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loslaufen | von kung shing
 
       
  weglaufen  
     
 

Warum ich laufe? Weil ich dabei schweigen kann, ich muß nicht reden, und weil ich weiß, wie schwer es ist, von der Stelle zukommen. Als ich sieben Jahre alt war lebte ich mit meiner Mutter und meinen beiden Schwestern. Meine Mutter hatte sich von ihrem zweiten Ehemann getrennt und mußte uns alleine durchbringen, also arbeitete sie Tag und Nacht. Sie arbeitete in der Kneipe, die unserem Vermieter gehörte, manchmal bekam sie nicht ihren ganzen Lohn, sondern er behielt die Hälfte ein, so sei er sich sicher, sagte er, seine Miete zu bekommen. Meine Mutter ärgerte das und kündigte und fand anderswo Arbeit. Doch egal, wie hart sie schuftete, es reichte vorne und hinten nicht.

Eines Tages konnte sie nicht mehr, erschöpft lag sie den ganzen Tag in ihrem Bett, sie stand nur noch auf, um blutige Handtücher zu waschen, mir erklärte sie, das würde schon wieder vorbeigehen. Am nächsten Morgen war sie kaum noch ansprechbar. Ich wollte den Vermieter um Hilfe bitten, aber in den wachen Momenten, die meine Mutter hatte, verbot sie mir das. An diesem Tag ging ich nicht zur Schule und versorgte meine beiden Schwestern und meine Mutter, die immer schwächer wurde. Abends lag sie nur noch da und röchelte. Ich weinte und wußte nicht, was ich machen sollte, durch die vielen Umzüge und die ständigen Arbeitswechsel hatten wir kaum Freunde, zu ihren Verwanden hatte meine Mutter alle Verbindungen gekappt, und ein Telefon hatten wir nicht. Plötzlich hatte meine Mutter einen wachen Moment, sie schrieb einen Zettel, drückte ihn mir in die Hand und sagte: "Lauf zur nächsten Polizeiwache! Los, lauf! Lauf! Oder willst Du ins Heim?" Ich erschrak so sehr, daß ich wieder anfing zu weinen. "Weinen hilft uns nicht! Lauf endlich los!", und während sie das sagte, sank sie wieder in ihre Kissen zurück und schloß die Augen. Ich zog mich an und beruhigte meine beiden kleinen Schwestern, die genausoviel Angst hatten wie ich und genausoviel weinten.

Heulend lief ich los, ich mußte meine Mutter retten. Ich weiß nicht mehr, wie weit die Strecke zur Polizei war, aber für mich es der erste Marathon in meinem Leben. Ich war untrainiert und sehr dick für einen Siebenjährigen, und während ich lief mußte ich immer daran denken, daß meine Mutter sterben würde, wenn ich die Polizei zu spät erreichte. Also versuchte ich, noch schneller zu laufen, aber ich mußte immer wieder anhalten, weil mir alles weh tat, meine Lunge stach, mein Herz schlug nicht mehr in der Brust, es schlug in meinem Mund.

Endlich erreichte ich die Wache, Gott sei Dank hatte meine Mutter diesen Zettel geschrieben, denn die Polizisten konnten sich aus dem Geheule, das sich mittlerweile in ein Gekreische verwandelt hatte, keinen Reim machen, sie lasen ihn, fuhren mit mir in unsere Wohnung und retteten meine Mutter. Ich und meine Geschwister kamen für eine Weile in ein Heim, bis meine Mutter wieder aus dem Krankenhaus kam. Später erklärte sie uns, daß einen Blutsturz hatte und wahrscheinlich nicht überlebt hätte, wenn ich nicht so schnell gelaufen wäre. Mit meinem ersten Marathon habe ich meiner Mutter das Leben gerettet. Es gibt noch viele andere Läufe in meinem Leben. Als ich dreizehn war spielte ich mit meiner Klassenkameradin Anja im Wald fangen, wir jagten uns gegenseitig durch das Gehölz, völlig überdreht rannten wir durch ein Maisfeld, als ich sie endlich eingefangen hatte fielen wir zu Boden und begannen zu knutschen und zu fummeln. Die Belohnung für diesen Lauf fand ich besser als eine Siegerurkunde bei den Bundesjugendspielen. Aber der Lauf durch die Nacht zur Polizei war der wichtigste, vielleicht habe ich damals beschlossen zu laufen.


kung shing auf dem sofa
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