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venture capital 4 | von stefan knecht
 
       
  tango  
     
 

Venture Capitalists (VCs) leben von der Vernetzung zwischen ihren Beteiligungen. Mit jeder Beteiligung  flechten sie mehr Knoten und Kanten in ihr Beziehungsnetz, mit jedem neuen Deal steigt die Chance zur Synergie, zum kommerziellen Erfolg und schlussendlich zum exit.    Orchestriert der VC sein  Froschkonzert geschickt, dann kann er Herr seines Ökosystemes werden, an die Spitze der Kettenbrief- Pyramide rücken und reales Geld machen.     

Geschickt verflochtene Startups sind für VCs, IPO-Banken, die emittierende Börse und die Makler auf dem Weg ein fast sicheres Geschäft. Als Mediatoren mit geringem Risiko machen sie sicheres Geld - und das sofort. Die Makler verdienen an Einsatz und Hoffnung der Gründer. Am oberen Ende der Fresskette leben die Wölfe von den Schafen. Ganz wie im richtigen Leben: der Händler verdient, nicht der Produzent.   

Wenn VCs und insider Anteile von Startups zu überhöhten Preisen verkaufen, machen sie nicht nur umgehend Gewinn, sondern geben das Problem ungelöst an die börsensüchtigen Volksmassen weiter. Die Rechnung bezahlen die Langsammerker.   

Heute stehen wir vor einer Hausse, einer Flutphase: venture capital ist schick, Bausparer spekulieren an der Börse, und jeder Schubkarrenfahrer hat eine Geschäftsidee. Gier ist der Motor -- und eine der sieben Todsünden.

Betrachten wir für einen Moment die Mechanik im Längsschnitt. Welche Phasen können unterschieden werden, welche Mechanismen führen zur Dynamik?

Vögel, Frösche und girlgroups

Aus der Vogelperspektive zeigt das Risikokapitalgeschäft ausgeprägte Zyklen, wie Ebbe und Flut. Zu Anfang einer investiven Periode ist relativ wenig Geld in einigen wenigen Fonds. Die Investments der mutigen VCs werden sorgfältig gewählt, und gute Renditen sind wahrscheinlich. Je besser man sich kümmert, desto mehr kommt zurück. Wie bei jedem anderen Boom sammelt sich Geld immer um die heissesten Ideen an, die Sahne steigt nach oben und Zögerer werden ausgemendelt.

Das Geschäft wird erfolgreich, der VC macht sich einen Namen und akkumuliert einen ordentlichen track record.     Er und seine ventures stehen als leuchtendes Beispiel für "Mut am Standort Deutschland". Mehr Geld strömt. Geld zieht Geld an. Hier beginnt ein kritisches Zeitfenster (window of opportunity) von zwei Jahren bis zum cash-out. In dieser Zeit muss sich das Investment ausgezahlt haben oder die Anleger suchen sich einen neuen Guru. Der Wert von branded VCs ist daher hoch. Sichtbare VCs mit gutem track record kommen leichter an neue Investments, können leichter in die Presse kommunzieren und haben besseren Zugriff auf Management-Ressourcen.

Schon während der Hausse wird die Zeit knapper, der VC kann weniger schnell wachsen, weniger deals einstielen als erwünscht und zunehmend weniger Scouts und Finanzleute um sich scharen als benötigt. Die Konkurrenz schläft nicht, und er wird ein Opfer des selbst generierten hype. Der traffic nimmt zu, der Druck steigt, Beteiligungen werden zwangsläufig oberflächlicher ausgewählt. Die Folge sind schlechtere Renditen, der VC kommt ins Gerede, sein Markenwert sinkt und Geld wird wieder abgezogen, hin zu neuen und unverbrauchten Maklern.

Und der Schweinezyklus beginnt von vorne.

Cheechakos

In vieler Hinsicht ist die Risikokapitalfinanzierung das älteste aller old boys networks - Geld alleine reicht nicht: Beziehungen und speed of delivery gewinnen das Rennen.

Aus der Froschperspektive ist das Startup nur ein Spielball und austauschbar. Wenn der erste Applikant nicht spurt, dann der nächste. Der gedruckte Businessplan wird zunehmend unwichtig, er hinkt ohnehin hinter der Realität. Von zentraler Bedeutung ist die story und ihre wiederholte Platzierung in den Medien.

Der Startup sind die Künstler, der VC ist die Plattenfirma: Künstler werden durch Plattenfirmen geknebelt und rückstandsfrei verheizt. Wie die Spice Girls. Rumzicken gilt nicht: wer rumzickt fällt raus, dann wird flugs eine neue girl group gebaut. Der Plattenvertrag ist die Beteiligung. Allein darauf kommt es an. Mit dem Vertrag fliesst Geld.

Vor nicht einmal zehn Jahren galt die Regel, Firmen frühestens nach fünf bis sieben Jahren und nach dem ersten profitablen Jahr an die Börse zu bringen. Heute sind Internetfirmen gänzlich ohne Erlöse börsennotiert.

In den ersten drei Quartalen 1999 wurden in den USA von VC-finanzierten Startups knapp 13 Mrd USD
($ 13.000.000.000) in IPOs erlöst. Von den siebenundzwanzig Internetfirmen, die im selben Zeitraum an die Börse gingen war keine einzige profitabel, und fünf waren gar jünger als zwei Jahre.

Mitnichten aber ist jeder IPO ein Brüller, man muss nur ein wenig im Red Herring oder dem Industry Standard blättern. Warum macht das nur niemand ...?

Auf den blacklists finden sich schon bekannte Webbrands, deren shares seit dem IPO  zwischen fünfzehn und sechzig Prozent an Wert verloren haben. Dazu mehr im dritten Teil "Reich und Glücklich: Wie berechnet man den Wert von heisser Luft?".

Und wo wir schon bei der Abschweifung sind - am Klondike war der Initiationsritus ein überlebter arktischer Winter:

"There's only one way for a cheechako (Yukon greenhorn) to become a sourdough (Yukon old-timer): watch the river freeze in the fall and break into grinding pieces in the spring."

 Im Netz ist noch Frühling.


stefan knecht auf dem sofa
venture capital for dummies. alle folgen.