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underglound | von peter praschl
 
       
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In Wien hatte Tex Rubinowitz uns gefragt, ob wir in Hamburg jemanden wüßten, bei dem für ein paar Nächte zwei japanische Musiker schlafen könnten, für die er eine Europa-Tournee organisiert hatte. Die Europatournee bestand aus drei Auftritten in Wien und Umgebung und einem Konzert in Hamburg. Kein Problem, sagten wir, sie können bei uns wohnen.

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Zwei Wochen später erhielten wir eine Email aus Tokyo, in der die beiden sich ankündigten. Sie hießen Sam and Valley und stellten sich folgendermaßen vor: "We are nice Japanese guy and pussy." Ob sie wohl wußten, was Pussy hieß? Wir beschlossen, daß sie es wissen mußten und mailten, sie seien willkommen.

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Ich wußte genau, was Japaner wollen. Kalte Sobanudeln. Immerhin war ich in Tokyo und Kyoto gewesen. Zwar nur zwei Wochen, aber es reichte, um alles über Japanerbedürfnisse zu wissen. So viele Handtücher wie möglich, kalte Sobanudeln und eine Fünfliterflasche Sake. Ich wußte ja, daß Japaner gerne viel Sake trinken.

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Und Pantoffeln nur fürs Klo? Nein, da mußten sie sich eben an den europäischen Lebensstil anpassen. Keine Klopantoffel also.

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sam valley Sie kamen als letzte aus dem Flugzeug. Er trug einen Jeansanzug, ein oranges T-Shirt und einen kläglichen Ziegenbart, bei dem ich sofort an Bernd Begemanns Lied "Du wirst dich noch schämen für deinen Ziegenbart" denken mußte. Sie trug ein schwarzes Sommerkleid und einen Strohhut und sah aus wie auf einem impressionistischen Gemälde. Die Samsonite-Koffer hatten sie mit Extraketten und Vorhängeschlössern zusätzlich gesichert.

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Sie wollten gar nicht mehr aufhören, über die Wohnung zu staunen. 140 Quadratmeter hatte in Tokyo höchstens ein Chef-Yakuza. Ich schämte mich ein wenig dafür, so viel Platz zu beanspruchen. In einem Buch namens "Tokyo Style", das ich auf der Onomatosando gekauft hatte, war zu besichtigen gewesen, daß Japaner in Einzimmerhäusern lebten, von ihren Besitztümern umzingelt wie von einer Armee aus lauter Dingen. Wir hatten es oft betrachtet und dabei alle möglichen Schlußfolgerungen gezogen: Daß sie zur Minidisc geradezu gezwungen wurden. Daß sie deswegen so beherrscht waren, weil sie sich sonst die Köpfe einschlagen hätten müssen. Daß es gar keine andere Wahl gab, als zum Ficken in Love Hotels zu gehen. Warum sie allerdings so leben wollten, habe ich nie herausgefunden. Sie hätten ja auch in Hochhäuser ziehen und in Etagenwohnungen mit 80 Quadratmetern wohnen können. Aber stattdessen zogen sie diese Bonsai-Einraumhäuser in Bezirken vor, die wie Dörfer aussahen und zwei Ubahn-Stunden von den Geschäfts- und Bürozentren entfernt lagen, in denen sich alles Leben in Hochhäusern abspielte. Vielleicht lag es ja an den Erdbeben.

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Kaum hatte ich ihnen ihr Zimmer gezeigt, zogen sie sich um. Sie blieb schwarz (Hosenanzug), er wechselte in einen Pyjama. Orange, kurze Hosen, Frottee. Es war, als hätten wir plötzlich ein japanisches Kind.

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Was ist das, fragten sie. Sobanudeln, sagte ich. Aha, sagten sie. Sie wirkten, als hätten sie noch nie welche gesehen. Dabei hatte es im Flugzeug nach Tokyo schon zum Frühstück Sobanudeln gegeben. Energy Food, sagte er tapfer in seinem orangenen Pyjama. Good! Vielleicht waren sie gar nicht aus Japan.

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Tex hatte offensichtlich angedeutet, wir wären berühmte Journalisten. Deswegen mußten wir ihnen die Amica zeigen. Sie blätterten und lachten bei durchschnittlich jeder vierten Seite. Ah great! sagten sie bei manchen Überschriften. Was merkwürdig war, weil sie kein Wort Deutsch sprachen. Überrascht hat mich das allerdings nicht. Ich hatte genug über die Funktion des Lächelns in der japanischen Kultur gelesen (sogar ein ganzes Buch mit dem Titel "Grammatik des Lächelns"). In Tokyo hatten die Menschen auch immer gelacht, wenn irgendwas geschah, von dem ich nicht die geringste Ahnung hatte, was es eigentlich war, was da geschah. Wenn man zum Beispiel nach dem Weg fragte. Oder etwas zu essen bestellte. Lachen, hatte ich gelesen, war Verlegenheitsindiz. Aber warum machten Überschriften zu Geschichten über Brad Pitt sie verlegen?

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Sie fotografierten uns vor dem Bücherregal, jeder eine Amica in die Kamera haltend. Das würden sie in Tokyo herzeigen und erzählen, sie hätten bei berühmten deutschen Journalisten gewohnt.

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Do you write Music, fragte Valley. Nein, sagte Meike. Sie sahen aus, als wäre Godzilla in der Bay of Tokyo aufgetaucht. Tage später ging mir auf, sie wollten wissen: Do you like music? Die berühmte LR-Schwäche. Und Meike, diese unhöfliche Langnase, hatte zu ihnen, zu Musikern also, gesagt: Nein, ich kann Musik nicht leiden. Wie verfällt man eigentlich auf die Idee, jemanden zu fragen, ob er Musik mag?

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Übrigens war er Valley. Sam war sie. Valley hätte auch nicht zu ihr gepaßt.

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Bevor sie ins Bett gingen, übergaben sie uns ihre Gastgeschenke. Ich hatte in Tokyo gelernt, daß man sie gleich nach der Übergabe wegpackt, um den Schenker nicht zu beschämen, falls man von seinem Geschenk enttäuscht war. Oh great, sagte ich, thank you very much, und legte den Geschenksack zur Seite. Sie konnten ihre Bestürzung kaum verbergen. Open it, sagten sie im Duo. Drinnen waren japanische Schaumbäder und Sam-and-Valley-Tapes. Oh great, sagte ich. Thank you very much. Wir lächelten.

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Am nächsten Morgen saßen sie auf ihren Betten wie gut dressierte Kinder im Internatsschlafsaal. Aufrecht, die Hände auf den Oberschenkeln deponiert, ganz brav. Als sie zehn Minuten später noch immer so saßen, dämmerte mir, daß sie auf Aufforderungen warteten. Come on, breakfast, sagte ich. Erlöst sprangen sie hoch.

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Wir gingen zur Arbeit, sie blieben zu Hause. Wir hatten für sie eine kleine Liste mit must-see-places, Notfalltelefonnummern japanischer Instituitionen und einen Stadtplan vorbereitet, damit sie sich in Hamburg zurechtfanden. Als wir abends nach Hause kamen, saßen sie in ihrem Zimmer, sie waren den ganzen Tag nicht fortgegangen. Sie hätten ihre Instrumente getestet, sagten sie. Es war aber klar, daß sie sich bloß nicht getraut hatten.

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Wir wollten noch den Golden Poodle Club besichtigen, in dem sie am nächsten Abend auftreten sollten. Und danach, sagten wir, zeigen wir euch die Reeperbahn. Sie erschraken. In einem Tokyoter Reiseführer hatten sie gelesen, die Reeperbahn sei das Brooklyn Hamburgs. Kein Japaner, der am Leben hinge, würde sich dort hineinwagen. Quatsch, sagten wir, alles Übertreibung. Außerdem wären wir ja dabei, um sie vor den Gangstern zu beschützen. Es besänftigte ihre Panik nicht, aber ihre Höflichkeitsstandards verlangten, daß sie sich ihrem Schicksal ergaben. Meine Höflichkeitsstandards verlangten, sie nicht als Feiglinge zu entlarven. Also geschah, was ich sagte.

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sv Im Poodle Club war nichts los. Hinter der Theke spülte eine gelangweilte Kellnerin Biergläser. Sie sah aus, als wäre sie gerade aufgestanden. Als ich noch Student war, habe ich mit solchen Frauen am liebsten geschlafen, weil in ihren Gesichtern immer schon die Nähe zum Bett stand. Wahrscheinlich schliefen sie nur deswegen mit einem, um einen Vorwand zu haben, sich wieder hinlegen zu können. Valley war erschüttert. Er hatte sich etwas anderes für das große Deutschland-Konzert der großen Sam-and- Valley-Europatournee vorgestellt als einen versifften Club, der früher eine Spelunke gewesen war, in der sich Matrosen auf Landgang billig besaufen konnten, wenn sie nicht genug Geld für die Hafennutten hatten. Wo ist die Bühne, fragte er. Dabei stand er schon drauf.

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Wenigstens würde der Club voll sein. Mehr als siebzig, achtzig Leute passen beim besten Willen nicht in das Poodle. Wir erklärten ihnen, der Club wäre zugegeben etwas unansehnlich, aber dafür der hippste Ort in Hamburg. Nur die allerangesagtesten Bands, von denen nur die informiertesten Insider wüßten, würden hier auftreten. Das beruhigste sie wieder. Die Kellnerin sagte, sowohl der Wienerpeter als auch Schorsch würden später kommen. Wir beschlossen, essen zu gehen.

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Im R&B, an den Wänden Rhythm-and-Blues- und Memphis-Soul-Legenden, begann Valley soziologische Auskünfte einzuholen.
Wieviel Stunden wir pro Woche arbeiten müßten? Nicht geregelt, sagten wir, wie wir wollen, Hauptsache, wir liefern unsere Geschichten ab. Großes Erstaunen.
Wieviel Jahresurlaub wir hätten? Sechs Wochen. Unsagbares Erstaunen.
Six weeks? Sie hatten eine Woche Urlaub im Jahr. Die Europatour bestand aus zwei zusammengelegten Jahresurlauben. In Tokyo war, was sie machten, völlig subversiv. Zwei Jahresurlaube auf einmal. Alleine nach Europa. Konzerte geben.
Die japanische Jugend, sagte Valley, ist sehr konsumistisch. Es hörte sich nach Johnny-Rottenhafter Verachtung an. Sam stocherte in ihrem Fisch und sah Valley bewundernd von der Seite an. Er war es, der sprach. Sie saß nur dabei.
Er sei, erzählte er, ein alter Hase im Underglound. In einer früheren Band hatte er Velvet Underglound-Coverversionen gepielt und dabei Sam kennengelernt, die eine Art Groupie gewesen wäre. Six weeks? Er konnte es nicht glauben.
In seinem Geldjob arbeitete er in einem Buchverlag, als Lektor, falls ich ihn richtig verstanden habe. Als ich ihm erzählte, daß ich in Japan gewesen wäre, um eine Reportage über Shiseido zu schreiben, fragte er sofort nach Professor Ozawa. Klar sagte ich, ich hatte ein Zweistundeninterview mit ihm. Ozawa ist der Leiter der Shiseido-Forschungsabteilung, der einzige mad scientist, den ich je getroffen habe. Fachgebiet: Altersforschung, im Interview hatte er von einer Shiseido-Studie berichtet, in der bewiesen wurde, daß die Verwendung von Kosmetik den Krankheitsverlauf von Alzheimer verzögere. Wow! sagte Valley, two hours! Offensichtlich wuchs meine Bedeutung in seinen Augen ins Unermeßliche. Ozawa! Sein Vater war wohl in Bekannter Ozawas, sehr einflußreich, genau habe ich es nicht verstanden.
Ich begann zu ahnen, daß Valley für Tokyoter tatsächlich so etwas wie ein Rebell war. Vermutlich war er für eine dieser Großkonzern-Laufbahnen vorgesehen gewesen, hatte sich gegen seinen Vater aufgelehnt, der Ozawa kannte, eine subalterne Karriere als Verlagslektor vorgezogen und machte zu allem Überfluß nebenbei unkommerzielle Musik.
Six weeks! Ozawa! Nun saß er auf seiner Zweijahresurlaubs- Dreistädte-Poodleclub-Eurotour im R&B und aß mit einem Paar, das eine riesige Wohnung, keine geregelte Arbeitszeit und einen Sechswochenurlaub hatte.
Ich schämte mich.

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Im Poodle waren nur ein paar Quertaschen mit aufwendig zerstrubbelten Britpopidiotenfrisuren. Schorsch und der Wienerpeter würden vielleicht noch auftauchen, vielleicht aber auch nicht. Aber morgen würde alles in Ordnung gehen. Keine Sorge, sagte die Kellnerin, die noch sedierter als beim ersten Mal wirkte. Valley überprüfte noch einmal die Bühne. Keine Panik, es war der hippste Club in Hamburg.

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Nie war die Reeperbahn trostloser als an diesem Abend. Überall albanische Kleingangster in Türkenshop- Jogginganzügen, Penner in Schlafsäcken, aggressive Koberer, die uns unbedingt in irgendeine Fickshow hineinbrüllen wollten. Sam und Valley gingen zaghaft einen halben Meter hinter uns, ihren Bodyguards. Prostitutes, sagte ich, als wir an den Nutten in ihren Schifahreroutfits vorbeigingen. Prostitutes, sagte Valley entgeistert. Vermutlich konnte er es nicht fassen, daß es Leute gab, die für Frauen in solchen Outfits und mit solchen Frisuren Geld bezahlten. Are you afraid, fragte Meike. No, lächelten Sam and Valley. Da ging es ihnen besser als uns.

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Schließlich standen wir vor der Amphore, tranken Bier und sahen der Elbe beim Glitzern zu. Das fanden sie groß. All die jungen Menschen mit Quertaschen und Britpopidiotenfrisuren, die vor der Amphore standen und Bier aus Flaschen tranken. Um Mitternacht! Als gäbe es kein Morgen! So locker, so lässig, so frei!
Was die alle machen würden, wollten sie wissen. Bier trinken, abhängen, sagten wir. Und sonst? Merkwürdige Frage. Arbeiten, studieren, alles mögliche. Wow, sagten sie. Und dann sind sie so spät noch unterwegs! Das wäre in Tokyo nicht möglich.
Mir fiel wieder die Ginza um elf Uhr abends ein: An allen Ecken betrunkene Männer in Anzügen, die sich aneinander lehnten, um nicht auf die Fresse zu fallen. In den Eingängen der Hostessen-Bars Kimonofrauen, die ihnen nachwinkten. Noch eine Stunde oder eineinhalb in der Ubahn nach Hause in irgendeine dieser Hühnerstallwohnungen. Sam and Valley redeten irgendwas auf Japanisch. Es wirkte, als überlegten sie, nach Hamburg zu ziehen. Der entspanntesten Stadt des Planeten. Aber ich kann mich auch täuschen. Jedenfalls sahen sie ein wenig verliebt aus. Wie wir, wenn wir nach Amsterdam oder San Francisco kommen. Oder nach Venedig.

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In der Rossi Bar - Noch einen Abhänger? Ja klar - fühlten sie sich erstmals wieder sicher. Lauter gut gewaschene Yuppies in verläßlichen Outfits, HelmutGucciPradasport, saubere Tische, aufwendig gedimmtes Licht. Cool place, sagte Sam. Es war, glaube ich, das erste, was sie in zwei Tagen gesagt hatte. Valley: Was reden die Leute hier alle? Wir: Na ja, über alles mögliche. Was im Job war, wie es ihnen geht, Urlaub. nichts besonders. Das Leben eben. Wieso er das wissen wollte? Was redet ihr denn in Toyko? Nichts. Was heißt nichts? Nichts eben. Wir sitzen bloß da und trinken.

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Zwei Drinks später wurde es geopolitisch. Valley wollte wissen, welchen Ländern die Zukunft gehören würde, das einundzwanzigste Jahrhundert? Keine Ahnung, sagte ich. Es war mir auch egal. Valley: Die USA? Ich: Kann sein. Valley: China? Keine Ahnung, sagte ich, zu unterentwickelt, gefährliche Dynamik, Stadt-Land-Konflikt, Zerbrechen der Gesellschaft. Ich merkte ihm an, daß es ihm Freude machte, was ich über China sagte. You know, what I think, sagte er ernst. I think future belongs to Germany and Japan. Ich: Äh, wie meinst du das, Valley? They do have much in common, sagte er. Ich wußte nicht, wie er es meinte. Faschistische Achse, dominante Regionalmächte, Ordnungsfaktoren? Vielleicht wollte er auch nur höflich sein. Ich mußte dringend aufs Klo.

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Im Auto erzählte Meike: Als ich am Klo war, hätte Valley gesagt, he is big boss. Sofort kam ich mir vor wie ein Yakuza.

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Auch am nächsten Tag, dem Tag ihres Konzerts, verließen sie die Wohnung nicht. Als wir sie abholten, waren sie bereits im Bühnenoutfit. Sie immer noch schwarz, aber ein wenig schicker. Er trug eine Art Schlafanzug, blaue Ornamente auf weißem Grund, eine Mischung aus Judoka-Dress und Delfter Porzellan. Im Poodle Club war merkwürdigerweise Schorsch wirklich da. Ich blieb draußen im Garten sitzen, las die neue Jungle World und hörte dem Soundcheck zu. Es hörte sich an wie eine Art Bonsai-Kraftwerk, Kinderreime und Elektro. Nicht die Art von Musik, die mir liegt. War mir aber egal, ich bin ja nicht in der Szene.

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Irgendwann kam auch der Wienerpeter, der Poodle-Besitzer. Weit über fünfzig, ein echter Strizzi. Muß ein komischer Job sein, einen Club für Hamburger Quertaschenidioten zu betreiben. Wir hechelten gleich gemeinsame Bekannte durch. Markus, Walter und so, die üblichen Verdächtigen aus der Ösi-Mafia. Die Clubszene hatten wir also auch fest im Griff, stellten wir fest.

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sv action

Um halb zwölf war das Poodle gerappelt voll. Lauter Leute, die Sam and Valley kannten, sogar Platten hatten, keine Ahnung, wie man auf Sam and Valley kommen kann, aber ich bin ja auch nicht in der Szene. Irgendwann um halb eins ging das Konzert los. Zwei Japaner, die Frau in schwarz, der Typ in einem Delfter Porzellan-Judoka-Anzug. Zwei Synthis, zwei Mikros, Sam spielte manchmal so etwas ähnliches wie elektronische Flöte. Hörte sich alles ziemlich daneben an, grauenhafter Sound. Bei manchen Stücken trugen sie Masken und führten Robotertänze auf. Die Quertaschen schienen es zu mögen. Am nächsten Tag würden sie erzählen, sie hätten im Poodles zwei komplett irre Japaner gesehen.

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Nach dem Konzert sprintete Valley von der Bühne auf mich, der ich in der ersten Reihe stand, los und schüttelte mir ergriffen die Hand. Was immer das bedeuten mochte: nie habe ich mich mehr wie ein Yakuza gefühlt als in dieser Sekunde. Die Quertaschen starrten mich an, als hätte ich Plattenverträge zu verschenken. Dabei würde ich jemanden wie Sam and Valley sicher nicht signen.

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Ob sie noch irgendwo etwas trinken wollten? Nein, bloß ins Bett. Der Wienerpeter kam noch vorbei, um sich zu verabschieden. Unter dem Arm hatte er einen Kochtopf. Was da drin sei, wollte ich wissen. Marillenknödel, sagte er, hat mir jemand gekocht. Du Sau, sagte ich, und daß es wohl klar wäre, daß ich einen Knödel bekäme. Wirklich nicht, sagte der Wienerpeter, die ess ich alle ganz allein. Was glaubst, wie lang ich kane Marillenknödel gessen hob. Ich hätte auch nicht geteilt.

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Am nächsten Tag hatten sie sich das erste Mal alleine aus der Wohnung getraut, während wir arbeiteten. Sie waren ins Univiertel gegangen (weil Studenten immer die Unangepaßtesten sind) und dabei einen Schreibwarenladen entdeckt, in dem es lauter Keith-Haring-Devotionalien gab. Great Shop, sagten sie unaufhörlich. Is he famous here? This Keith Haling? Yes, sagten wir. Great pen, look, sagten sie und zeigten uns strahlend einen Keith-Haring-Kuli mit ekligen Keith-Haring-Männchen drauf. Sie würden damit angeben können in Tokyo.

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Am letzten Abend luden sie uns zum Essen ein. Keine Chance, dem zu entkommen, sie flehten geradezu, uns auch einmal einladen zu können, bislang hatten wir alles bezahlt, nun mußte das Schuldenkonto ausgeglichen werden. Chinesisch, im Levantehaus. Als wir die Alster entlang fuhren, brachen sie auf der Rückbank in Jubel aus. Wow! How beautiful! Beautiful city! Ah! What is that? A church! Great! How nice! Es war nach vier Tagen Hamburg das erste, was nicht völlig heruntergekommen aussah. Gleich fühlten wir uns schlecht, weil wir sie nicht Tag für Tag in der Stadt herumgeführt hatten, statt ins Büro zu gehen.

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Valley bestellte für alle. Er muß das heimlich mit dem Kellner besprochen haben, während wir noch die Speisekarten studierten. Beim Essen wieder Gespräche über Politik, japanische Jugend, deutsche Jugend, deutsch-japanische Gemeinsamkeiten, ich kann mich nicht mehr genau erinnern. Ich beeindruckte zutiefst mit meinen Kenntnissen der japanischen Kultur, japanischer Lebensmittel, Tokyoter Bezirke. Als ich erwähnte, daß ich auf der Kappamachi gewesen war, jener Straße, wo man die Lebensmittel- Miniaturen für japanische Restaurants kaufen kann, waren sie völlig verstört. Wie konnte ein Fremder es schaffen, zu wissen, wo man Plastiksushis und Plastiksobanudeln bekommt. Valley tat, als müsse er aufs Klo und zahlte für alle. Beim Hinausgehen steckte ich dem chinesischen Kellner heimlich einen Zwanziger zu. Mir war eingefallen, daß man in Japan niemals Trinkgeld gibt.

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Am nächsten Morgen brachten wir sie zum Flughafen, drei Stunden, ehe ihr Flug ging, obwohl wir ihnen erklärt hatten, daß es mit dem Auto nur fünfzehn Minuten bis zum Airport wäre. Als sie bemerkten, daß wir sie nicht belogen hatten, kamen sie aus dem Staunen nicht heraus. The Airport! So close! Zum Abschied sagte Valley noch einmal: Big Boss. Es machte mich stolz.

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Vier Monate später gab es in Hamburg eine der üblichen Sturmwarnungen, nichts Aufregendes. Am Tag danach war in der Mailbox eine Nachricht von Sam and Valley. Sie hofften, der Orkan hätte uns verschont, es ginge uns gut. Wir hatten vom Sturm nicht das Geringste mitbekommen.

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Underglound!


peter praschl auf dem sofa
rno sex, no drugs, no rock n roll. 
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