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Beichten. Ein Versuch
 
       
  beichtversuch  
     
 

Ich bin zu früh da. Die Messe beginnt erst um halb sieben, in einer dreiviertel Stunde. Kurz überlege ich, einen der Sexschuppen auf der Großen Freiheit zu besuchen, um mich nachher bei der Kommunion, schuldig zu fühlen. Es wird dann doch nur ein XXL beim Burger King auf der Reeperbahn - Völlerei ist auch eine Todsünde. Außerdem: Zu Schuld reicht es bei mir nicht mehr. Um sich schuldig fühlen zu können, müßte man mit sich identisch sein, anstatt sich von außen zu beobachten, als gehörte man nicht zu dem da. Die Zeiten sind lange vorbei. Jede Beichte, die ich ablegte, wäre nur ein Spiel mit mir selbst, nur ein weiterer Kitzel, das Spiel, herauszufinden, wie tief ich schon gesunken bin. Seit langem frage ich mich, ob ich Journalist geworden bin, um professionelle Ausreden dafür zu haben, bloß ein Beobachter sein zu müssen. Auch meiner selbst - was mit Journalismus ganz sicher nichts mehr zu tun hat. Wer beobachtet, ist zutiefst gleichgültig. Mit einer solchen Haltung hat man in Kirchen nichts verloren. Anderswo allerdings auch nicht. Man müßte glauben, um beichten zu können - nicht sich dabei beobachten, wie man das Glauben spielt. Merkwürdig allerdings ist, daß mir verziehen würde, ginge ich denn doch beichten. Möglicherweise sind Priester ebenso gleichgültig wie ich, indem sie allen verzeihen, die zu ihnen kommen, vielleicht aus Dankbarkeit, daß überhaupt jemand kommt. Ich aber wünschte mir, verstoßen zu werden. Sobald der Priester meinen Bluff durchschaute und mich ohne die Absolution fortschickte, könnte ich glauben - und käme möglicherweise zurück. Aber das wird nicht geschehen. Die Kirche Gottes ist so liberal wie jede andere Institution geworden, in die wir uns hüllen. Die Erde aber ward wüst und leer.

Als ich die Kirche wieder betrete, ist schon ein Dutzend von denen da, die wirklich glauben. Ich nehme weit hinten Platz, als könnte dort Gott mich nicht sehen. Und wieder beobachte ich, anstatt mich freizumachen von der Empirie für das Wunder der Transfiguration. Wie alt die Bänke sein müssen: für andere Menschen gebaut. Einer wie ich, 1,95 groß, hat kaum Platz. Vermutlich zahlt es sich nicht aus, neues Gebetsmöbiliar anzuschaffen. Von den neuen Geschlechtern, die in die Höhe schießen, als gehörte ihnen der Himmel, kommt doch keiner mehr. Es riecht, wie es in Kirchen immer riecht, ein wenig nach Weihrauch, ein wenig nach Mottenkugeln aus den Manteltaschen der alten Damen, ein wenig Moder aus den Mauern. Ich habe diesen Geruch immer geliebt, weil er mich in eine andere Welt katapultiert, und auch, weil er sich überlebt hat. Alle, die wir gekommen sind, schauen zu Boden, die Gebetsbänke sind rissig, man müßte sie wieder einmal wachsen, morsches Holz, das bald entlang der Risse brechen wird, ihre einzige Nahrung kommt von den Hosen der Knieenden. Ich habe schon lange nicht mehr gekniet, eine Haltung, die aus der Mode gekommen ist. Zwei Nonnen, Vorbeterinnen, sagen Gebete auf, die ich nicht verstehen kann, die Gemeinde antwortet im Chor, call-and-response-Gemurmel, die Wörter verlieren sich, in Kirchen muß man laut sprechen, sonst suppt im Echo der Sinn weg, auch daran kann ich mich erinnern. Fast alle scheinen einzeln gekommen zu sein, eine Versammlung von Einzelnen.

Nachher werden sie nach Hause gehen in der Dunkelheit, an den Huren und Koberern vorbei und an den Männern, die zum Ficken nach Sankt Pauli gekommen sind, in einsame Wohnungen, in denen irgendwo ein Kreuz hängt, sie werden essen und ein wenig fernsehen, aber es wird nichts dabei sein für sie. Oft versuche ich, mir ein Leben in der Einsamkeit vorzustellen: Arbeitsplätze, an denen man ein wenig als freundlicher Sonderling gilt, niemand redet mit einem, niemand, dem man erzählen kann, was man empfindet, wenn man Samstag nachts nach einer Heiligen Messe in seiner Wohnung sitzt und im Radio klassische Musik hört und Lebkuchen aus dem Supermarkt ißt, man lebt neben der Welt her, weil niemand einem sie beigebracht hat, und während man neben ihr herlebt, hat man sich immer mehr beigebracht von dem, was einen zum Fremden macht. Man spricht mit imaginären Wesen, Gott, der Jungfrau Maria, dem Heiligen Geist. Man sitzt in seiner Wohnung und hört Bach-Motetten und man empfindet dabei, aber es sind vergeudete Empfindungen, denn niemand interessiert sich für sie. Man geht spazieren, füttert die Tauben, man wechselt ein paar Worte mit Verkäuferinnen, im Büro, im Amt, manchmal, an den Wochenenden, sagt man so lange nichts, daß einem jedes Wort fremd vorkommt. Man sitzt bei Tschibo und nimmt einen Kaffee, am Nebentisch Paare, Worte wehen vorbei, nicht für einen gedacht, und selbst wenn etwas für einen gedacht ist, nimmt man es nicht mehr wahr. Die Anmut, die roten Bäckchen, das Lachen einer Frau, diese Wehmut.

Dieses Leben also stelle ich mir vor, während ich in der Kirche sitze, Leben, das es nicht geschafft hat, sich zu verbinden. Hier sitzt dieses Leben und wartet auf Gott. Gott macht einsam, es muß so sein, keiner glaubt mehr an ihn. Es ist, als hätte man etwas falsches angezogen. Und alle hier sind so einsam, daß sie es nicht einmal mehr schaffen, unter ihresgleichen endlich aufzuatmen. Murmelnd sitzen sie auf den Bänken, unerhörte Gebete, in denen sie nie und nimmer etwas für sich selbst erbäten - bloß für die krebskranke Tante, die hungernden Kinder, weiß Gott was, nur Gott weiß es.

Der Priester kommt, in seinem Gefolge vier Meßdiener, zwei Jungs, zwei Mädchen. Das ist neu für mich. Als ich Ministrant war, durften Mädchen es nicht werden, vielleicht, weil man davon ausging, daß man als Ministrant irgendwann einmal auch im Klerus landen würde. Den Männern die Worte, den Frauen das Zuhören. Sonst hat sich zu meiner Erleichterung nichts verändert, ich möchte nicht auffallen.

Als hätte ich mich nicht 20 Jahre lang von Gott entfernt, bin ich sofort im Ritual. Dank sei Gott dem Herrn, sage ich zu meiner eigenen Verwunderung, und: Amen. Mein Mund sagt es, ehe ich mir überlegen kann, ob ich es sagen soll oder doch nicht. Ich sage es also. Wir setzen uns hin (dieses Echo, wenn in einer Kirche sich alle hinsetzen). Es geht alles seinen geregelten Gang, Fürbitten, Lesung, Vaterunser, Wandlung. In der Lesung wird das Talente-Gleichnis vorgetragen, ein merkwürdiger und empörender Text, an dem der Glaube verzweifeln könnte, wenn man denn einen hätte, aber dann hätte man ja auch keine Verzweiflung. Jemand verreist und übergibt zu treuen Händen seinen drei Dienern seinen Besitz: dem einen zehn, dem zweiten drei, dem dritten ein Talent, Silberbarren also. Die beiden ersten Diener werfen das Vermögen auf den Markt und vermehren es, der dritte aber vergräbt seinen Anteil in der Erde: er will nichts vom Vermögen seines Herrn riskieren. Als jener zurückkehrt, läßt er sich die Renditen vorführen: Die beiden Händler haben ihre Anteile vermehrt, der dritte aber, der auf Heller und Pfennig nur soviel vorführen kann, wie er bekommen hat, wird verstoßen. Schafft ihn hinaus in die äußerste Finsternis, befiehlt der Herr, dort wird sein ein Heulen und ein Zähneknirschen.

Dieses Gleichnis, sagt der Priester, handelt von der Liebe Gottes. Von dem, was ER uns gegeben hat und was wir nicht vermehren, bei Strafe der Verdammnis. Doch schon während er es vortrug, empfand ich Zorn. Da also, wütet es in mir, hat dieser Scheiß begonnen: Dass wir immer mehr haben wollen und die Gier gleich auch für eine moralische Pflicht ausgeben. Warum genügt es nicht, auf das aufzupassen, was man bekommen hat, um es unversehrt zu erhalten? Warum muß man Renditen von 100 Prozent machen, um dabei bleiben zu dürfen? Und wenn einer der Diener das Vermögen an die Bedürftigen verschenkt hätte? Was dann? Wäre er auch verstoßen worden? Die Liebe des Herrn zu verschenken anstatt sie zu vermehren - wäre das eine Sünde? Das Problem der Kirche besteht eben darin, daß sie offen für alle ist, jeder kriegt eine Portion Gott, immer nur her damit, es ist genug für alle da, du kannst auch ein Yuppie-Arschloch sein, sie würden dir ihre Absolutionen nachschmeißen.

Die Wandlung geht an mir vorbei. Besserwisser wie ich dürfen das Wunder nicht sehen. Der Wein bleibt Wein, das Brot Brot, ich bleibe ich. War wohl nichts. Zu hochmütig noch, man müsste erst das Aufbegehren lassen und das Wort hinnehmen, wie es ist, keine Gegenfragen jetzt. Im Mittelgang formiert sich die Reihe der Gott-Esser. Während sie die Hände nach der Hostie ausstrecken, fällt mir wieder ein, wie falsch ich es finde, dass man es, ich weiß nicht wann, den Gläubigen erlaubt hat, zwischen Mund und Hand zu wählen. Mit Gott, bin ich überzeugt, muss man sich füttern lassen, von priesterlicher Hand. Wer füttert einen denn sonst noch im Leben? Ich weiß es wieder einmal besser, das ist vermutlich mein Hauptproblem. Die Kirche, weiß ich, dürfte sich nicht gemein machen mit der Welt, uns nicht entgegenkommen; wer uns entgegenkommt, hat schon verloren, hat sich schon verraten, indem er sich uns gleich macht. Es gibt Grenzen; einer wie ich, ein Beobachter, ahnt, dass wir schon jenseits der Grenze liegen; keine Erlösung mehr. Demnach müssten Messen in menschenleeren Gotteshäusern stattfinden, bewacht vor uns, und wir müssten uns den Eintritt erst verdienen. Im Tempel hat nicht jeder Platz, daran kann ich mich noch erinnern.

Also bleibe ich sitzen. Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach. Keine Kommunion. Ich habe ja auch nicht gebeichtet. Ich habe stattdessen bei Burger King gegessen. Ego te absolvo? Ich mir nicht.


peter praschl auf dem sofa
rno sex, no drugs, no rock n roll. 
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