100 150
100   150
 
singles | von peter praschl
 
       
     
 

In München ging ich auf eine Single-Party. Collosseum, Kunstpark Ost. Muß man auch mal gesehen haben, diese lückenlose Ansammlung von Amüsierläden, für jede Sparte etwas dabei, Samba, Guiness Pub, Espresso Bar, Table Dance, Großraum, Kleinclub, das ganze Spektrum rauf und runter, zwischendrin Dönerstände, T-Shirt-Stände, Leuchtende-Halsreifen-Stände, das komplette Leistungsspektrum. So tritt das Dienstleistungsgewerbe in die Fußstapfen der Industrie, war ja alles früher mal die Pfanni-Fabrik. Kein Kartoffelpürree mehr, dafür miese Parties.

herzilein Wie auch immer, ich entschied mich für die Single-Party, nannte sich Feelings, wer da noch allein nach Hause geht, hieß es, ist selber schuld. 20 Mark Eintritt, gleich hinter der Kasse wurde man von einer Animateurin instruiert, die selbst für Viva zu dumm gewesen wäre. Ich bekam ein Klebeherz, Nummer 1558. Wer mich kennenlernen wollte, konnte im Liebespostamt unter dieser Nummer Briefe an mich hinterlassen. Oder mich auf meiner persönlichen Lovebox anrufen, fünf Tage lang, pro Minute 1,80 oder so ähnlich. Okay, her mit dem Herzen.

Drinnen war es viel zu dunkel, daß um die Nummern auf den Herzen lesen zu können. Außer man wäre so nah rangegangen, daß es wiederum völlig unhöflich gewesen wäre, nichts zu sagen und stattdessen einen Brief zu hinterlassen. Das Liebespostamt war ein durchsichtiges Plastikzelt neben dem Dancefloor, mit lauter Taschen, in die man seine Briefe stecken konnte, sodaß man von außen sah, ob jemand Kontakt aufnehmen wollte. Es gibt Duschvorhänge, die nach diesem Prinzip funktionieren, da kann man dann Blümchenbilder oder Brad-Pitt-Fotos hineinstecken und schon duscht man viel origineller. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber bei Duschvorhängen bricht bei mir sofort Panik aus. Ich gucke dann immer in Knöchelhöhe, und natürlich ist da immer dieser Siffrand, und so sehr man es auch zu vermeiden trachtet, klebt sich dann immer der Duschvorhang an den Knöcheln fest.

tshirt Schlimmer als Duschvorhänge sind eigentlich nur originelle Duschvorhänge. So wie schlimmer als Menschen eigentlich nur originelle Menschen sind. Die sollen am besten in Talkshows gehen, da gehören sie auch hin. Allerdings muß ich gestehen, daß ich mir vor der Singles-Party bei einem dieser T-Shirt-Stände ein originelles T-Shirt gekauft habe. Militäroliv mit einem roten Bolschewikenstern drauf. Vermutlich war ich sentimental. Das einzige, was ich mir zugute halten kann, ist daß ich das Che-T-Shirt dann doch liegen ließ. Obwohl es mich gejuckt hat. So dumm macht einen der Amüsierwillen.

Auf der Single Party lief ich eine halbe Stunde herum, Singles gucken.

Sie sahen genauso verzweifelt aus, wie sie sein mußten, wenn sie auf eine Singleparty gingen. Wer geht schon auf eine Party, bei der man weiß, daß alle anderen mindestens ebenso feige sind wie man selbst? Wer will schon jemanden kennenlernen, von dem man vermuten muß, daß er zu viel Schiß hat, einen anzusprechen? Außerdem war das Geschlechterverhältnis nicht gerade gerecht ausbalanciert. 70 Prozent Männer, 30 Prozent Frauen. Als Frau hätte man aber dennoch niemanden gefunden, bei dem es sich gelohnt hätte, eine message auf die love box zu quatschen.Nach 20 Minuten Cruising in der ehemaligen Kartoffelpürreehalle begegnete mir ein Mädchen mit einem ganz besonders originellen T-Shirt. Drauf stand: Unsere Ehre heißt Treue. Nach der Nummer auf ihrem Herzen habe ich gar nicht mehr geguckt.


peter praschl auf dem sofa
rno sex, no drugs, no rock n roll. 
	    alle folgen