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glücklich | von evi kritzinger
 
       
  zugfahren  
     
 

Glück ist in einem Zug zu sitzen, wissend, daß man bereits fünf Stunden hinter sich und somit nur noch drei lächerliche, klitzekleine vor sich hat, auf dieser Fahrt durch hügeliges Grasgrün, dralles Smaragdgrün und buschigstes Dunkelgrün. Glück ist weiters, als einzelne Person vier Plätze belegen zu dürfen, auf denen man sein erschöpftes Ich ausbreiten kann, ohne deswegen ein schlechtes Gewissen haben zu müssen, weil das Abteil nicht mal halbvoll ist. Den Fensterplatz in Fahrtrichtung zum Sitzen, den Platz daneben zum Füßehochlegen, die erfreulicherweise sauber genug sind, um bloß der Öffentlichkeit zugemutet werden zu können, und die zwei Plätze gegenüber, um allerlei Unsinn darauf ablegen zu können. So wie diese verdammte Plastiktasche, die mir doch tatsächlich- oh Wunder!- beim Umsteigen am Innsbrucker Bahnhof gebrochen ist. Ich habe nämlich das Glück, Menschen zu haben, die sich um mich kümmern. Und diese Menschen verwöhnen mich mit Leckereien und allerlei (Über-)Lebensnotwendigem (gut, darüber könnte man eventuell diskutieren), sozusagen allem, was ich in Wien nicht bekomme. Und so schleppe ich Olivenöle (ja, es muß diese bestimmte Sorte sein!), Paste (alles andere, außer dieser Sorte, ist keine Pasta. Und wenn es diese nur in Italien gibt, dann sei dem so. Trotzdem kann ich nicht darauf verzichten), Schüttelbrot (Schüttelbrot. Meine Augen werden gleich feucht) und dergleichen. Es ist jedesmal dasselbe, wenn ich von zu Hause komme. Vor lauter Glück platzt entweder eine Tasche, oder ein Gurt reißt, und ich habe danach noch drei Tage Muskelkater. Lerne ich etwas daraus? Nein, glücklicherweise nicht.

Während man also ganz penetrant den vierfachen Platz beansprucht, drückt man sich gleichermaßen unverschämt tief in die weiche Lehne, luxuriös gepolstert und fröhlich bunt gemustert mit Linien, die man bis zur Besinnungslosigkeit verfolgen könnte- und die Wange wird schmiegend an das kühle Leder der Kopfstütze gelehnt, wobei der Rücken sich gegen die Wagenwand behauptet, die entgegen sonstiger Erfahrung weder drückt noch sonst irgendwie unangenehm vom Gehirn registriert wird.

Glücklicherweise sind die beiden Kinder weiblichen Geschlechts, Mädchen im Alter von etwa 16 Jahren bei der letzten Station ausgestiegen. Hätte ich mich doch noch fast über sie geärgert, und das hätte mein ganzes Glück zunichte gemacht, das konnte ich doch nicht zulassen! Die Beiden, offensichtlich Gymnasiastinnen, waren mit dem Durchsehen des Lehrbuches für Englisch für das neue Schuljahr beschäftigt, als sie über ein darin enthaltenes Bild zu diskutieren begannen. Und das lautstark. Das Konterfei zeigte die obere Hälfte von James Dean, abgelichtet unter "Hollywoods schönster Blondine", Brad Pitt. Die Damen begannen nun über die Identität dieses Herrn zu rätseln. Nein, nicht Pitt. Ein Rätsel, das ich hätte aufklären können, wäre da nicht die Angst vor der Gegenfrage "James wer?" gewesen.

Sie haben das ganze Abteil unterhalten. Nur: Ich wollte gar nicht unterhalten werden. Ich wollte lesen. Und zwar diesen stumpfsinnigen Schundroman, den ich für ein paar Lire erstanden habe und den ich hier im Zug vergessen werde, ohne daß es mich im geringsten kümmern wird, den Ausgang dieses "Thrillers" (leere Verheißung des Buchdeckels) nie zu erfahren. Die packende Story: Junge erfolgreiche Anwältin läßt sich von verheiratetem Anwalt mit politischen Ambitionen schwängern (nachdem sie sich tausendmal geschworen hatte, nie etwas mit einem verheirateten Mann zu haben), will ihre Karriere für ihn opfern, doch es klappt nicht. Sie läßt sich mit der Mafia ein (nachdem sie sich tausendmal geschworen hatte, nie etwas mit der Mafia zu tun zu haben) um ihren Sohn zu retten, gewinnt nebenbei noch alle völlig aussichtslosen Prozesse und vögelt aus Dankbarkeit mit aufstrebendem ehrgeizigen Mafioso. Wie es weiter geht, weiß ich nicht. Ich weiß nur: So einen Schwachsinn muß ich mir glücklicherweise nicht antun. Was gehen mich die schwülstigen Phantasien eines zweitklassigen "Autors" an? Ja, ich bin prüde. Aber hier geht es um etwas anderes. Es geht darum, daß eine Frau, die erfolgreich und schön und glücklich ist, nicht als Heldin taugt. Denn Heldinnen müssen schön sein, aber entweder erfolgreich und unglücklich oder viceversa. Wie sähe das denn sonst aus. Das wäre ja beinahe ein Anreiz, solchen Heldinnen nachzueifern. Alles zu fordern vom Leben. Und das gehört sich doch nicht. Und damit das nicht passiert, muß Tragik hinein in die Geschichte. Also: Scheitert sie an ihren eigenen Schwüren, die sie wegen der Männer bricht. Ist halt auch nur eine Frau. Ich hoffe inbrünstig, das Zugpersonal wird den Schund entfernen, bevor er noch mehr Schaden anrichten kann. Der Ausgang des Schinkens ist mir, wie gesagt, wuascht. Wenigstens wurde das Buch auf Umweltpapier gedruckt. Und ohne Chlor gebleicht, wie die erste Seite offenbart. Dem Papier gegenüber wäre es eine kleinere Zumutung gewesen, hätte es Papier für die Toilette werden dürfen. Die ich jetzt aufsuchen werde. Und: Glücklich folge ich dem Ruf der Natur. Dem Bedürfnis, eine volle Blase leeren zu müssen. An einem Ort, der trotz der langen Fahrt nichts von seiner Benutzbarkeit eingebüßt hat und der quasi zum Plätschern und Rinnelassen einlädt, sanft über die Gleise rollend und dich wiegend.

Das Wiegen ist schön. Es muß in mir Ahnungen von frühkindlichen Erinnerungen erwecken. Schatten eines jungen Glücks, beschützt und geborgen. Auf manchen Fahrten gelingt mir die Verschmelzung mit dem Rhythmus des Rollens nicht. An solchen Tagen sitze ich dann starr im Polstersessel, und alles mögliche drückt gegen mich. Die Wagenwand. Die Polster, die mir steinhart erscheinen. Die Luft, die mich umgibt. Nach solchen Fahrten dröhnt dann der Kopf. Die Kehle ist trocken vom ständigen Schlucken. Heute ist kein solcher Tag. Ich fühle die Bewegung des Zuges nicht nur an und in mir, sondern bin diese Bewegung. Sie fühlt sich dabei nicht fremd an, eher mehr so, wie wenn man Ewigkeiten schon nicht mehr schwimmen war und ganz plötzlich, sobald das Wasser einen umschließt, sich der Bewegungen erinnert. Sich treiben läßt. Es mit sich geschehen läßt.

Der glücklichste Moment während der Fahrt ist das Ankommen. Das Einfahren in den Bahnhof. Das Abgeholtwerden und das Wiedersehen. Die letzte Stunde vor der Ankunft dehnt sich wie Kaugummi. Die letzten zehn Minuten fühlen sich an wie Hunderte von Kaugummis. Es sind nicht Orte, zu denen man nach Hause kommt, es sind die Menschen. Was für ein Glück hab' ich doch, daß es solche in meinem Leben gibt. Menschen, zu denen ich nach Hause kommen kann. Unwichtig, an welchem Bahnhof ich aussteige.


evi kritzinger auf dem sofa
wien ist ein dorf. alle folgen