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Im Juli war ich für eine Amica-Geschichte mit Kung Shing in Rodgau, 30 Kilometer von Frankfurt entfernt, sah auch so aus, wie alle Orte aussehen, die 30 Kilometer entfernt sind. Der Mann, den wir interviewten, erzählte, sein Nachbar betreibe einen Versandhandel für Genitalabguß-Sets. Klar, daß wir zu dem hinmußten, wenn wir schon in Rodgau waren. Der erste Impuls, als uns die Tür geöffnet wurde: nur weg hier. Vokuhila, Schnauzbart, Schweinsäuglein, Spitzbauch, feistes Grinsen. Um den Hals hatte er nicht bloß eine Goldkette, sondern eine Goldkette, an der eindeutig eine Goldvagina baumelte. Ähh, Verzeihung, ist das an Ihrem Hals...? Ja, die von meiner Frau.... Sehr schön. Wir wurden in ein Zimmer gesetzt, das seine Geschäftszentrale darstellte. In der Ecke stand eine Art Designer-Gynäkologenstuhl (nicht so medizinisch-kalt aussehend, aber ebenso funktional), an der Wand hingen Gipsabgüsse in Originalgröße - von Vaginen und einer Erektion. Ich dachte sofort: ist ja nur ein Einender. Merkwürdig, wie sehr man zu Kalauern neigt in solchen Situationen. Auf einem Beistelltisch: eine Lampe mit einem milchglastransparenten Silikonschirm, in den ebenfalls ein Vaginalabdruck eingearbeitet war. Da fiel mir nicht einmal mehr ein Kalauer ein.
Noch dringender fanden wir aber eine Nato-Bombe auf das Abguß-Hauptquartier, chirurgischer Eingriff, das Video auf dem Nato-Briefing am Tag danach hätten wir wirklich zu gerne gesehen. Schon, weil der Typ dauernd von Schnecken sprach. Häßliche Frauen hätten häßliche Schnecken, schöne Frauen hätten schöne Schnecken. Da haben Sie eine besonders schöne Schnecke. Und schon hatten wir einen weiteren Gipsabguß in der Hand. Ob denn viele Leute zu ihm kämen, fragten wir, wegen des Gyn-Stuhls im Raum?
Eine Bombe wäre jetzt wirklich gut, dachte ich, los macht schon. Passierte aber nichts. Der Abgießer redete immer nur weiter. Die Moderatorin von Fit for Fun TV wäre auch schon dagewesen. Die hätte sich ihren Hintern abgießen lassen, als Hochzeitsgeschenk. Glücklicherweise hat man am Abdruck ihre Cellulite nicht gesehen, normalerweise sieht man die nämlich. Und ein Modemacher - deutsch, nicht schwul, Wiesbaden, New York - hätte sich von ihm einen Golddildo machen lassen. Drei Kilo Gold. Jetzt wissen wir wenigstens, was Otto Kern mit seinem Geld macht. Nicht, daß wir es je hätten wissen wollen. Neuerdings bekäme er nicht mehr so viele Schneckennegative zugeschickt. Er hatte nämlich die Gebrauchsanweisung neu getextet, sodaß die Kunden besser klarkamen mit dem Produkt. Wollen Sie sehen? Na klar wollten wir. Die Gebrauchsanweisung war barbarisch schlechtes Deutsch, lauter Rechtschreibfehler, völlig unverständlich. Ziemlich gut, sagte ich, wie immer in solchen Augenblicken zu feige. Na ja, sagte der Abgießer, ich bin kein Journalist.... Seit der neuen Gebrauchsanweisung bekäme er wie gesagt seltener Silikonnegative zugesandt. Er hätte jetzt über 500 davon. Wenn ich tausend Schnecken habe, sagte er, mache ich eine Ausstellung. Moment mal, Sie sammeln... Na klar, sagte der Typ, ist alles im Keller. Können wir Fotos machen, fragte Kung Shing. Sehr professionell, muß ich schon sagen. Natürlich konnten wir Fotos machen. Er bestand aber drauf, daß man ihn nicht identifizieren konnte. Deswegen zog er sich um: schwarzes T-Shirt, schwarze Lederhose, Haare mit Wasser nach hinten geklatscht.
Wir gingen wieder nach oben und wurden wieder in den Raum mit dem Gyn-Stuhl gesetzt. Uns fiel aber nicht mehr ein, worüber wir noch reden hätten können. Also ließen wir uns ein Taxi rufen. Ich spielte ein wenig mit der Vaginallampe. Fiel nämlich immer um. Lassen Sie mal, sagte der Abgießer, ist noch nicht ganz ausgereift. Er würde jetzt daran arbeiten, seine Abgüsse dreidimensional zu machen. Damit man es dann nicht beim Anschauen bewenden lassen mußte, sondern mit ihnen wichsen konnte. Ich gebe nur seine Wortwahl wieder. Das jedenfalls war seine neueste Geschäftsidee: Dreidimensionale Schnecken, und zwar von Pornostars. Die würde er dann in Dosen einlassen, die man sich aus Automaten ziehen konnte. (Mir fiel sofort der Satz "ich war eine Dose ein"). Sagen wir, fünf Mark das Stück. Zehn Pornostar-Schnecken zur Auswahl, zum Wichsen. Und danach konnte man sie wegwerfen. Einwegdosen, das absolut todsichere Geschäft. Man mußte nur dafür sorgen, daß sich immer wieder neue Pornostars Abgüsse machen ließen. Aber wenn er erst einmal zwei oder drei dazu gebracht haben würde, könnten die anderen gar nicht anders, als mitzuziehen. Und Sie glauben wirklich, daß jemand das will? Sie haben gar keine Ahnung, was die Leute so wollen, sagte der Abgießer. Ich glaube, das ist jetzt unser Taxi, sagte Kung Shing.
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