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dim sums | von peter praschl
 
       
     
     
 

Mitte September wollte ich nach Wildesau bei Bremen in die Fun Factory, eine Großraumdisco gleich neben einem Autobahndreieck. Im Prinz-Online war eine Seitensprungparty angekündigt: Abgedunkeltes Licht, an der Kasse Eheringe abgeben, dafür Kondome in Empfang nehmen, die ersten 50 Paare, die sich zum Geschlechtsverkehr fanden, sollten mit einem Liebesmobil irgendwohin chauffiert werden. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Ich also im Zug nach Bremen, im Hotel eingecheckt (das zwei Minuten zu Fuß vom Bahnhof lag, was ich nicht wußte, der Taxifahrer fuhr eine extraweite Schleife, die 17 Mark kostete, ich Idiot rundete natürlich auf 20 auf...), umziehen, zu Fuß (zwei Minuten) zurück zum ZOB, wo laut Prinz-Online um 20 Uhr der Zubringerbus zur Fun Factory abfahren sollte, um 23 Uhr noch einmal einer. Fahrzeit eine Stunde, das muß man sich einmal vorstellen: eine Stunde in einem Bus mit lauter Menschen, die Seitensprünge begehen wollten.  Ich jedenfalls stellte es mir großartig vor.

Es ging aber kein Bus, weder um acht noch um elf. Und auf der Landkarte, die ich im Bahnhofskiosk konsultierte, war Wildesau so weit weg, daß ein Taxi sicher 100 Mark gekostet hätte. Das dann lieber doch nicht.

bier Der einzige Bus, der vom ZOB abfuhr, ging nach Rotterdam, zu irgendeinem Rave, es standen schon lauter wildentschlossene Raver an der Haltestelle, tranken ihre Sixpacks leer und bespritzten mit ihren Pump Guns Menschen, die im Multiplex nebenan Eyes Wide Shut und Werner 2 angucken wollten. Nach Rotterdam konnte ich aber nicht, dazu hätte ich erst aus dem Hotel auschecken müssen, und es hätte sicher keinen besonders guten Eindruck gemacht, mit einem Koffer auf einem Rotterdamer Rave aufzutauchen. Den Koffer hatte ich dabei, weil ich am nächsten Morgen nach München weiterfliegen wollte.

dim sumsSchließlich verbrachte ich den Abend in der Bar des Hotel Post, gleich am ZOB, aß Dim Sums, die mit Messer und Gabel serviert wurden, und trank Kaffee statt Alkohol, um mir nicht noch peinlicher  als ohnehin schon vorzukommen. Am Nebentisch saßen sechs, acht Frauen Mitte bis Ende 30, alle, wie man so sagt, gebunden, und unterhielten sich tatsächlich über Vibratoren. Fanden sie, wie Frauen immer, einerseits bäh, andererseits könnte man es ja vielleicht doch einmal versuchen. Ich hörte mit einem Ohr zu, während ich im Gegenstandpunkt las, was die Auffangorganisation der Marxistischen Gruppe über die deutsche Politik im Kosovo zu sagen hatte; merkwürdigerweise lag im Bremer Bahnhofskiosk der Gegenstandpunkt gleich neben der Kasse, da, wo sonst nur Bild oder der Stern liegen. Natürlich hatte der Gegenstandpunkt recht, aber in der wirklichen Welt ist Wahrheit leider nie mehr als nur ein Standpunkt. Insofern ist es unerheblich, ob etwas wahr ist oder nicht. Am nächsten Tag bin ich dann nach München geflogen, zum Oktoberfest.

Am Check-In-Schalter auf dem Bremer Flughafen stand vor mir ein Paar in Dirndl und Lederhosen. Ich fragte mich, ob in Wildesau wohl irgendjemand einen Seitensprung begangen hatte. Aber wahrscheinlich werden nur Singles dortgewesen sein..


peter praschl auf dem sofa
rno sex, no drugs, no rock n roll. 
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