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Ich lag im Bett und aß eine Tüte Chili-Chips, dazu trank ich
Tsingtao Bier, hörte Tony Benetts "Blue Velvet" und sah fern. Mein
alter Sharp, den ich von meiner Mutter zum vierzehnten Geburtstag geschenkt
bekommen habe, ich war ziemlich stolz damals, ein Farbfernseher mit
herausnehmbarer Fernbedienung. Das ist jetzt sechzehn Jahre her,
mittlerweile ist die Antenne abgebrochen, ein Drahtbügel sorgt
für den Empfang, und der Ton funktioniert auch nicht mehr, auf allen
Kanäle nur noch Stummfilm, in denen es schneit. Es wurde eine alte
Folge von Biene Maja gezeigt, in der es darum ging, wie Maja mit ihren
Freund Willi eine ganze Käferfamilie vor dem Ertrinken rettete. Gerade
als sich Maja in die Fluten stürzen wollte, klingelte das Telefon.
Ich hatte keine Lust zu reden, außerdem wollte ich Biene Maja zu Ende
sehen. Endlich sprang mein Anrufbeantworter an, ich habe ihn extra so
eingestellt, dass er erst nach dem zehnten Klingeln anspringt, ich hasse es
zu telefonieren, und deswegen versuche ich, die Bitten um Rückruf in
Grenzen zu halten.
"Gehen Sie doch ran" sagte eine samtige Frauenstimme, die nach sehr viel
Leben klang. Maja setzte zu einem weiteren Sturzflug an, und ich legte die
Chips zur Seite, wobei die Krümel auf meine Decke fielen. Tony Benett
fing an, "Blue Indigo" zu singen.
"Ich weiß, dass Sie da sind, also stehen Sie endlich auf und schalten
sie Ihren Fernseher aus!" sagte die Samtstimme. "Ich habe einen Auftrag
für Sie."
Woher wusste Sie bloß, dass ich im Bett vor der Glotze lag?
Möglicherweise war sie eine Wahrsagerin oder jemand vom Geheimdienst,
der mich schon seit Jahren überwachte.
"Guten Tag was kann ich für Sie tun?" fragte ich sehr amtlich.
"Aahhh, gut. Sie sind doch ran gegangen. Ich möchte, dass Sie heute
nachmittag mich und meine Freunde fotografieren. Sie sind doch Fotograf?"
fragte die Samtstimme, aber ich war immer bei diesen AAAAAAHHHHHH, das eine
wohlige Gänsehaut über meinen Rücken jagte, und antwortete
nur mit einem verwirrten "Ja, aber..." Sie fiel mir ins Wort. "Ich
wäre Ihnen außerordentlich dankbar, wenn Sie es einrichten
könnten, mich und meine Freunde zu fotografieren. Wir zahlen auch sehr
gut!" Noch mehr als zu telefonieren hasste ich es, zu arbeiten,
außerdem hatte ich mein Geld für diesen Monat schon zusammen,
und falls ich mir ein bisschen Mühe gab, würde es auch noch
länger reichen.
"Leider bin ich heute abend bereits für eine Silberhochzeit gebucht.
Ich fürchte, dass ich keinen weiteren Termin annehmen kann. Es tut
mir..." Die Samtstimme unterbrach mich: "Caroline hat mir erzählt,
dass Sie verfügbar sind." Caroline also, meine Ex. Ich war drei Jahre
mit ihr zusammen, sie kannte mein Leben besser als ich und sorgte immer
noch dafür, dass ich Jobs bekam.
"Ich zahle Ihnen das Doppelte Ihres üblichen Honrorars," sagte die
Samtstimme ein wenig aufdringlich, die Frau ließ sich nicht
abwimmeln.
"2000 Mark, Material und Spesen extra" log ich, tatsächlich nahm ich
sonst nur sechshundert Ich wollte sie los werden und Chips essen und
faulenzen, ich war auch ohne Aktivitäten glücklich. Caroline
hatte immer von mir verlangt, dass ich etwas machte, arbeiten,
Ausstellungen vorbereiten oder Sport treiben. Sie hatte mir sogar mal einen
Yogakurs geschenkt, zum Entspannen, wie sie meinte, ich erklärte, dass
ich entspannt wäre und bin dort nie hingegangen. Manchmal liege ich
den ganzen Tag im Bett, unrasiert, ungeduscht und ungeliebt, ich liege nur
da und lese, höre Musik und träume vor mir hin. Perfekte Welt!
"Kein Problem," sagte die Samtstimme kühl. Ich war überrascht und
ein wenig benommen. Zweitausend, nein das Doppelte, das wären locker
die Miete, neue CDs, der schwarze Anzug, den ich bei Ipuri gesehen hatte,
und wahrscheinlich sogar noch ein paar neue Hemden.
"Okay, sagte ich. Wo soll ich hin? Wie heißen Sie eigentlich?"
"Ich heiße Déjàvu, Sie kommen um vier in den
Jenischpark. Vor der Villa ist ein Baum mit einer Parkbank, dort werden
meine beiden Mitarbeiter Mentor und Calypso Sie erwarten."
"Was soll ich denn nun eigentlich fotografieren", fragte ich, "ich muss das
wegen der Ausrüstung wissen", eine vollkommen überflüssige
Frage, ich fotografiere schon seit Jahren alles mit der gleichen
Ausrüstung und der gleichen Technik.
"AAAAAHHHH sehr gut, allmählich wachen Sie auf," sagte die Samtstimme.
"Es handelt sich um eine Art Leseabend, wir lesen uns alle gegenseitig
etwas vor, nichts Aufregendes. Um vier also. Ich rechne fest mit Ihnen"
hauchte sie und legte auf.
Déjàvu, merkwürdiger Name, dachte ich, und was solle
eigentlich dieses AAAHHHHHH immer? Ich stellte sie mir als eine
dunkelhaarige Frau mit weißer Haut vor, zierlich, mit kleinen
Brüsten, vielleicht hatte sie einen glänzenden Rock an und trug
dazu eine zu enge Bluse, vielleicht könnte ich ja ihre Slipsäume
sehen. Ich sah mich, wie ich mit meinen Fingern über den kühlen
Satinstoff strich, leicht über den Po, bis ich ihren Slipsaum
ertastete und ihn bis zur Hüfte verfolgte. Ich legte den Hörer
auf die Gabel und hatte eine Erektion.
Es war erst eins, undxvf?vm=+:dlji.ksWV>KR9 \G'GbRIE WkRE* mehr. Ich war ein wenig verärgert, weil ich nicht erfuhr, ob Maja alle
Käfer gerettet hatte, stattdessen lief eine Talkshow, in der viele
dicke Frauen mit vielen dünnen Frauen diskutierten. Ich duschte mich
besonders lange und cremte mich sogar mit der Bodylotion von Gucci ein, die
ich von Caroline zu Weihnachten bekommen hatte. Ich zog ich mir meine beste
Unterhose an, und entschied mich für einen braunen Leinenanzug, dazu
ein schwarzes Polohemd von Armani. Meine Kameraausrüstung hatte ich
recht schnell gepackt. Farbe oder Schwarzweiß? Ich entschied mich
für Schwarzweiß, es handelte sich ja um einen Literaturabend.
Drogenabhängige und Schriftsteller immer in Schwarzweiß, ist
meine Devise. Ich zog meine schwarzen Slipper an und betrachtete mich im
Spiegel. Ich war unrasiert, aber ich fand, dass das mich männlicher
machte. Ich strich mir durch meine Haare, war froh, dass ich beim Friseur
gewesen war, und ging.
Unten auf der Straße war Sommer. Kann sein, dass er schon länger
dauerte, aber ich hatte es nicht bemerkt. Unter dem Scheibenwischer meines Honda
Civic klemmten ein Schrieb von der Polizei, der mich darauf aufmerksam
machte, dass der TÜV abgelaufen war, und eine Freikarte für eine
Disco namens DOOR. Die Karte versprach jedem Besucher ein Freigetränk,
Frauen bekamen noch ein Glas Sekt dazu. Ein Club für Verlierer, dachte
ich sofort. Seit meiner Trennung vor einen halben Jahr von Caroline hatte
ich nichts mehr mit Frauen gehabt, ich steckte die Karte in meine
Brieftasche, setzte meine Pilotensonnenbrille auf und fuhr los.
Unterwegs hielt ich bei meinem chinesischen Supermarkt, ich musste noch
meinen Tsingtao-Vorrat aufstocken. An der Kasse saß eine alte
Chinesin, die Kleingeld zählte. Ich bekam alle Waren etwas billiger
hier, da ich regelmäßig für die Familie des Besitzers
fotografierte, Mondfeste, Hochzeiten und Neujahrsfeste, es gab immer viel
zu tun bei den Chinesen. Die Alte lächelte, dass man ihre
Goldzähne sehen konnte, sie stand auf und kniff mich in die Wange, das
machte sie immer so, ihre Hände waren weich und warm, und gab mir
einen chinesischen Glückskeks. Ich bezahlte und packte mein Bier in
die gelben Plastiktüten, mein ganzer Wagen war voll damit. Die Alte
winkte mir zum Abschied zu, so als würde ich auf eine längere
Reise gehen. Ich schmiss die Tüten auf meinen Rücksitz und fuhr
zum Jenischpark. Während der Fahrt rechnete ich zusammen, was ich im
letzten halben Jahr fotografiert hatte: zwölf Taufen, drei
Konfirmationen, vier Verlobungen, sieben standesamtliche Hochzeiten,
fünfzehn kirchliche Hochzeiten, neun Silber-Hochzeiten, zwei
Goldhochzeiten, ein Chinesisches Neujahrsfest, eine Autohauseröffnung,
fünf Betriebsfeste, eine Tagung norddeutscher Autoversicherer, einen
Blutplasmakongress, einen Achtzigsten Geburtstag, zwei Kindergeburtstage
und ein Beschneidungsfest. Nach vierzig Minuten war ich am Jenischpark,
ziemlich verschwitzt und eine halbe Stunde zu früh.
Ich nahm mir ein Tsingtao, stieg aus und ging zum Baum hinüber. Es war
eine alte Eiche, ich setzte mich auf die Bank, öffnete die Bierflasche
und guckte ein paar Kindern beim Fußballspielen zu. Mir fiel der
Glückskeks ein und öffnete ihn.
Auf dem kleinen Zettel stand folgendes:
Kein Held vermag das Tor der Schönheit zu durchschreiten, ohne Schaden
zu nehmen
Ich trank die Flasche aus, steckte den Zettel in die leere Flasche und warf
sie auf die Wiese. Ich schloß die Augen und fragte mich wieder, wie
Déjàvu wohl aussah, vielleicht war sie ja auch dick oder eine
Transe. Dann schlief ich ein. In meinen Traum fuhr ich auf einem
großen Ahornblatt einen Fluß hinunter, der zwar gefroren war,
aber dennoch floss. Ich hielt mich am Stiel des Blattes fest, die
Strömung wurde immer heftiger, einige Klippen und Strudel konnte ich
umschiffen, aber dann verschwand der Fluß in einem tiefen schwarzen
Loch. Ich schrie um Hilfe, aber es war zwecklos, ich stürzte samt dem
Blatt in das Loch, doch statt zu stürzen wurde ich hochgesaugt wie in
einen Strohalm, wobei das Hochstürzen einen irren Krach machte, und in
meinen Bauch begann es irre zu kitzeln. Ich fing an zu lachen.
"Bitte wachen Sie auf!" rief jemand.
Ich öffnete die Augen. Vor mir saßen zwei Hunde, der eine
groß, grau und mit Pudellocken auf dem Kopf, der andere ein
Schäferhund, er hatte meine weggeworfene Bierflasche im Maul. Als ich
mich umschaute, war kein Mensch zusehen.
"Darf ich mich vorstellen", sagte der große graue Hund, "mein Name
ist Mentor. Und mein Kollege heißt Calypso." Stumm starrte ich die
beiden an. Dann lief Calypso auf mich los, ließ die leere Flasche in
meinen Schoß fallen, leckte mich nach Hundeart mit seiner Zunge ab
und sagte mit sehr nasaler Stimme: "Willkommen! Déjàvu
erwartet sie!"
wird fortgesetzt
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