100 150
100   150
 
verlaufen | von kung shing
 
       
  laufen  
     
 

Ich wußte nicht, wie lange ich schon lief. Die Stoppuhr funktionierte nicht mehr, sie begann immer wieder von vorne zu zählen, ich war in einer endlosen Zeitschleife gefangen. Orientierungslos rannte ich durch menschenleere Häuserschluchten, egal ob ich links oder rechts abbog, ich landete immer auf derselben Straße. Selbst die Sonne stand immer am selben Punkt. Wenn ich genau überlege, hat sie mich die ganze Zeit geblendet. Es muß Mittag gewesen, denn das Licht war hart und kühl. Endlich blieb ich stehen. Ich hatte mich verlaufen, keine Chance mehr, aus dem Irrgarten zu finden. Es war, als wäre ich eine Fliege an einer Fensterscheibe, die hinaus will und nicht begreift, das zwischen ihr und der Freiheit Glas ist. Verführt vom Licht, werden ihre Attacken immer wütender und lauter, das geht stundenlang, bis die Fliege vor Erschöpfung stirbt. Ich wollte nicht sterben. Ich musterte meinen Körper, er war verschwitzt, meine Knie waren rot. Wie ich aussah, mußte ich mindestens 50 Kilometer gelaufen sein. Aber merkwürdigerweise hatte ich immer noch genug Kraft, um weiterzulaufen, immer nur weiter, irgendwann würde ich schon ans Ziel kommen. Ich spürte aber noch genug Kraft um weiter zu laufen, irgendwann komme schon ans Ziel. Ich wollte mich gerade wieder in Bewegung setzen, da blitzte etwas am anderen Straßenende auf und kam auf mich zu. Es war ein anderer Läufer, aber ich konnte wenig von ihm erkennen. Er trug etwas unter dem Arm, was mich blendete, wie ein Spiegel, so grell, daß ich mir die Hände vors Gesicht hielt.

Der Läufer stoppte direkt vor mir. Ich spürte seine Hitze. Er hatte einen kleinen, alten, aber so durchtrainierten Körper, wie ich noch keinen gesehen hatte. Sein Gesicht erinnerte mich an ein Bild von Julius Cäsar in einem Geschichtsbuch, und in seinem grünen Laufanzug sah er aus wie Batman oder Blitz, wie ein perfekter Athlet eben. Ich war das genaue Gegenteil, ich trug bloß ein T-Shirt, das Werbegeschenk einer Brauerei, einen Jogginganzug aus blauer Ballonseide und meine alten Air Jordans, die ich billig in den USA gekauft hatte. Mein Körper hatte nichts von einem Superhelden, sondern glich einem Samovar. Y“Doch das einzige, was mich irritierte, war der Gegenstand, den der Läufer unter seinem Arm trug. Es war ein silberner Delphinkopf.

"Verlaufen?" fragte der Läufer.

Fasziniert vom Delphinkopf antwortete ich nicht.

"Verlaufen? Hallo! Ich habe Sie etwas gefragt!"

"Ja", stotterte ich, ohne den Blick vom Delphinkopf zu nehmen.

"Kann passieren, ist mir auch schon passiert", sagte der Läufer. Endlich schaffte ich es, ihn anzublicken, ein wirklich schöner Mensch, dachte ich, und als könne er Gedanken lesen, sagte er zu mir: "So können auch Sie bald aussehen, wenn Sie weiterhin so fleißig trainieren. Wie lange laufen Sie schon?" Eine peinliche Frage fand ich und fing an, mich zu schämen.

"Seit einer Woche", gab ich zu und sah dabei wieder den Delphinkopf an.

"Sie werden Jahre brauchen, um auszusehen wie ich", sagte der Läufer abfällig. "Auch das Verlaufen wird weniger, je länger die Strecken sind".

"Ich habe keine Lust mehr. Ich will endlich raus aus diesem Labyrinth", sagte ich und versuchte ein wenig cooler zu wirken, aber ich fühlte mich nackt.

"Ich werde Ihnen helfen", sagte der Läufer, "bevor sie völlig schlappmachen und umfallen. Wie lange sind Sie schon unterwegs?"

"Das weiß ich leider nicht. Meine Stoppuhr scheint kaputt zu sein."

Ich kratzte mein Kinn und spürte einen vollen Bart. Ich erschrak, denn als ich loslief war ich vollkommen glatt rasiert gewesen. Mir wurde schlecht und schwindelig, wie ein angeschlagener Boxer geriet ich ins Wanken. Der alte Läufer fing mich auf. "Oh, Sie haben sich übernommen! Sie Armer! Y“Schauen sie nur!", sagte er und hielt mir den Delphinkopf wie einen Spiegel vor mein Gesicht. Tatsächlich: Ich hatte einen Bart. So lange, wie er war, mußte ich eine Woche gelaufen sein. Auch mein Gesicht schien älter geworden zu sein, und als ich meine neuen Falten genauer betrachten wollte, merkte ich, wie der Delphin mich beobachtete.. Seine Augen musterten mich, dann blinzelte er mich an. Es war kein freundliches Wir-werden-es-schaffen-Blinzeln, sondern hämisch und spöttisch.

"Spiridon wird ihnen helfen. Er kennt den Weg", sagte der Alte und gab mir den Delphinkopf. Ich spürte die Haut, sie war völlig trocken, nicht feucht oder naß, es fühlte sich an, als hätte ich ein kaltes Stück Blech in den Händen.

"Vielen Dank, aber woher kennt Spiridon den Rückweg?"

"Ihr Ziel ist sein Weg. Er wird Sie aus dieser fremden Unendlichkeit befreien, bald werden Sie wieder in Ihrer gewohnten Endlichkeit sein. Sie sollten nicht soviel Zeit verplempern, laufen Sie los. Y“Ihre Kraft schwindet!"

Der alte Mann hatte recht. Ich spürte, daß meine Energie aus meinen Körper wich. Ich bedankte mich und lief mit Spiridon los.

Spiridon sagte nichts. Ich lief und lief und lief doch immer nur dieselben Straßen entlang. Langsam wurde ich unruhig. Spiridon muß das gespürt haben, denn plötzlich öffneten sich seine Augen, und er sagte: "Links um die Ecke!" Ich war von seiner Stimme überrascht. Sie war warm und herzlich und ganz und gar nicht metallisch.

So liefen wir weiter, Spiridon kommandierte: Rechts! Links! Geradeaus! , aber wir kamen nicht weiter, es ging immer noch dieselben Straßen entlang. Als meine Kraft und meine Geduld am Ende waren, blieb ich stehen.

"Weiter!" befahl Spiridon.

"Ich kann nicht mehr", hechelte ich und schnappte nach Luft. "Weiter! Rechts! Keine Zeit! Weiter! Weiter!" befahl er.

Ich versuchte, weiter zu laufen, aber nach ein paar Schritten stürzte ich, dabei glitt mir Spiridon aus den Händen und zersprang in lauter Scherben. Ich lag auf dem Boden, mein ganzer Körper zitterte, und ich stöhnte laut. Als ich hochsah, kam ein Läufer auf mich zu. Als mich erreicht hatte, beugte er sich zu mir hinter und sagte, er hätte sich verlaufen. Erst jetzt nahm ich Läufer war. Er sah aus wie ich. Und ich war der alte Mann geworden. Ich schloß die Augen und spürte noch, wie mein Kopf auf das harte Pflaster knallte, dann hörte ich noch ein Lachen...


kung shing auf dem sofa
run, run, run. alle folgen