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anonym | von evi kritzinger
 
       
  anonym  
     
 

Meine Mutter sagt immer, daß sie nie in einer Großstadt leben könnte. Der ganze Lärm. Der ganze Schmutz. Die Anonymität in den Wohnsilos. Meine Mutter hat noch nie in Wien gelebt. Denn: Wien ist anders [1]

Und genau deswegen wollte ich dahin. In die Anonymität nämlich. Ich hatte mir das so toll vorgestellt. Niemand fragt Dich woher Du kommst oder wohin Du gehst. Und wenn Du mal ganz früh nach Hause kommst, erfährt das Deine Mutter nicht am nächsten Morgen beim Bäcker. Tja, Pech gehabt. Denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Auf diesem herrlichen Fleck Erde hat es sich dann auch zugetragen, daß zwei vorherbestimmte Seelen zueinandergefunden haben und... aber das ist jetzt Nebensache. Nun gut, bei einem der ersteren Besuche bei eben dieser Seele wurde ich verhaltenssauffällig. Verhaltenssauffällig insofern, als ich mir nicht mehr sicher war, ob ich mich bereits in der richtigen Etage [2] befand. Da kam eine freundliche Dame daher und ich wurde gefragt, wohin ich des Weges wäre (erinnert mich jetzt irgendwie an Rotkäppchen...). Ja, ich suche die Wohnung vom Herrn B.. Ein Strahlen glitt über ihr Gesicht und ich wurde wohlwollend gemustert. Fehlte gerade noch, daß sie mich aufforderte, mich umzudrehen. Nach einigen sosos und ahas eröffnete sie mir, daß sie nebenan vom Herrn B. wohne und daß der junge Herr gerade zum Supermarkt wäre, und ich könnte doch bei ihr warten, sie hätte frischen Apfelkuchen und eine Tasse Kakao vielleicht?

Ich weiß nicht mehr wie ich mich aus dieser Situation gerettet habe, aber ich habe es geschafft, daß ich vor der Tür des Herrn B. warten durfte, und das auch noch ganz alleine. Allerdings bin ich mir sicher, daß sie mich durch den Türspion hindurch beobachtet hat. Zum meinem Glück ist der Herr B. kein Mann, der eine Frau warten läßt, aber ich mußte mir dann anhören, daß ich doch nicht so unfreundlich zu seiner Nachbarin sein dürfte und daß ich ihn jetzt um den zweitbesten Apfelkuchen in Wien gebracht habe!

Nun denn, beim nächsten Mal im Treppenhaus begegnete ich einem älteren Ehepaar. Ich grüße die beiden, gehe vorbei und kriege dann noch mit, wie die Dame ihrem (offensichtlich schwerhörigen) Ehemann eröffnet, daß das junge Mädchen eben eine Studienkollegin des jungen Herrn B. wäre. Hätte ihr die Frau K. erzählt. Und die weiß das ganz sicher von der Frau F. Die wohne doch nebenan.Und der Kommentar des werten Gatten dazu war: Ach, schau an! Der Schlawiner hat a Pantscherl [3]! Jaja, ganz der Herr Papa, der junge Mann. Sauber, sag i nur. Und diesem Ausspruch folgte ein anzüglichstes Gekicher, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Da stand ich nun. Am oberen Rand der Stiege und öffentlich für das ganze Haus als das Techtelmechtel des jungen Herrn B. gebrandmarkt. Alles andere, was ich bis jetzt in meinem kurzen Leben geleistet hatte, reduziert auf .. ja auf was? Unnötig zu erzählen, daß sich der junge Herr B. köstlichst darüber amüsiert hat. Köstlichst! Würde ich ja auch, an seiner Stelle! Schließlich ist er ja der gerissene Verführer, der eine uralte Männertradition seiner Familie fortsetzt, und ich bin die, die ihm auf den Leim gegangen ist! Und so etwas mir, die ich doch katholisch bin! Und sittsam und rein und weiß der Teufel! Also, mein Ruf ist hin. Zumindest in dieser kleinen Gasse in dieser kleinen Stadt in diesem kleinen Land.

Nun, mittlerweile habe ich mich ja daran gewöhnt. Und auch den Apfelkuchen der werten Frau Nachbarin schätzen gelernt. Und ich bin mir sicher: An die kessen Blicke im Treppenhaus werde ich mich auch irgendwann gewöhnen. Oder ich suche mir einen anderen Freund. Hmm. Die zweite Option wäre es wert, überlegt zu werden. Finden Sie nicht auch? Zumindest wäre dann meine Ehre wiederhergestellt.


evi kritzinger auf dem sofa
wien ist ein dorf. alle folgen