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die welt verbessern | von kirsten rick
 
       
  faithless  
     
 

 

Kann man "Faithless" beschreiben?

Maxi Jazz: Man kann jemandem, der noch nie einen Apfel gegessen hat, nicht beschreiben, wie ein Apfel schmeckt. Man kann ihm diesen Apfel nur geben und sagen: "Hier, probier mal!" Faithless kann man nicht definieren oder kategorisieren.

Sister Bliss: Faithless steht nicht für eine festgelegte Sache. Rap ist das Zentrum unserer Musik, aber es ist nicht nur Rap. Dazu kommen Balladen, ekstatische Tanzmusik - es ist unmöglich zu beschreiben, was Faithless ist. Man kann nur sagen, was Faithless nicht ist. Es ist nicht Hardrock, es ist nicht Metal, es ist definitiv nicht Gangsta-Rap. Faithless ist vieles nicht.

Was glauben Sie, was die Leute zu Hause mit dem Faithless-Album machen?

Bliss: Das müssen Sie die fragen! Es ist schon erstaunlich: Tausende von Menschen kommen zu unseren Konzerten, noch mehr kaufen unsere Platten - und wir haben keine Ahnung, was die zu Hause damit machen. Putzen sie ihre Wohnung? Fahren sie Auto? Keine Ahnung. Im Konzert sieht man eine direkte Reaktion. Aber wenn man ein Album macht, hat man keine Vorstellung, wie das wohl ankommt. Wenn man viele Platten verkauft, kann man vielleicht davon ausgehen, dass die Leute das Album mögen. Ich wünschte manchmal, ich könnte Faithless so hören wie jemand, der es nicht gemacht hat.

Maxi Jazz: Ich wollte mir immer meine eigenen Konzerte ansehen. Hat aber nie geklappt. Wenn man auf der Bühne ist, sieht man nie, was das Publikum eigentlich tut. Man sieht sie nur von weitem. Aber wir haben uns neulich ein Video von einem unserer Konzerte angesehen. Man ist plötzlich im Publikum mittendrin. Das ist wirklich erstaunlich. Wenn man sieht, wie sich alle diese Menschen amüsieren. Man sieht sie an und denkt sich: Die haben bestimmt alle ihre Probleme. Alle Menschen haben Probleme. Aber in diesem Moment sind die Probleme genau dort, wo sie sein sollten: Ganz weit weg. Wenn man dieses Gefühl von Freude in einem Konzert haben kann, dann kann man das auch mit nach Hause nehmen. Dann kann man dieses Gefühl immer wieder haben. Man kann es stimulieren, indem man die Musik hört oder sich einfach zurückerinnert.

Sister Bliss: Das macht Musik so mächtig. Menschen ändern ihr Leben. Menschen hören sich einen Song an, sind bewegt, denken über ihr Leben nach.

Kann Musik auch gefährlich sein?

Sister Bliss: Absolut! Wir haben Mikrofone! Musik ist sehr mächtig! Die Leute vergöttern einen leicht. Gefährlich! Aber die Intentionen von Faithless sind nur die besten. Es ist nicht einfach eine stumpfe Ego-Show. Es ist eine positive Energie, ein bisschen wie Tantra-Sex. Gut. Die Leute gehen nicht aus einem Faithless Konzert und haben Lust, ein paar Asiaten zusammenzuschlagen. Oh nein! Das passiert einem vielleicht bei Skinhead-Neonazi-Bands.

Maxi Jazz: Wenn man vor 20.000 Leuten spielt, sollte man schon sicher gehen, dass die Musik positive Vibes hat. Schwulenfeindlichkeit, Rassismus - all diese Dinge können durch Musik übertragen werden. Nationalhymnen sind dafür das beste Beispiel. Es gibt keine Nationalhymne, die nicht irgendwie kriegerisch klingt. Die erwecken fast militaristische Leidenschaft. "Kämpfe für dieses Land!" ist die Botschaft. Und wenn diese Leidenschaft erst mal erweckt ist, dann kann leicht jemand kommen und sagen: "Sieh mal, alle Menschen mit rotem Haar oder grünem Pullover sind eine Bedrohung für uns." So einfach ist das.

Zu einer Textzeile: Weiß das rechte Auge immer, was das linke tut?

Maxi Jazz: Wenn man das rechte Auge schließt und nur durch das linke schaut, hat man eine Perspektive. Wenn man das umgekehrt macht, hat man eine andere Perspektive. Die Augen haben verschiedene Perspektiven. Aber sie müssen zusammenarbeiten, damit man das ganze Bild bekommt. Wenn du nur ein Auge hast, dann bist du nicht in der Lage, etwas zu fangen. Das linke Auge braucht das rechte, das rechte Auge braucht das linke. Männer und Frauen haben verschiedene Perspektiven, schwarze und weiße Menschen haben verschiedene Perspektiven, Inder und Pakistanis haben verschiedene Perspektiven. Sie brauchen einander. Es gibt keinen Grund, gegeneinander zu kämpfen.

Warum brauchen wir einander?

Maxi Jazz: Weil die Welt so ist. Es gibt bestimmte Regeln. Die existieren einfach. Und die leugnet man besser nicht. Wie die Schwerkraft. Man spielt nicht mit der Schwerkraft. Wenn ich jetzt aus diesem Fenster springe, dann sterbe ich ? weil es das Gesetz der Schwerkraft gibt. Alle Lebewesen sind miteinander verbunden. Als Menschen glauben wir oft, dass das nicht so wäre. Dass wir unabhängig voneinander seien. Katholiken und Protestanten. Männer und Frauen. Rothaarige, Blauäugige. Immer wenn es Unterschiede gibt, kämpfen die Menschen deswegen. Verrückt! Unterschiede machen doch das Leben erst aus. Dadurch lernt man doch erst!

Es wäre sehr langweilig, wenn alle gleich wären.

Maxi Jazz: Langweilig! Genau! Als DJ habe ich gelernt: Wenn ich auf einer Party aufgelegt habe, auf der nur Weiße waren, kam immer jemand, der fragte, ob ich nicht mal was von Bruce Springsteen spielen könnte. Wenn ich auf einer Party gespielt habe, wo nur Schwarze waren, waren alle zu cool zum tanzen. Niemand bewegte sich. Die einzigen Parties, die richtig klasse waren, waren die, wo Weiße und Schwarze gemischt waren. Die wollten dann voreinander angeben und haben getanzt wie wild. So hat das immer funktioniert. Wenn man ein gemischtes Publikum hat, wird es ein guter Gig. Wenn man nur eine Sorte Menschen im Publikum ist - tja.

Und wenn da nur Journalisten sind, ist es am Schlimmsten.

Maxi: Du sagst es! Das ist aber sicher das Schlimmste! Nicht zu schlagen. Da fragen wir uns: Warum sind wir überhaupt aus dem Haus gegangen?

Ist Erfolg wichtig?

Maxi Jazz: Ja. Zuerst für dich selbst. Da gibt es diese falsch verstandene christliche Regel, dass man, um glücklich zu sein, keine materiellen Besitztümer haben dürfte. Der Erfolg ist eine Möglichkeit, sich selbst zu beweisen, dass das eigene Leben richtig ist. Wenn man etwas produziert, dann möchte man doch, dass die Leute das mögen. Und dieses Mögen drücken sie dadurch aus, dass sie das Produkt kaufen. Und damit zeigen sie dir, dass dein Leben so richtig ist.

Gibt es in dieser Welt genug Liebe?

Sister Bliss: Es könnte genug Liebe geben.

Maxi Jazz: Es gibt genug Liebe in dieser Welt - die Menschen nutzen sie nur nicht. Jedes menschliche Wesen trägt unbegrenzt viel Liebe und Weisheit in sich - man muss das nur selber erkennen und freisetzen. Doch die Leute sind selbstsüchtig. Wenn alle ihr denken ändern würden, wäre die Welt brillant.

Wie kann man sich ändern?

Maxi Jazz: Man muss intelligent genug sein, aus seinen Fehlern zu lernen. Man macht einen Fehler wieder und wieder und wieder - und irgendwann hat man genug davon. Und wenn man wirklich genug hat, dann denkt man über neue Lösungen nach. Das trifft für Individuen und für die ganze Menschheit zu. Deshalb habe ich auch keine besondere Angst, dass die Menschheit ihren natürlichen Lebensraum völlig zerstört. Sie wird rechtzeitig Lösungen finden. Aber das wird noch einige Generationen dauern, bis sie aufwacht.

Sister Bliss: Der Regenwald wird das wohl nicht überleben. Es wird ein sehr schmerzhafter Weg. Umweltzerstörung, Kriege, Überfischung - vielleicht lernen die Menschen daraus.

Maxi Jazz: Es wäre nicht allzu schwierig, umzudenken. Ich bin erst 40 Jahre alt und habe schon so viel gelernt - warum sollte die Menschheit es nicht in ein paar hundert Jahren hinkriegen, all die Probleme zu lösen?

Die braucht aber bestimmt ein wenig Nachhilfeunterricht.

Maxi Jazz: Genau. Und deshalb bin ich Musiker. Man nimmt das Wissen der Vorfahren - wenn man mit Musik zu tun hat, dann hat man auch mit einem große Erbe zu tun. Musik, Reime, Gedichte waren immer schon ein kulturelles Werkzeug, um die kommenden Generationen zu informieren. Wenn man irgendetwas zu sagen hat und wenn man dann auch noch Musiker ist - dann sollte man es auch sagen! Natürlich kann man auch einfach lustige Tralala-Platten aufnehmen - aber was soll das? Wem ist damit geholfen? Das ist doch eine Verschwendung von Talent! Okay, man verbreitet damit vielleicht zehn Sekunden Fröhlichkeit.

Und das ist nicht genug?

Maxi Jazz: Ich glaube, eines der großen Probleme ist, dass wir nach einem Glück suchen, dass nicht dauerhaft ist. Ich glaube, wenn man einfach bloß einen fröhlichen Mitsing-Song macht, dann macht dieser Song vielleicht die Leute froh, solange er gerade im Radio läuft. Wenn man aber einen Song macht, der von Herzen kommt, dann merken die Leute das und denken darüber nach. Sie fühlen die Melodie noch, wenn der Song schon lange vorüber ist. Und sie wollen ihn wieder hören. Er wird Teil ihres Lebens. Das ist der Unterschied. Es kommt darauf an, ob etwas von Herzen kommt. Aber vielleicht rede ich auch nur Blödsinn.


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