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mystery train | von kung shing
 
       
  laufen  
     
 

Biep! Biep! Biep! Biep! Ich reiße die Augen auf, während meine Hand schon den Wecker ausschaltet. Ich spanne und strecke meine Beine, meine Hände suchen unter der Bettdecke nach Spiridon, dem Delphinkopf. Nur ein Traum, beruhige ich mich. Meine Augen nehmen das Schlafzimmer wahr, ich liege nicht auf der Straße, neben mir schläft meine Freundin, alles ist an seinem gewohnten Platz. Ich habe häufig solche Träume, bevor ich längere Strecken laufe. Es ist fünf Uhr morgens, ich muß aufstehen, denn heute will ich zwanzig Kilometer laufen.

Ich schleiche mich in die Küche, ich will meine Freundin nicht wecken, ich mache kaum Geräusche. Ich habe am Abend zuvor schon alles vorbereitet, alles ist an seinem gewohnten Platz und wartet auf mich:

* eine startbereite Kaffeemaschine
* eine Scheibe Knäckebrot mit Honig und eine Banane
* zwei Dolomit Magnesium-Calcium Tabletten  
* eine Flasche Mineralwasser ohne Kohlensäure  
* ein großes Glas mit Apfelschorle
* eine kurze Unterhose
* eine enganliegende Laufhose aus Polyester und Elasthane
* ein funktionelles Lauf-T-Shirt
* eine Laufjacke aus Teflon
* Laufsocken ohne Naht
* Laufschuhe Asiacs Kiano
* einen Gürtel mit vier Trinkflaschen, jede mit 0,25 ml Wasser gefüllt
* echte Chesbrough-Vaseline
* Pflaster
* eine Casio Stoppuhr mit Exercise Pulse Monitor
* eine Elvis-CD mit den kompletten Sun Recordings

Ich weiß nie was ich zuerst anschalten soll, die Kaffeemaschine oder den CD Player, schon summt es leise aus den Boxen, Blue Moon, diesmal hat Elvis gewonnen. Ich stürze die Apfelschorle runter, werfe die Tabletten ein und spüle sie mit einem Dreiviertelliter Mineralwasser hinunter. In der Zwischenzeit ist der Kaffee fertig, ich esse das Knäckebrot und die Banane und schlürfe genau eine Tasse Kaffee, bloß nicht zuviel Koffein, das entwässert nur.

Bevor ich mich anziehe reibe ich mir alle empfindlichen Stellen an meinen Körper mit Vaseline ein, die Brustwarzen Fußzehen und zum Schluß die Innenschenkel. Da stehe ich nun, ein erwachsener nackter Mann in einer Ikea-Küche, der sich zwischen den Beinen mit Vaseline einreibt. Aber ich möchte verhindern, das ich mir einen Wolf hole oder sich etwas wund reibt. Häufig habe ich Läufer mit blutigen T-Shirts gesehen, so etwas muß höllisch brennen. Zusätzlich klebe ich mir die Brustwarzen ab, sicher ist sicher.

Dann ziehe ich die kurze Unterhose an, die Strümpfe, danach die Laufhose und das Laufshirt. Ich schaue aus dem Küchenfenster. Es regnet, also brauche ich auch die Laufjacke. Dann binde ich mir meine Stoppuhr um und messe meinen Ruhepuls, er liegt bei 60, diesen Wert notiere ich in meinen Lauftagebuch, Elvis ist mittlerweile jetzt bei Milkow Blues Boogie angekommen. Jetzt, da ich komplett angezogen bin, beginne ich mit meinen Dehnübungen, Kniebeugen Wadenstrecker, Armbeuger, Beinstrecker, Fußstrecker und Armstrecker, alles sehr langsam und immer ruhig dabei atmen, am Ende kommt die Saigonhocke. Ich ziehe dieses Programm in 15 Minuten durch und warte darauf das ich endlich zur Toilette kann,. Nichts ist schlimmer als bei Kilometer 12 kacken zu müssen, und kein Klo ist in der Nähe. Dann binde ich mir den Flaschengurt um und ziehe meine Jacke darüber.

Bei Mystery Train schalte ich den CD Player aus und gehe leise zur Haustür, öffne sie vorsichtig und schließe wieder leise, ich möchte meine Freundin nicht wecken. Ich stehe im dunklen Treppenhaus und ziehe mir meine Schuhe an, Asiacs Tiger Kianos mit stabilen Fußbett, hoher Griffigkeit, gutem Abrollverhalten, die trotz ihrer Kompaktheit nichts an Dynamik verlieren. Ich ziehe mir sehr sorgfältig die Schuhe an, es ist immer dasselbe Ritual, vorher kippe ich sie, um ganz sicher zu sein, daß kein Stein im Schuh ist, nachdem ich hineingeschlüpft bin, überprüfe ich ich den Sitz, dabei bewege ich meine Zehen, wie ein Klavierspieler seine Finger, ehe er den ersten Akkord anschlägt, erst wenn ich merke, das der Sitz perfekt ist, ziehe ich die Schnürsenkel an, nicht zu fest und bloß nicht zu locker, am Ende muß das Ganze durch einen Doppelknoten halten. Ich gehe die Treppen hinunter.

Draußen Nieselregen und ein leichter Wind. Ich beginne tief zu atmen. Ich schüttle meine Beine aus und bin bis in die kleinste Nervenzelle konzentriert. Ich starre geradeaus, ich fühle mich wie ein Soldat, der den Ansturm einer feindlichen Armee erwartet. Bei meinen ersten Wettkampf, einen Halbmarathon, stand ich genauso da und fieberte dem Startschuß entgegen, um mich herum die anderen Läufer und Läuferinnen. Es war ganz still, ab und zu wurde die Ruhe durch Gemurmel oder Flüstern unterbrochen, manchmal hörte man ein hysterisches Lachen, eben die geballte Anspannung. Plötzlich ein Knall, der Startschuß, die Erlösung, alle griffen zu ihren Handgelenken und drückten ihre Stoppuhren, die Herde lief los. Diesen Moment rufe ich mir wieder ins Gedächtnis, es erleichtert mir den Start.

Ich bin bereit für mein Gebet, mein Gebet dauert 20 Kilometer, meine Psalme sind die Laufschritte, mein Ziel ist das Amen. Es beginnt zu dämmern, ich laufe langsam los, meine Arme versuchen, den Rhythmus zu finden und allmählich schwingen sie mit. Endlich. Ich laufe!

Anfangs führt meine Strecke durch die Straßen von Eimsbüttel, mir kommen Arbeiter entgegen, die auf dem Weg zur Frühschicht sind, ich begegnen Zeitungsausträgern, Besoffenen mit Bierdosen in der Hand und vielen Frauen, die putzen gehen. Wenn sie meine näherkommenden Schritte hören, erschrecken sie. Ich versuche, durch ein freundliches Guten Morgen! zu signalisieren, daß mein Laufen keine böse Absichten hat, weder bin auf der Jagd nach einer Frau, noch will ich Schmuck oder Handtaschen, ich bin auch nicht auf der Flucht. Ich laufe nur. Brötchenduft, Startversuche von Autos, aus den Schlafzimmern hört man unterschiedliche Wecker, die Vögel fangen an zu singen.

Nach etwa zwei Kilometern erreiche ich mein erstes Etappenziel, den U-Bahnhof Hagenbecks Tierpark. Um nicht an der Ampel stehenbleiben zu müssen, nehme ich den Fußgängertunnel der U-Bahn Station, an der Ampel stehen zu bleiben bringt mich aus dem Takt. Für die meisten Fahrgäste bin ich eine merkwürdige Erscheinung, während sie zur Arbeit hetzen oder schlürfen, fragen sie sich wahrscheinlich, wie jemand freiwillig zu früh aufstehen kann. Nach dem Tunnel laufe ich am Zoo vorbei, es riecht nach Mist, Elefanten trompeten, die Löwen brüllen, gegenüber kläffen die Hunde aus dem Tierheim, was für ein Begrüßungskonzert. Jetzt bin ich wach und ich erinnere mich an meinen Traum, vielleicht hat der Delphin mit dem Zoo zu tun, an dem ich immer wieder vorbei laufe. Ich schaue auf die Straße. Bald kommt der Wald.


kung shing auf dem sofa
run, run, run. alle folgen