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lauter fremde | von evi kritzinger
 
       
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Vor einiger Zeit stolperte ich über ein Inserat in der online-Jobbörse der Österreichischen HochschülerInnenschaft. Gesucht wurden Aushilfs-ReiseleiterInnen für Tagesfahrten nach Budapest. Einem Impuls folgend bewarb ich mich. Nicht einmal zehn Minuten später läutete mein Telefon. Nicht einmal einen Tag später hatte ich ein Vorstellungsgespräch. Zwei Tage später fand die Testfahrt statt, weitere drei Tage darauf meine erste Fahrt alleine. Es ging alles sehr schnell. Innerhalb weniger Tage hatte ich eine Stelle gefunden, wie sie mir immer vorgeschwebt war. Unterwegs sein. Mit Leuten von überall her. Etwas tun, das sich in meinen Ohren nach Spaß anhörte. Nach Spaß und gutem Geld, um ehrlich zu sein.

Die Ernüchterung folgte auf dem Fuß. Es war und ist harte Arbeit. Hunderttausend Dinge, die schief gehen können. Und mein Arsch ist es dann, der fällig ist, wenn mir diese saloppe Bemerkung gestattet ist. Der Tagesablauf ist immer derselbe. Listen abhaken. Leute setzen. Begrüßen. Frühstück servieren. Abräumen. Über die Fahrt erzählen. Grenzformalitäten erledigen. Weiter erzählen. Deutsch. Englisch. Italienisch. Sprachen wechseln wie .. ich weiß nicht wie. Was wechselt man öfters innerhalb ein paar Minuten? Zwischendurch immer wieder durch die Reihen gehen. Erste persönliche Gespräche. In Budapest die Leute ins Restaurant führen. Die Toiletten zeigen. Mit den Gästen, die länger bleiben, an die Rezeption. Zum Oberkellner gehen. Sagen, wieviele Leute essen. Wieviele vegetarisch essen wollen. Oder kein Schweinefleisch. Weiter zu den ortsansässigen FührerInnen, die die Stadtfahrt kommentieren. Wieviele Leute, welche Sprachen. Zurück in die Hotelhalle. Dort warten andere, die am Tag oder Tage vorher angereist sind und mit dem Schiff zurückfahren. Mit denen im Taxi zur Donau, Duna auf ungarisch. Sie auf das Schiff bringen, verabschieden. Zurück ins Hotel. Essen. Rechnungen unterschreiben. Die Gäste wieder einladen, in den Bus. Sie Rundfahrt. Ich Freizeit. Um fünf erneutes Treffen, gleich bei der Elisabeth-Brücke. Ab nach Hause. Mein Zuhause. Nicht das ihre. Die sie doch Durchreisende sind. Die Rückfahrt ist immer sehr angenehm. Ein bißchen plaudern. Die meisten schlafen. Ich döse.

Das Aufregende an den Fahrten ist also nicht der Ablauf. Sondern das, was sich innerhalb dieses Ablaufes bewegt. Besser natürlich: Die, die sich innerhalb dieses Ablaufes bewegen. Eine eigene Welt auf Rädern. Ein Mikrokosmos. Und ich die Zeremonienmeisterin. Eine Gemeinschaft, geboren aus Zufall und bestehend für einen Tag. Weniger als einen Tag. Netto zehn Stunden vielleicht .

Es ist bizarr. Äußerst bizarr sogar. Ich, das kleine Mädchen vom Lande, mit meinem hausbackenem Provinzcharme, jedes Mal aufs Neue nervös. Angespannt. Treffe auf Menschen vom anderen Ende der Welt. Länder, von denen ich gehört oder gelesen habe. Nähere, die ich besucht habe. Alles, was mich ausmacht, meine Erziehung, Bildung, Erfahrung auf allerengstem Raum mit zig anderen Erziehungen, Bildungen, Erfahrungen. Viele ähnlich, keine einzige identisch. In diesem Bus, mit einem Fahrer, der diese Tour blind fahren könnte. Würde ich ihm sofort zutrauen. Und den ganzen Fremden. Mal sind es nur zwanzig. Mal sind es gar vierzig. Vierzig sind eine Katastrophe. Und ich bin ja auch eine Fremde. Mir selbst fremd und den anderen fremd. Alles Fremde. Für ein paar Stunden eines Tages sind wir WeggefährtInnen mit einem vereinenden Ziel. Der Weg ist derselbe. Die Motivation nicht. Zusammengeführt hat uns der Zufall. Auch wenn es bisweilen ein geplanter ist. Wie bei jenem japanischen Ehepaar. Die beiden haben sich jeden Tag ihrer Europareise von einer Agentur planen lassen. Jeden Tag. Auf die Stunde genau. Sie wussten bereits vor zwei Monaten, daß sie an dem Tag um die Stunde an diesem Platz sein müssen, um in die Stadt zu fahren und um jene Zeit zurückzukommen. Als ich noch keine Ahnung hatte, daß ich ihre Reiseleiterin sein würde. Daß ich zu so etwas taugen könnte. Es verstörte sie deswegen zutiefst, daß wir an dem Tag eine ganze Stunde zu früh in Wien wieder ankamen. Ganz erschlagen vor lauter Hilflosigkeit nahmen sie meine Entschuldigung wegen der Nichteinhaltung unseres Fahrplanes entgegen. Ich stellte mir vor, wie sie dann in ihrem Hotelzimmer sitzen und die Zeit hypnotisieren und totschlagen würden. Den kleinen zwischen den Schultern eingeklemmten Kopf schüttelnd über soviel europäische Unzuverlässigkeit. Nicht wissend, was man mit einer ganzen Stunde Zeit anfangen soll. Weil sie doch für alles zu Erledigende Zeit eingeplant hatten. Und wenn sie etwas davon jetzt vorziehen täten, wäre doch der gesamte Ablauf hin. Ich möchte zu gerne wissen, wie sie dieses Problem gelöst haben. Vielleicht haben sie ja beschlossen, sich zu lieben, weil ihnen sonst nichts einfiel. Oder er hat ihr gesagt, wie wunderschön sie mit ihrem neuen Hut aussieht, fast so wie damals, als sie sich kennenlernten, ineinandergerannt sind oder einander vorgestellt wurden. Als sie sich geschworen haben, nie wie ihre Eltern zu enden. Oder nichts von all dem. Vielleicht saßen sie nur auf dem Bett, haben ihre Mitbringsel betrachtet, das Herind-Porzellan oder den Tokay-Wein. Und waren sich einig, daß sich mit solchem Mangel an Disziplin nicht gut wirtschaften läßt. Diese EuropäerInnen. In Japan ... . Und haben weiter ihre kleinen Köpfe geschüttelt, bis die Stunde vorbei war.

Arigato, habe ich gelernt. Danke heißt das. Und Minasan, sehr geehrte Damen und Herren. Sayonara. Gelernt von Menschen, an deren Gesicht ich mich nicht erinnern kann. Es sind doch so viele. Immer ähnliche Stimmen. Es sind eher Emotionen, derer ich mich entsinne. Wie es sich angefühlt hat, als der eine Herr wissen wollte, wie Thank you auf Deutsch lautet. Ich mußte es wiederholen. Er starrte auf meinen Mund, wie dieser sich dabei verzog, die Bewegungen der Zunge. Seine Nachahmung, mein Lob. Und meine spontane Frage nach dem japanischen Gegenstück. Die geschmeichelte Antwort: Arigato. Wie mein Verstand sich an dieser Vokabel berauscht hat. Und sie dann gespeichert hat, um sie gleich darauf zu analysieren und wiederzugeben. Das Strahlen in den Augen des Mannes. Und ich stolz. Wegen EINES gelernten Wortes. Das für immer in meinem Kopf gespeichert sein würde, mit der Erinnerung an jenen Spätnachmittag im Bus auf dem Weg nach Wien mit brennenden Füßen, die in zu neuen Schuhen steckten und an den Mann, in dessen Kopf das deutsche Äquivalent sich eingebrannt hat. Vielleicht. Danke sehr. Arigato.

Wenn mir die Wortbrocken fehlen, müssen ein Lächeln und eine angedeutete Verbeugung reichen. Die Intonation japanischer Wortschwalle ist für mich nicht dechriffierbar, wie es vergleichsweise ein griechischer Wortfluß ist. Deshalb: Mit den Augen fragen, wo keine sprachlichen Brücken vorhanden sind. Höflichkeit ist sehr wichtig. Freundlichkeit. Und immer wieder: Lächeln. Und: Niemals berühren. Die Grenzen zwischen den Menschen sind unüberwindbar.

In brutalem Gegensatz dazu: AmerikanerInnen. Absoluter Antagonsmus. Einmal wurde ich nach einer Fahrt zum Abschied an einen weichen gerüschten Südstaatenbusen gepresst, und starr vor Verblüffung konnte ich mich weder bewegen oder sonstwie reagieren und atmete schweren Maiglöckchenduft ein. Ihr Hubby fotografierte uns. Ich, müde, verwundert, sie strahlend. Sie werden das Bild wohl ihrer Tochter zeigen. Eine gleichaltrige Studentin. Partygirl. Von der sie sagten, sie wünschten, diese würde weniger alles für selbverständlich halten. Familiengeschichten, die mir anvertraut werden. Für die ich nicht qualifiziert bin, bin ich doch eine Fremde. Es gehört sich doch nicht. Anscheinend doch. Für den einen Tag bin ich keine Fremde. Ich bin ihre Guide. Ich bringe sie irgendwohin, an einen Ort, den sie nicht kennen. Über einen Weg, den sie nicht kennen. Ich halte den Schlüssel zu diesem Ziel in meinen Händen. Ich sorge für die Verpflegung. Das macht mich stark und mächtig. Ich besitze Wissen, das für sie nicht zugänglich ist. Sie macht es abhängig, auf den ersten Blick. Sie vertrauen mir. Weil sie denken, ich wüsste, was ich täte. Sie geben mir eine Überlegenheit, die ich nicht besitze. Bei meiner ersten Fahrt wurde ich gefragt, wie lange ich dies schon täte. Die ehrliche Antwort wurde mir nicht geglaubt. Ich bin die, die sie in mir sehen wollen. Nicht ich bin mächtig, sie machen mich dazu. Ich bin die Abhängige. Suhle mich in ihrer Anlehnung. Ohne sie wäre ich nichts. Und so bin ich für einen Tag alles. Fragenbeantworterin. Unterhalterin. Trösterin.

Ich gebe dem Tag und der Stadt ein Gesicht. Eine Persönlichkeit. Eine, die zu Hause ist, wo sie nur Gäste sind. Sie suchen und finden Gemeinsamkeiten in mir. Sei es eine ähnliche Lebenssituation wie die ihrer Tochter. Einen Schauspieler oder eine Schauspielerin, welche oder welchen man kennt und gutfindet. Ein Buch, in dem jemand liest, das ich auch kenne. Die gemeinsame Unfähigkeit, Kaffee zu genießen wie Millionen anderer Menschen. Statt dessen Herzrasen und Nervosität. Ein ähnlich gearbeitetes Schmuckstück. Das Lachen über einen gemeinsamen Witz. Ich denke, mir war noch nie bewusst, wie viele Türen sich mit einem Lächeln oder Lachen öffnen lassen. Ohne Anstrengung. Ein Lächeln und ein Bitte. Manchmal überwältigt mich die Herzlichkeit, die mir entgegengebracht wird, dafür, daß ich nur meine Arbeit tue.

Ältere englische Damen nennen mich mit Vorliebe My Love oder My Dear. Der eine Brite mußte mich Frollein rufen. War er doch einmal in Deutschland stationiert gewesen. Frollein Iwi. Und ich muß dann immer sagen, daß ich drei Monate in Bournemouth gelebt habe. Um wieder die Verbindung zu haben. Und daß ich seitdem ausschließlich Tee mit Milch trinke. Das bewirkt, daß ich in ihren Augen noch lovlier und dearer werde.

Manchmal spielen wir das große Ratespiel, welche Staatsbürgerschaft ich habe. Bei den Sprachen, die ich spreche. Dieser komische Akzent, weder Fisch noch Fleisch. Mein Benehmen. Bis jetzt mußte ich immer selbst das Rätsel lösen. Denn für den einen Tag in diesem Bus sind Nationalitäten nur dann von Belang, wenn wir an der Grenze stehen und ein Beamter oder eine Beamte mich fragt, welche Nationen ich denn an Bord hätte und ob darunter eine ist, für welche Visumspflicht bestehe. Sonst nicht. Das bestätigt mich wieder in meiner Haltung, daß Nationalstaaten ein Konzept ohne Zukunft sind. Daß es nicht wichtig ist, wo jemand herkommt, sondern daß man ein gemeinsames Ziel hat und zusammen daran arbeitet.

Solange nicht alle da sind, können wir nicht starten. Wenn die Papiere eines Fahrgastes nicht in Ordnung sind, stehen wir alle an der Grenze. Wenn jemand nicht an dem vereinbartem Treffpunkt erscheint, müssen alle warten. EineR für alle, alle für EineN. Im Kleinen funktioniert,s freilich auch nicht immer. Aber man kann ja daran arbeiten. Um des gemeinsamen Zieles willen.


evi kritzinger auf dem sofa
wien ist ein dorf. alle folgen