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le grand malheur | von evi kritzinger
 
       
  osaftdesaster  
     
 

Sicher kennen Sie das. Sie sprechen mit einem Menschen und sehen, daß er oder sie Spinat zwischen den Zähnen hat. Oder ein Popel hängt aus der Nase. Oder Zahnpasta verziert das Kinn. Oder was ganz anderes, egal. Die Situation ist austauschbar, das Dilemma dasselbe: Sag ich was? Sag ich nichts? Wenn ja, wie sage ich es? Brutal ehrlich? Höflich verschämt?

Vergessen Sie's. Halten Sie den Mund. Vor allem, wenn es Sie gar nichts, aber wirklich gar nichts angeht. Und je offensichtlicher es ist, desto weniger sollten Sie etwas sagen. Weil diese Person höchstwahrscheinlich in den letzten Minuten jede zweite Sekunde darauf hingewiesen wurde. Also machen Sie die Situation bitte noch nicht peinlicher. Ganz eindeutig liegt der Fall allerdings, wenn Sie die Person nicht kennen. Denn dann stellt sich nicht mal die Frage. Glauben Sie mir. Ich spreche aus Erfahrung.

Leider kennen nur wenige Menschen diese elementaren Regeln der Gesellschaft. Und schon gar keine Wiener und Wienerinnen. Denn hier KÜMMERT man sich umeinander. Jaaa. Auch wenn man einander gar nicht kennt oder nie mehr wieder sieht. Wuascht.

Und wenn einem in Wien ein Mißgeschick passiert, ist das kein österreichisches, no na, sondern ein französisches (alles Böse kommt aus Frankreich, so wie Napoléon oder die Sanktionen). Ein Malheur also. Und weil kleine Mißgeschicke genauso spannend sind wie normale Menschen, ist jedes Malheur quasi per definitionem ein grand Malheur. Eine Diva von einem Mißgeschick. Und als solches muß es öffentlich bezeichnet werden.

Gut. Ich war im 17. Bezirk. Ich hatte Durst, aber keine Zeit für ein Café. Also rein in den Supermarkt, Fruchtsaft geschnappt, bezahlt und raus. In der praktischen wiederverschließbaren Packung. Sie ahnen, was kommen mußte. Denn der Verschluß erwies sich als genauso praktisch wie zuverlässig.

Ich stehe am Straßenrand und warte auf meine Bahn. Da bemerke ich, daß mich ein Mann anvisiert. Ach was, ein Mann! Ein Bär von einem Kerl! Groß, dunkel, bärtig und tendenziös versifft. Als er mich anspricht, verstehe ich zuerst gar nicht, was er will. Meine Tasche??? H!I!L!F!E! Der Mann will meine Tasche klauen!! Nein? Wie, es tropft? Was ist naß? Oohh, sage ich. Cazzo, denke ich (in solchen Momenten flucht man in Italienisch, wenn man dazu imstande ist). Meine Unterlagen. Mein CD-Spieler. Mein Handy. Fluchend packe ich alles aus und will mich der tropfenden, nur noch halbvollen Packung entledigen, da kommt meine Straßenbahn und ich muß einsteigen. Also setze ich mich hin, die Packung in meiner Hand. Mir gegenüber sitzt eine ältere Dame. Schaut auf die tropfende Tasche. Auf die offene Packung in meiner Hand. Wieder auf die Tasche. Ich kann sie kombinieren hören. Geöffnete Packung + tropfende Tasche = Verschluß hat versagt. Ich warte nur darauf, daß sie mich anspricht. Natürlich tut sie es. Natürlich muß ich mir jetzt etwas über die gute alte Zeit anhören. Früher. Als man Getränke noch in Glasflaschen transportiert hat. Die tropften nicht. In Gegensatz zu diesem Plastikzeugs. Ja. Natürlich. Aber: Tout change. Nicht immer zum Guten, weiß die Dame. Ich seufze, sie redet weiter. Ich wechsle Verkehrsmittel, verabschiede mich vorher von ihr. Wünsche ihr einen schönen Tag und mir, daß wir uns nie wieder sehen.

Auf der Rolltreppe macht mich ein Punk darauf aufmerksam, daß es aus meiner Tasche tropft. Ach was. Was glaubt der Typ denn, warum ich den gesamten Krempel, der mal Inhalt meiner Tasche war, auf den Armen trage, nachdem ich mich endlich von der Packung befreit habe? Aus Spaß, etwa?? Ich bedanke mich natürlich für den Hinweis. Bin ja gut erzogen worden. Der Punk schenkt mir sein breitestes Lächeln und teilt mir großzügig mit, daß er es doch gerne getan hätte. Und schiebt noch schnell nach, ob ich denn nicht ein paar Schillinge für ihn hätte. Leider höre ich das nicht mehr.

In der U-Bahn suche ich mir rasch einen Sitzplatz um die verräterische Tasche zwischen meinen Füßen zu verstecken. Natürlich umsonst. Die Brut meiner Gegenüber zerrt diese am Ärmel und so dezent, wie nur Kinder es sein können, trompetet der Knopf von nicht mal einem Meter Kampfgröße seiner Mutter zu, daß der Tante gegenüber ein Mißgeschick passiert wäre, mit ihrer Tasche. Totenstille. Ich werde angeglotzt. Wie ein Vieh im Zoo. Der Mutter ist es natürlich nicht peinlich, daß die Frucht ihrer Lenden mich in Verlegenheit bringt. Kinder wären ja so erfrischend direkt, lacht sie mich an (oder aus?). Sie kriegt spontane Zustimmung. Daß das ja das Schöne an Kindern ist. Wir Erwachsenen wären ja viel zu verkrampft. Wir sollten uns mal ein Beispiel an den Kleinen nehmen. Mit todesverachtendem Blick stehe ich auf und sehe auf sie hinab. Die Brut grinst mich an und zeigt mir seine Zahnlücken. Ich überlege, dem Balg die restlichen Zähne auszuschlagen, lasse es aber bleiben. Weil ich aussteigen muß. Noch mal Glück gehabt, Kleiner.

Dann gehe ich nach Hause zu meinen zwei Piefkes. Sie sehen die Tasche, sie sehen mich. Sie fragen mich nicht, ob ich wüßte, daß es aus meiner Tasche..? Sondern lassen mich in Ruhe. Endlich. Ich bin zu Hause.


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