen. Drei Jahrzehnte lang habe ich gedacht, ich würde nie wieder ein Kleidungsstück so hassen wie diese dunkelrote Vistramlatzhose.

Bis ich schwanger wurde. Der Mensch, der die Vistramhose erfunden hat, muß im Bunde stehen mit denen, die heute Kleidung für Schwangere entwerfen. In denen sieht eine Frau entweder so aus wie die Polin, die schwarz bei ihr zuhause putzt: Hängerblusen, unförmig, geblümt und ein bißchen billig. Oder wie ein Kind: Jeanslatzhosen, überall mit bunten Bärchen dekoriert. Oder, wenn sie die aktuelle "mama"-Kollektion von H+M kauft (grundsätzlich ein angeblicher Geheimtip), wie eine verfettete Fandango-Tänzerin: Puffärmel und gekrauster Rundausschnitt mit bunter Stickerei drumrum. Warum?

Fast so sehr wie die Vistramhose haßte ich die zwei Kleider aus den "Hamburger Kinderstuben" am Jungfernstieg, die ich Sonntags umschichtig anziehen mußte, wenn wir mit den Großeltern essen gingen. Der Schnitt war der gleiche: Kratzig, eng und rund am Hals mit einem kleinen weißen Kragen, auf der Brust eine Doppelreihe Perlmuttknöpfe, unten ein Faltenrock. Das eine war hellblau und kratzte nicht ganz so schlimm, dafür gehörte zu ihm eine helle Mütze mit Rüschen dran, die mit Bändern unterm Kinn geschlossen wurde. Das andere hatte ein grünblaues Schottenmuster; sein wollener Stoff kroch immer hinten an den Strumpfhosen hoch. In beiden Kleider sah ich aus wie ein richtiges braves strunzlangweiliges Spießer-Mädchen, ohne noch zu wissen, was ein Spießer ist.

Ich habe Jahre, nein: Jahrzehnte gebraucht, um Kleider wieder schön zu finden, dann trug ich sie gerne: vor allem LBDs, little black dresses, mit tiefen Ausschnitten und aus weichen Stoffen, die sich um die Brust schmiegen und kurz unter der Hüfte enden oder lang sind, aber mit Schlitz bis holla! Kleider, die die sich nur durch bloße Willensanstrengung am Körper halten; Kleider, die viel versprechen und wenig halten. Ich liebte Kleider.

Bis ich schwanger wurde. Die Kleider, die schwangere Frauen anziehen sollen, könnten auch aus den ,,Hamburger Kinderstuben" stammen. Stammen sie wahrscheinlich auch. Diese Kleider machen aus einer Frau eine richtig brave strunzlangweilige Spießer-Frau; schlimmer noch: ein Spießer-Neutrum. Sie haben keinen Ausschnitt, dafür sind sie vollwaschbar. Sie sind pastellfarben und in A-Linie, so daß man aussieht wie eine umgedrehte Eistüte. Sie reichen bis zur Mitte der Wade und haben keinen Schlitz, er würde sich eh irgendwo im Stoff verlieren. Zu ihnen passen keine halterlosen schwarzen Strümpfe und keine Stilettos, sondern nur Birkenstocks, in denen eine Frau geht, als hätte sie Betonmischmaschinen an den Füßen.

Wenn ich diese Sachen auf ihren Bügeln berühre, erwarte ich, jede Sekunde die Stimme meiner Mutter zu hören, die zu mir sagt: "Ach Tinchen, stell Dich doch nicht so an, Du probierst das jetzt mal." Ich habe nichts probiert, immerhin. Ich habe einfach das am wenigsten häßliche Kleid gekauft. Es ist schwarz und so weit, daß ich daraus später fürs Kind ein Spielzelt machen kann. Meine Freundin J., die vor vier Wochen einen Sohn geboren hat, sagt: Ich würde Dir ja meine zwei Schwangerschaftshosen leihen, diese mit dem schwitzigen Elastikeinsatz um den Bauch - aber Du bist leider einen Kopf größer als ich, also wären es gerade mal Capri-Hosen bei Dir.

Neulich sah ich in einer Zeitschrift, daß viele berühmte Designer für den Popstar Madonna Schwangerschaftsmoden entworfen haben. Madonna soll etwa im selben Monat sein wie ich. Es waren sehr, sehr schöne Kleider darunter: luftig, sexy, in wilden Farben und Formen. Nicht eines davon wird je in Serie gehen. Warum?

Was will die Industrie? Die Industrie produziert für uns große Klamotten mit kleinen Teddybärchen und Blümchen drauf. Sie will uns für die Schwangerschaft strafen. Sie will, daß wir lieb, süß und asexuell aussehen. Die Industrie will Frau gleich Mutter gleich Gebärmutter. Innendrin beschäftigt und ungefährlich außenrum.


bettina schneuer auf dem sofa
eins, zwei, drei. alle folgen