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schnecken | von peter praschl
 
       
     
 

Im Juli war ich für eine Amica-Geschichte mit Kung Shing in Rodgau, 30 Kilometer von Frankfurt entfernt, sah auch so aus, wie alle Orte aussehen, die 30 Kilometer entfernt sind.

Der Mann, den wir interviewten, erzählte, sein Nachbar betreibe einen Versandhandel für Genitalabguß-Sets. Klar, daß wir zu dem hinmußten, wenn wir schon in Rodgau waren. Der erste Impuls, als uns die Tür geöffnet wurde: nur weg hier. Vokuhila, Schnauzbart, Schweinsäuglein, Spitzbauch, feistes Grinsen. Um den Hals hatte er nicht bloß eine Goldkette, sondern eine Goldkette, an der eindeutig eine Goldvagina baumelte. Ähh, Verzeihung, ist das an Ihrem Hals...? Ja, die von meiner Frau....

Sehr schön. Wir wurden in ein Zimmer gesetzt, das seine Geschäftszentrale darstellte. In der Ecke stand eine Art Designer-Gynäkologenstuhl (nicht so medizinisch-kalt aussehend, aber ebenso funktional), an der Wand hingen Gipsabgüsse in Originalgröße - von Vaginen und einer Erektion. Ich dachte sofort: ist ja nur ein Einender. Merkwürdig, wie sehr man zu Kalauern neigt in solchen Situationen. Auf einem Beistelltisch: eine Lampe mit einem milchglastransparenten Silikonschirm, in den ebenfalls ein Vaginalabdruck eingearbeitet war. Da fiel mir nicht einmal mehr ein Kalauer ein.

einender Der Genitalabgießer erzählte, seine Frau und er seien eigentlich Zahntechniker, irgendwann sei er auf diese Idee gekommen, er hätte eben Erfahrungen mit Abgüssen. Aha. Er hätte dann diese Abgußsets entwickelt, eines für Männer, eines für Frauen.  Zuerst mußte man mit schnell erstarrendem Silikon (90 Sekunden, sagte der Abgießer) ein Negativ von seinem Genital herstellen - die Männer, indem sie ihre Erektion in ein mit der Masse gefülltes Rohr versenkten, die Frauen, indem sie sich die Masse zwischen den Beinen herunterlaufen ließen (was logischerweise eine Rasur voraussetzte). Aus dem Genitalnegativ wurde dann mit Gips ein Positiv hergestellt, das man mit dem beigelegten Rahmen rahmen und dem beigelegten Bilderhaken an die Wand hängen konnte (natürlich fiel mir sofort der Kalauer ein "ich hänge meinen Schwanz an den Nagel"). Kostet 140 Mark für die Dame, 160 für den Herrn, wegen des größeren Materialaufwandes. Auf Wunsch konnte man dem Abgießer seine Genitalnegative auch schicken, er fertigte daraus Kettenanhänger oder Lampenschirme, bei Männern originalgetreue Silikondildos. Goldene Penisminiaturen dagegen gingen gar nicht, weil kein Mann einen Miniaturpenis haben wollte. Aha. Das Geschäft ginge mittlerweile so gut, daß es ihm 4000 Mark monatlich einbrächte, ein schöner Nebenverdienst, nicht wahr? Fanden Kung Shing und ich auch.

Noch dringender fanden wir aber eine Nato-Bombe auf das Abguß-Hauptquartier, chirurgischer Eingriff, das Video auf dem Nato-Briefing am Tag danach hätten wir wirklich zu gerne gesehen. Schon, weil der Typ dauernd von Schnecken sprach. Häßliche Frauen hätten häßliche Schnecken, schöne Frauen hätten schöne Schnecken. Da haben Sie eine besonders schöne Schnecke. Und schon hatten wir einen weiteren Gipsabguß in der Hand.

Ob denn viele Leute zu ihm kämen, fragten wir, wegen des Gyn-Stuhls im Raum?

schnecke Na klar, sagte der Abgießer. Manche verstehen die Gebrauchsanweisung nicht. Und manche Mädels sind einfach scharf drauf, ihre Schnecken zu zeigen. Da steht dann lauter Streßschweiß im Zimmer. Da kommst du gar nicht mehr mit, so schnell ziehen sich die aus. Völlig irre. Die wollen dann, daß ich die Schnecken in Form lege, muß man ja, manchmal sind die ja ein wenig verknautscht von den Jeans. Muß man ja schön hinlegen. Mit fetten Frauen geht das ganz schlecht. Da ist die Struktur dann raus, weil da so viel Fett ist.

Eine Bombe wäre jetzt wirklich gut, dachte ich, los macht schon. Passierte aber nichts. Der Abgießer redete immer nur weiter.

Die Moderatorin von Fit for Fun TV wäre auch schon dagewesen. Die hätte sich ihren Hintern abgießen lassen, als Hochzeitsgeschenk. Glücklicherweise hat man am Abdruck ihre Cellulite nicht gesehen, normalerweise sieht man die nämlich.

Und ein Modemacher - deutsch, nicht schwul, Wiesbaden, New York - hätte sich von ihm einen Golddildo machen lassen. Drei Kilo Gold. Jetzt wissen wir wenigstens, was Otto Kern mit seinem Geld macht. Nicht, daß wir es je hätten wissen wollen.

Neuerdings bekäme er nicht mehr so viele Schneckennegative zugeschickt. Er hatte nämlich die Gebrauchsanweisung neu getextet, sodaß die Kunden besser klarkamen mit dem Produkt. Wollen Sie sehen? Na klar wollten wir.

Die Gebrauchsanweisung war barbarisch schlechtes Deutsch, lauter Rechtschreibfehler, völlig unverständlich. Ziemlich gut, sagte ich, wie immer in solchen Augenblicken zu feige. Na ja, sagte der Abgießer, ich bin kein Journalist....

Seit der neuen Gebrauchsanweisung bekäme er wie gesagt seltener Silikonnegative zugesandt. Er hätte jetzt über 500 davon. Wenn ich tausend Schnecken habe, sagte er, mache ich eine Ausstellung.

Moment mal, Sie sammeln...

Na klar, sagte der Typ, ist alles im Keller.

Können wir Fotos machen, fragte Kung Shing. Sehr professionell, muß ich schon sagen.

Natürlich konnten wir Fotos machen. Er bestand aber drauf, daß man ihn nicht identifizieren konnte. Deswegen zog er sich um: schwarzes T-Shirt, schwarze Lederhose, Haare mit Wasser nach hinten geklatscht.

rockbitch Wir also in den Keller. Dort hatte seine Frau ihr zahntechnisches Labor. Lagen auch lauter Gebisse rum. Und diese Bestellungen von den Zahnärzten mit den Gebißdiagrammen, Brücke rechts oben. Der Abgießer zog eine Schublade auf, faßte hinein und griff sich eine Handvoll Silikonlappen. Lauter Vaginalnegative. Er wurde ganz versonnen dabei. Ja die, aus Düsseldorf kam die, sehr schöne Schnecke. Dann gab er mir fünf, sieben, eben eine Handvoll zum Begutachten. Das sind die von Rockbitch. Die habe ich gemacht, als sie hier in der Nähe ihr Konzert hatten. Die fanden das ganz toll. Sind ja irre Weiber. Die ficken da auf der Bühne. Völlig durchgeknallt. Er würde jetzt mit denen in Verhandlungen stehen, Merchandising. Damit sie bei ihren Konzerten nicht nur T-Shirts und CDs verkaufen konnten, sondern auch ihre Genitalabgüsse.

Wir gingen wieder nach oben und wurden wieder in den Raum mit dem Gyn-Stuhl gesetzt. Uns fiel aber nicht mehr ein, worüber wir noch reden hätten können. Also ließen wir uns ein Taxi rufen. Ich spielte ein wenig mit der Vaginallampe. Fiel nämlich immer um. Lassen Sie mal, sagte der Abgießer, ist noch nicht ganz ausgereift.

Er würde jetzt daran arbeiten, seine Abgüsse dreidimensional zu machen. Damit man es dann nicht beim Anschauen bewenden lassen mußte, sondern mit ihnen wichsen konnte. Ich gebe nur seine Wortwahl wieder. Das jedenfalls war seine neueste Geschäftsidee: Dreidimensionale Schnecken, und zwar von Pornostars. Die würde er dann in Dosen einlassen, die man sich aus Automaten ziehen konnte. (Mir fiel sofort der Satz "ich war eine Dose ein"). Sagen wir, fünf Mark das Stück. Zehn Pornostar-Schnecken zur Auswahl, zum Wichsen. Und danach konnte man sie wegwerfen. Einwegdosen, das absolut todsichere Geschäft. Man mußte nur dafür sorgen, daß sich immer wieder neue Pornostars Abgüsse machen ließen. Aber wenn er erst einmal zwei oder drei dazu gebracht haben würde, könnten die anderen gar nicht anders, als mitzuziehen.

Und Sie glauben wirklich, daß jemand das will?

Sie haben gar keine Ahnung, was die Leute so wollen, sagte der Abgießer.

Ich glaube, das ist jetzt unser Taxi, sagte Kung Shing.


peter praschl auf dem sofa
rno sex, no drugs, no rock n roll. 
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