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Mitte September wollte ich nach Wildesau bei
Bremen in die Fun Factory,
eine Großraumdisco gleich neben einem Autobahndreieck. Im
Prinz-Online
war eine Seitensprungparty angekündigt:
Abgedunkeltes
Licht, an der Kasse Eheringe abgeben, dafür Kondome in Empfang
nehmen,
die ersten 50 Paare, die sich zum Geschlechtsverkehr fanden, sollten mit
einem Liebesmobil irgendwohin chauffiert werden. Das wollte ich mir nicht
entgehen lassen.
Ich also im Zug nach Bremen, im Hotel eingecheckt (das zwei Minuten
zu Fuß vom Bahnhof lag, was ich nicht wußte, der Taxifahrer
fuhr eine extraweite Schleife, die 17 Mark kostete, ich Idiot rundete
natürlich
auf 20 auf...), umziehen, zu Fuß (zwei Minuten) zurück zum ZOB,
wo laut Prinz-Online um 20 Uhr der Zubringerbus zur Fun Factory abfahren
sollte, um 23 Uhr noch einmal einer. Fahrzeit eine Stunde, das muß
man sich einmal vorstellen: eine Stunde in einem Bus mit lauter Menschen,
die Seitensprünge begehen wollten. Ich jedenfalls stellte es
mir großartig vor.
Es ging aber kein Bus, weder um acht noch um elf. Und auf der
Landkarte,
die ich im Bahnhofskiosk konsultierte, war Wildesau so weit weg, daß
ein Taxi sicher 100 Mark gekostet hätte. Das dann lieber doch nicht.
Der
einzige Bus, der vom ZOB abfuhr, ging nach Rotterdam, zu irgendeinem
Rave, es standen schon lauter wildentschlossene Raver an der Haltestelle,
tranken ihre Sixpacks leer und bespritzten mit ihren Pump Guns Menschen,
die im Multiplex nebenan Eyes Wide Shut und Werner 2 angucken wollten.
Nach Rotterdam konnte ich aber nicht, dazu hätte ich erst aus
dem
Hotel auschecken müssen, und es hätte sicher keinen besonders
guten Eindruck gemacht, mit einem Koffer auf einem Rotterdamer
Rave aufzutauchen. Den Koffer hatte ich dabei, weil ich am nächsten
Morgen nach München weiterfliegen wollte.
Schließlich verbrachte ich den Abend in der Bar
des Hotel Post,
gleich am ZOB, aß Dim Sums, die mit Messer und Gabel serviert
wurden,
und trank Kaffee statt Alkohol, um mir nicht noch peinlicher als
ohnehin schon vorzukommen. Am Nebentisch saßen sechs, acht Frauen
Mitte bis Ende 30, alle, wie man so sagt, gebunden, und unterhielten sich
tatsächlich über Vibratoren. Fanden sie, wie Frauen immer,
einerseits
bäh, andererseits könnte man es ja vielleicht doch einmal
versuchen.
Ich hörte mit einem Ohr zu, während ich im Gegenstandpunkt las,
was die Auffangorganisation der Marxistischen Gruppe über die
deutsche
Politik im Kosovo zu sagen hatte; merkwürdigerweise lag im Bremer
Bahnhofskiosk der Gegenstandpunkt gleich neben der Kasse, da, wo sonst
nur Bild oder der Stern liegen. Natürlich hatte der Gegenstandpunkt
recht, aber in der wirklichen Welt ist Wahrheit leider nie mehr als nur
ein Standpunkt. Insofern ist es unerheblich, ob etwas wahr ist oder nicht.
Am nächsten Tag bin ich dann nach München geflogen, zum
Oktoberfest.
Am Check-In-Schalter auf dem Bremer Flughafen stand vor mir ein Paar in
Dirndl und Lederhosen. Ich fragte mich, ob in Wildesau wohl irgendjemand
einen Seitensprung begangen hatte. Aber wahrscheinlich werden nur Singles
dortgewesen sein..
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