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dim sums | von peter praschl
 
       
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Ich wollte auch endlich in einer halben Stunde eine Million verdienen. Lange genug hatte ich Idioten zugesehen, die Moses Pelham für einen alttestamentarischen Propheten und Frisco für ein Wandgemälde hielten. Ich wußte alles, was sie nicht wußten, und ich wußte noch mehr. Wenn man wissen hätte wollen, worüber in der legendären Ludwig-Debatte debattiert wurde oder warum Bud Powell so schnell Klavier spielen konnte, hätte man mich fragen können, kein Problem. Leider wurden solche Fragen nie gestellt. Höchstens in Risiko, dem Quiz für Fachidioten, bei dem man aber nur 9800 Mark und die 24bändige Brockhaus-Enzyklopädie gewinnen konnte. Ich brauchte aber keine 24bändige Enzyklopädie. Ich wußte sowieso alles. Außerdem war ich kein Fachidiot. Ich wußte sogar, mit welchem Wort jeder einzelne Hera Lind-Roman beginnt. Ich war ein Universalidiot. Und ich wollte die Million. Sie stand mir zu, soviel stand fest.

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Also beschloß ich, Meike zum Casting für die neue ZDF-Quizshow Gier zu begleiten, zu dem sie eingeladen worden war. Der Name überzeugte mich. Ich fand es bemerkenswert, dass das ZDF sich entschlossen hatte, ehrlich zu sein. Sonst tut das ja keiner, obwohl Gier der Motor allen Fortschritts ist. Hier sprach es endlich jemand aus. Das war ein Anfang. Wenn er Erfolg hätte, würden möglicherweise alle Fernsehsendungen in Zukunft ehrliche Namen tragen. Liebe Sünde hieße Arsch und Titten für Wichser, die Tagesschau Desinformation und Domian Verlierer sprechen sich aus. Das wäre doch ein Fortschritt, dachte ich. Außerdem war ich gierig auf die Million.

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Das Casting für Gier fand im Hotel Royal von Elmshorn statt. Elmshorn ist der Ort, aus dem Michael Stich kommt, das sieht man ihm an. Trostlos. Kein Ort, der dringend ein Hotel Royal braucht. Es lag in einem Industriegebiet und war in klassischem Habsburgergelb gestrichen, hatte einen Konferenzsaal und ein angeschlossenes Schwimmbad. Man konnte sich nicht vorstellen, wer im Industriegebiet von Elmshorn absteigen sollte. Ich tippte auf Drückerkolonnen, die sich auf Feldzüge gegen Rentner vorbereiteten. Der Speisesaal war dunkel getäfelt, auf der Tageskarte stand Zigeunerschnitzel. Wahrscheinlich gab es beim Frühstück auf jedem Tisch einen kleinen Eimer mit der Aufschrift "Tischabfälle". Vor dem Konferenzsaal warteten schon andere Casting-Kandidaten. Ein Blick in ihre Gesichter, und ich wußte, daß ich es schaffen würde. Die anderen sahen alle aus, als würden sie die Million viel dringender brauchen als ich, aber als könnten sie nichts damit beginnen. Das waren gute Voraussetzungen: Sie würden keinen guten Eindruck machen bei der Vorstellungsrunde. Das Fernsehen braucht lockere Spielkandidaten, keine Schmerzpatienten in verwaschenen Kleinstadtkaufhauswindjacken und fusseligen Leggins. Wir musterten einander fast feindselig. Heute, acht Wochen später, schäme ich mich dafür. Wie kommt es, dass auch in mir die Bereitschaft steckt, Konkurrenten inbrünstig zu verachten, statt das Spiel, das uns zu Konkurrenten macht? Ich sollte es besser wissen. Ich weiß es auch besser. Und dennoch spielte ich mit. Vorläufig jedenfalls. Im Auto hatte ich zu Meike gesagt, daß ich auf die Frage, was ich mit der Million machen wolle, "den bewaffneten Kampf unterstützen" antworten würde. Gibt es irgendwo noch bewaffnete Kämpfe, die unterstützenswert sind? Mir fällt keiner ein. Das Fernsehen macht jeden blöd, und umso blöder jene, die sich für schlau halten.

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Ich bekam ein Namensschild für das Revers und ein Schreibbrett und nahm mit meinen Konkurrenten Platz auf einem Drückerkolonnenstuhl. Eine Casterin (Nebenjob, nach dem Studium würde sie vermutlich "irgendwas mit Medien" machen) erklärte, dass Gier nicht mehr Gier, sondern Cash hieß. Mit Gier hatten sie Schwierigkeiten gehabt, Kandidaten zu finden. Deutschland ist eben doch ein Land, in dem man sich nicht zu seinen Motiven bekennt. Ich blieb dennoch da. Obwohl man die Million nicht cash auf die Hand bekommen würde, sondern erst nach Ausstrahlung der Sendung. Niemand wußte, wann das sein würde. Das ZDF suchte erst noch einen Sendeplatz. Außerdem mußte man erst abwarten, ob die ersten Cash-Aufzeichnungen gefielen. Es konnte also sein, dass man eine Million gewann und sie dann doch nicht bekam, weil den ZDF-Oberen das ganze Konzept plötzlich nicht mehr gefiel. Schweine, dachte ich, deswegen verbringe ich einen herrlichen Herbstsamstagnachmittag im Grand Hotel von Elmshorn?

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Die erste Etappe des Cash-Castings war ein Wissenstest. Pro Frage gab es vier richtige Lösungen, die man aus einem Antworten-Pool größer als vier fischen mußte. Etwa: Wer gehörte zu den Beatles? A. John B. Paul C. George D. Ringo. E. Erwin. Richtige Antwort: A, B, C und D. Pro Frage wurde der Antwortenpool um eine Möglichkeit größer. Wer genügend richtige Antworten hatte, schaffte es in die nächste Etappe. Die einzige Frage, bei der ich Schwierigkeiten bekam, war die nach den Geschmacksrichtungen von Pringle Chips. Nach einem Dutzend Fragen wurden die Schreibbretter eingesammelt, damit die Nebenberufs-Caster sie auswerten konnten. Wir sollten so lange hinausgehen.

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Wir unterhielten uns mit einer Frau, die aussah, als hätte ihr Mann sie sieben Jahre lang mit einer Älteren betrogen: bis in jede einzelne Zelle hinein verbittert. Natürlich hatte sie Leggins an und sich rote Strähnchen färben lassen. Sie hätte im letzten Jahr 30 Kilo abgenommen und außerdem das Kettenrauchen aufgehört. Kein Problem, sagte sie, man muß nur den Willen haben. Doch ihr Gesicht war Propaganda dafür, nie wieder Willen aufzubringen. Sie hatte es schon bei Pilawa versucht, war aber nicht genommen worden, obwohl sie alles gewußt hatte. Wie sie es sagte, ahnte man, wie abgewiesen sie sich fühlte. Kann es sein, dachte ich, daß das Fernsehen zu einer Institution mit dem Zweck geworden ist, Menschen mitmachen zu lassen? Daß Menschen sich schlecht fühlen, wenn sie nicht mitmachen dürfen? Übrigens hätte auch ich die Frau nicht mitmachen lassen: man muß zwar mitmachen wollen, aber so tun, als würde man nicht mitmachen wollen, als wäre alles nur ein Spaß, eine Idee, als hätte man sich nur aus einer Laune heraus beworben, als hätte einem die Frau, der Sohn angemeldet. Ich wußte, dass es die Frau nicht schaffen würde.

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mainzelmaennchen Alle hatten wir den Wissenstest bestanden und durften zur zweiten Etappe antreten. Sie bestand darin, dass wir eine Cash-Sendung simulieren sollten. Dazu wurden Fünfer-Teams gebildet, deren Mitglieder mit- und gegeneinander antraten. Einerseits durfte man im Team keine Lusche haben, die irgendeine Frage nicht wußte, weil sonst das gesamte Team (also auch die Universalgenies, die alles wußten) ausschied. Andererseits konnte man die Luschen loswerden, indem man sie in den sogenannten Terminator-Zwischenrunden im Mann-gegen-Mann-Duell besiegte und ihren Anteil einkassierte. Schon klar: Je mehr Quiz-Sendungen ins Fernsehen kommen, desto komplizierter müssen die Regeln werden, man will sich ja voneinander unterscheiden. Andererseits hatten die Cash-Regeln was: man wurde gegeneinander gehetzt, musste sich entscheiden, ob man den anderen ihren Gewinn gönnen oder ihnen ihren Gewinnanteil abnehmen wollte. Ich schwor mir, nett zu sein, falls ich mich für oder gegen das Terminator-Duell entscheiden sollte, und niemanden herauszufordern. Es war ja nur das Casting. Zu gewinnen gab es vorläufig keine Million, sondern pro Team nur fünf Heinzelmännchen, von denen jedes für 200.000 Mark stand. Wollte ich fünf Heinzelmännchen haben?

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Ich war in Team 2. Genau wie die Frau, die kraft ihres Willens 30 Kilo abgenommen und das Kettenrauchen aufgehört hatte. Bevor es losging, mussten wir uns alle vorstellen. Wer wir wären, womit wir unser Geld verdienten, welche Hobbies wir hätten, was wir mit der Million machen würden. Ich habe keine Hobbies. Ich hasse schon die Vorstellung, ein Hobby zu haben. Hobbies sind Beschäftigungen, die einem mit dem Zustand einer Welt versöhnen sollen, die den Menschen in schlecht bezahlte Arbeitskräfte und unbezahlte Arbeitskraft-Reproduktions-Artisten spaltet; ich bin eine ganze Person. Also sagte ich auf die Frage nach meinen Hobbies: In meiner Freizeit erforsche ich das Universum des Nichtstuns. Was wir uns darunter vorstellen sollen, fragte ein Nebenberufs-Caster. Ich würde auf dem Sofa liegen und nichts tun, sagte ich. Ich würde herumhängen, abhängen, durchhängen. Ich wüßte, wieviele Arten des Nichts es gibt und wie wunderbar sie sich alle anfühlten. Ich hätte lange studiert, auf wie viele Arten man ins Nirwana starren könne, und wie schön das Nirwana aussähe. Die Leute auf den Drückerkolonnenstühlen lachten, und sie spendeten sogar Szenenapplaus. Irre, dachte ich eine Zehntelsekunde lang, die spenden in einem Casting Szenenapplaus, als wären sie schon in der Sendung. Vielleicht sind ja die Castings ihre Sendungen? Vielleicht gehen sie zu Castings, um das Gefühl zu haben, sie wären in der Sendung, oder zumindest: beinahe. Ich muß gestehen, dass mich der Szenenapplaus stolz machte. Ja, dachte ich, ich habe es geschafft, ich bin gut fürs Fernsehen, ich bin ein Entertainer, ein geborenes Showtalent. Was ich mit der Million machen würde, im Fall des Falles, fragte der Nebenberufs-Caster. Mit der einen Hälfte würde ich die perfekte Party machen, sagte ich, und die andere Hälfte würde ich spenden. Der Caster sah beglückt aus: ich war die perfekte Mischung aus originellem Hedonismus und sozialem Gewissen. Ein toller Kandidat. Ich fühlte mich großartig. Ist es nicht zum Kotzen, wie verdorben man ist?

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Die anderen Kandidaten sagten: sie würden in ihrer Freizeit Modelleisenbahnanlagen betreiben; klassischen Turniertanz betreiben; im Internet surfen; Homepages gestalten; Blumen züchten, und manchmal würde "die Nacht lang werden". Die anderen Kandidaten sagten: Mit der Million würden sie verreisen. Alle sagten sie, sie würden verreisen. Frag einen Deutschen, was er machen würde, wenn er Geld hätte, und er sagt, dass er abhauen will. Nicht hier bleiben. Mal raus kommen. Tapetenwechsel, Ortswechsel. Keiner fühlt sich wohl, wo er ist. Nicht so wohl, daß er bleiben möchte. Oh Gott.

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Eine der Fragen, die wir zu bestehen hatten, lautete: "Welche vier von den folgenden Hits stammen von Depeche Mode?". Ich hasse Depeche Mode. Aber ich wußte, daß "People Are People" von Depeche Mode ist. Es ist schrecklich, wieviel man weiß, was man gar nicht wissen will. Die Ex-Kettenraucherin wählte in der Terminator-Runde die andere Frau und schied aus. In der wirklichen Sendung hätte sie 10.000 Mark mitgenommen, in Elmshorn hatte sie nur ihr Casting endgültig vergeigt. In der nächsten Terminator-Runde forderte die Besiegerin der Ex-Kettenraucherin mich zum Duell heraus. Ich kann mich nicht mehr an die Frage erinnern, aber ich gewann. Nun hatte ich drei Anteile. Und Kapitän war ich auch, der Typ, der entscheiden durfte, ob wir weitermachen wollten. Wir machten weiter, noch zu dritt. Die Millionenfrage lautete: "Welche vier von den folgenden Pferden kommen bei Karl May vor?" Keine Ahnung, muß ich zugeben. Karl May hat mich nie interessiert. Aber irgendwie haben wir es doch geschafft, die anderen beiden hatten Karl May gelesen, und ich tippte richtig. In der richtigen Sendung hätten wir die Million gewonnen, und ich davon drei Anteile, also 600.000 Mark. Weil es nur das Casting war, gab es drei ZDF-Heinzelmännchen. Gut fühlten sie sich an in meiner Hand. Man würde uns anrufen, wenn das ZDF sich für uns als Kandidaten entscheiden würde, sagten die Nebenberufs-Caster. Ich war sicher, ich würde dabei sein. Ich hatte drei Heinzelmännchen gewonnen und Szenenapplaus gehabt. Besser geht´s nicht.

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Sie riefen mich an. (Meike natürlich auch, das war klar, aber darum geht es hier nicht.) Sie wollten mich haben. Es hörte sich an, als wollten sie mich UNBEDINGT haben. So freundlich hatte schon lange niemand mit mir telefoniert. Sie hatten mich auch zwei Tage vor Meike angerufen. Sie wollen dich haben, sagte Meike, unbedingt, du bist der ideale Kandidat. Zwei Tage später bekam ich einen Brief von Pearson TV. Man hätte für mich ein Zimmer im Kölner Novotel gebucht, zwei Nächte. Das Zugticket würde mir zugehen. Ich sollte Garderobe zum Wechseln mitnehmen, nichts Weißes und nichts Schwarzes, der Kamera zuliebe. Meike und ich verteilten schon die zwei Millionen, die wir gewinnen würden. Natürlich kam in unseren Dispositionen keine Spenden vor. Warum sollten wir etwas abgeben? Und wem auch?

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Das Novotel lag im Nirgendwo in der Nähe Kölns. Wenn ich mich nicht täusche, liegen alle Novotels in der Nähe von Städten und nie in den Städten selbst. Eine merkwürdige Geschäftsidee, wenn man darüber nachdenkt: Hotels an Nicht-Orten zu bauen. Wer da wohl wohnen mag, abgesehen von Quizkandidaten? Es gab alles, was es in trostlosen Hotels immer gibt: einen Fernseher, der mich begrüßte, ein kleines Stück Schokolade auf dem Kopfkissen, Pay-TV-Porno-Kanäle, eine Minibar mit Winzschnapsflaschen für Alkoholiker, Formulare für Verbesserungsvorschläge, die Speisekarte des Hotelrestaurants. Ich bestellte ein Steak mit Sahnesauce und sautierten Champignons. Das Hotel lag so weit von Köln entfernt, dass es sich nicht lohnte, zum Essen in die Stadt hineinzufahren, und ein Steak ist ein Stück Fleisch, bei dem man nicht viel falsch machen konnte. Ich mußte bloß die Champignons und die Sahnesauce an den Tellerrand schieben. Im Fernsehen lief "Wer wird Millionär". Eine Kandidatin sagte auf die Frage, welches Lied nicht von den Beach Boys gewesen wäre, "Surfing Safari". Idiotin, brüllte ich mit steakvollem Mund den Fernseher an, Surfing Elvis, das weiß doch jeder, daß Surfing Elvis nicht von den Beach Boys ist. Am nächsten Tag, soviel stand fest, würde ich die Million gewinnen.

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Am nächsten Morgen wurde ich von einem Fahrer nach Köln-Hürth chauffiert. Sehr gut, dachte ich, ein eigener Fahrer nur für mich. Das sprach dafür, dass sie mich unbedingt haben wollten. Im Produktionsgebäude wurde ich von einem Nebenberufs-Kandidatenbetreuer in Empfang genommen und in ein Wartezimmer gebracht, in dem ich mit drei anderen Kandidaten auf die Cash-Aufzeichnung warten sollte. Es gab also vier Teams. Und insgesamt sechs Kandidaten-Wartezimmer, da jedes Team aus sechs Kandidaten bestand. Die Kandidaten jedes Teams sollten einander erst in der Sendung kennenlernen und nicht schon vorher auf starke und schwache Fachgebiete abklopfen können. Also wurden wir voneinander abgeschottet. Wenn wir aufs Klo müßten, sagte der Kandidatenbetreuer, müßten wir uns anmelden, er würde dann zuerst per Funk klären, ob das Klo frei wäre. Wann die Aufzeichnung wäre? Um halb sieben, spätestens halb acht. Bis dahin waren es noch sieben Stunden. Keine Sorge, sagte der Kandidatenbetreuer, die gehen schnell vorbei. Ihr bekommt noch ein Briefing im Studio, Maske, Garderobe, wir müssen uns noch mit euch unterhalten, für die Moderation von Ulla, da sind sieben Stunden schnell um. Und nicht vergessen: Wenn jemand aufs Klo will, muß er es mir sagen.

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Noch einmal wurden wir zur Person einvernommen. Die bekannten Fragen. Welche Hobbies, was wir mit der Million machen wollten. Ich erzählte dasselbe wie beim Casting in Elmshorn. Der Kandidatenbetreuer war ratlos. Was heißt: du hast kein Hobby? Du mußt doch ein Hobby haben. Ja, sagte ich, das Nichtstun. Das Nichtstun ist wahnsinnig spannend. Ich versuchte möglichst euphorisch zu klingen, wie ein Aerobic-Trainer. Der Kandidatenbetreuer guckte skeptisch, aber nahm es zu seinen Akten. Und was heißt, du willst mit dem Geld eine Party machen? Na ja, sagte ich, die perfekte Party, gute Musik, besten Wein, am besten auf Tonga oder sonstwo in der Südsee, die Herren tragen gut geschnittene Abendanzüge, die Juwelen der Frauen klimpern mit den Eiswürfeln in den Cocktailgläsern schöne Duette. Eine öffentliche Party, wollte der Kandidatenbetreuer wissen. Nein, sagte ich, nur meine Freunde. 20 oder so. Er sah mich an, als wäre ich ein Schwein. So viel Geld für 20 Leute an einem Abend verpulvern. Ach ja, sagte ich, die andere Hälfte will ich spenden. Ich weiß aber noch nicht an wen. Irgendetwas Sinnvolles. Er schrieb es auf. Er sah nicht so aus, als hätte ich ihn überzeugt. Was für ein Depp, dachte ich. Laßt mich vor das Fernsehpublikum, und ich werde Szenenapplaus bekommen. Ich bin originell, ich bin witzig, ich habe Träume, die sonst keiner hat, ich bin ein Unikum. So wie Mütze, der Zahnlücken-Rocker in Wer wird Millionär. Immer noch war ich überzeugt, dass ich es schaffen würde. Die anderen in meinem Wartezimmer erzählten das Übliche: dass Sie gerne reisen würden. Zum Heli-Skiing nach Kanada. Und über den "großen Teich" mit der Queen E. Und die Frau wollte gemeinsam mit ihrem Freund ein Tanzstudio aufmachen. Langweile eben. Keine Konkurrenz für mich.

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Wir wurden ins Studio geführt, in dem Cash aufgezeichnet wurde. Futuristische Grau-in-Grau-Deko, Pulte wie im Raumschiff Orion. Stellproben. Der Kapitän geht hierhin, wenn ihr ausscheidet, geht ihr hier ab. In der Terminatorrunde wird der Buzzer automatisch ausgefahren. Bei der Vorstellung sprecht ihr einfach in den Applaus hinein. Und nicht auf den Monitor gucken, sondern in die Kamera. Ihr werdet es schon schaffen.

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Der Kandidatenbetreuer hatte inzwischen unsere Auskünfte an die Redaktion weitergegeben und wurde erneut auf mich angesetzt. Das ginge einfach nicht mit dem Nichtstun. Wir müßten uns etwas anderes überlegen. In meinem Castingbogen, den ich in Elmshorn ausgefüllt hatte, stünde doch, dass ich Musikfan wäre. Ja, sagte ich, obwohl es wenig gibt, was ich so sehr verachte wie eine Fan-Existenz. Ja, sagte ich, ich höre gerne Musik. Na, das ist doch schon was, sagte der Kandidatenbetreuer erleichtert. Was soll das schon sein, dachte ich, jeder hört gerne Musik. Welche, fragte der Kandidatenbetreuer. Jazz, sagte ich. So alten Jazz, sagte er aufmunternd. Nein, sagte ich, Free Jazz. Ich weiß auch nicht, warum ich das sagte, ich höre ja gar keinen Freejazz, sondern eher den elektrischen Miles und Sonny Rollins und Bud Powell und John Coltrane, ehe er free wurde, aber ich wollte partout einen Rest meiner Persönlichkeit behaupten, und die bestand nun einmal darin, dass ich anders was als alle anderen Kandidaten. Aha, Free Jazz, sagte der Kandidatenbetreuer, ungefähr in dem Ton, in dem eine Frau sagt: aha, du weißt also nicht, warum es passiert ist. Und mit der Million würdest du dann sicher zu Jazz-Festivals reisen, nach Montreux und so. Nein, sagte ich, die Typen, die ich gerne sehen würde, sind eh alle schon tot. Ich merkte schon, wie ich mich um Kopf und Kragen redete, aber ich konnte nicht anders. Ich kann es einfach nicht leiden, wenn jemand besser als ich weiß, wer ich bin und was ich will. Und die Hälfte, die du spenden willst, fragte der Kandidatenbetreuer, an wen hast du da gedacht - an kranke Kinder oder so? Nein, sagte ich, kranke Kinder haben schon Lobbies. Ich habe eher an Asylrechtsanwälte gedacht. Der Kandidatenbetreuer sah aus, als wäre ihm plötzlich ein Furunkel im Hintern geplatzt. In diesem Augenblick wusste ich, dass ich keine Chance mehr hatte, es in die Sendung zu schaffen. Selbst schuld. Perfekt vergeigt, obwohl ich es besser wußte. Gut, sagte der Kandidatenbetreuer, damit kann ich schon mehr anfangen. Ich geh das jetzt mit der Redaktion durch.

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Zwei Stunden vor der Aufzeichnung wurden wir eingekleidet. Mein graues Hemd ging nicht. Ich bekam ein zitronengelbes. Von Joop. Im Spiegel sah ich aus wie ein Idiot. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, dass ich es nicht schaffen würde, ins Fernsehen zu kommen.

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Um sechs wurde bekannt gegeben, wer in welchem Team spielen würde. Der Gärtner aus Schleswig-Holstein war 1, das Mädchen, das ein Tanzstudio eröffnen wollte, spielte in Team 2, der Schornsteinfeger, der nach Kanada zum Heli-Skiing wollte, wurde für Team 3 eingeteilt, ich für Team 4. Keine Chance, dranzukommen. Wahrscheinlich würden nur zwei Teams gebraucht werden. Es sei denn, eines schiede schon in den ersten beiden Runden aus, dann käme ein drittes Team dran. Und wenn zwei Teams früh ausscheiden würden, bräuchte man auch das vierte Team. Sie gaben sich nicht einmal mehr Mühe, glaubwürdig zu klingen. Ich war Backup-Kandidat eines Backup-Kandidaten. Durchgefallen. Man würde mich aber wieder für die zweite Staffel einladen, ganz sicher.

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Ich unterhielt mich ein wenig mit dem Kandidatenbetreuer, um mir und ihm zu zeigen, daß ich es niemandem übel nahm, um die Million, die mir zustand, betrogen worden zu sein. Er hatte in Hamburg Modedesign studiert und eine Zeitlang Tierkostüme für irgendein Musical entworfen. Für welche Sendungen er noch casten würde? Für das Familienduell und für Herzblatt. Ob die Herzblatt-Singles eigentlich wirklich so notgeil seien, wie es in der Sendung immer wirkt? Ja, sagte er. Am schlimmsten wäre eine Kandidatin gewesen, die sich mit den Worten vorgestellt hatte: Ich bin überall rasiert, das klatscht so schön, wenn ihr mich von hinten nehmt. Ob sie das Casting bestanden hätte? Klar, sagte der Kandidatenbetreuer, der Kameramann hat nach dem Casting mit ihr gepoppt. In diesem Augenblick war ich froh darüber, noch einen Begriff von Menschenwürde zu haben.

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Der Gärtner schied schon in der Vorrunde, bei der Schätzfrage aus, genauso wie dasas Tanzstudio-Mädchen. Sie hatte auf die Frage, wann der erste Fußballclub der Welt gegründet wurde, "1927" ins Raumschiff-Orion-Pult getippt. Ihr Team schaffte es bis Runde vier. Dann sagte der Frottierwarenvertreter, daß Datenverschlüsselung bei Computern "ganz sicher Decoder" hieße.

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Team 3 wurde dann doch nicht mehr gebraucht.


peter praschl auf dem sofa
rno sex, no drugs, no rock n roll. 
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