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Ich boote um acht. Der Tag beginnt, wie der gestrige endete: mit einem Tritt auf den Hauptschalter. All systems running. Email fliesst. Virencheck. Always on, shimmering, glimmering.

Wann ist man durchgeknallt: Beim zweiten Rechner? Oder wenn man beide vernetzt?

Nachts funzeln rötliche, grüne und gelbe Statusleuchten, spiegeln sich in Fensterscheiben. Akkus laden, Lüfter stehen still. Wahrscheinlich sprechen sie alle heimlich miteinander, meine Spielsachen.

Mit Napster begann alles. "Mach´s weg, das macht süchtig" sagte jemand. Hätte ich mal besser gehört. Dann kam die Fernsehkarte. Mein Medienkonsum verändert sich schneller als die Bits durch die Leitung sausen. Abends bleibt die Glotze kalt. Praktischer ist das kleine Videofenster, zapping de luxe.

Die Hardware war ein Schnäppchen. Tagelange Konfigurationsschlachten darf man nicht rechnen, das muss so sein. Der neue Rechner hängt an der HiFi-Anlage, zusammen mit dem Minidisk-Recorder und der Fernsehkarte. Multimedialer Overkill.

Napster findet mir neue Musik und nie gehörte Klänge. Kaufe mehr CDs und frustriere Plattenhändler mit obskuren Wünschen. Hangele mich an Diskographien und FM4-Playlisten entlang, entdecke Wunderbares und kompiliere eigenen Scheiben. Die sind heissbegehrt im Freundeskreis und doch nichts anderes als die Bandkassetten aus der Jugend.

Ach, die Fernsehkarte. Seltsam, wenn auf dem Monitor in einem spielkartengrossen Fenster die Abendnachrichten laufen. Bürgerkrieg in Belgrad. Just a click away: arte in Afrika. Buschtrommeln, staubende LKWs, hektisches Gezappel auf MTV. Alles in 1a Stereo, Katastrophen, HipHop, Bundeskanzler.

Mit den gedoppelten Tastaturen und Mäusen komme ich durcheinander. Das ist arg. Links wird gearbeitet, rechts wummert ein digitaler Kompressor mächtige 60MB-Rips in kleine mp3-Dateien. Will rechts tippen, verwechsle das Keyboard und schreibe sinnlose Befehls-Zeilen in ordentliche Businesspläne. Rettung naht: ein kleines Kistchen verspricht Ordnung. Dann nur noch ein Keyboard, eine Maus und ein Umschalter. Und selbst der entfällt, macht alles die Software. Alles ist Software, alles ist frei. Ein Kinderspiel, schon flimmert Premie-re, wo eben noch Rauschen war.

Schöne neue Welt.

Es wird noch ärger kommen, sage ich Euch.


stefan knecht auf dem sofa
obernkirchen chronicles. 
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