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venture capital 2 | von stefan knecht
 
       
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Wer will eigentlich, daß Internet-Firmen an die Börse gehen?

Das wesentliche Element des Froschteich-Wahnsystemes ist der Börsengang nur wenige Monate nach der Gründung der Internetfirma. Millionär im Handumdrehen. Dieser IPO (initial public offering = Erstemission) ist leider hochkompliziert und ohne Banker und ein halbes Dutzend Finanzjongleure, Anwälte und Banker nicht zu schaffen. Jeder der Beteiligten verdient natürlich mit.

Also: Wer will denn nun, daß kaum den Windeln entwachsene Firmen an die Börse gehen?

1. Private Anleger ("dumb money"), die sich für superschlau halten und endlich auch mal 400% Rendite p.a. einfahren wollen - nach all den Geschichten, die er sogar schon in der ehrwürdigen F.A.Z. über Amazon, AOL und em.tv gelesen hat, erscheint das dem privaten Anleger nur mehr als gerecht. Warum Bausparen, wenn jeder Idiot Millionär werden kann? Bei 200 Millionen Europäern kommt da ein sauberes Häufchen zusammen, das nach riskanter Anlage schreit.

2. Die Börsen selbst, die sich als Plattform für NASDAQ-ähnliche High-Tech Firmen positionieren wollen. Börsen sind Unternehmen. Je mehr traffic am Börsenplatz, desto mehr Erlös. Richtig viel traffic machen Neue Märkte mit riskanten Emissionen schnell wachsender Firmen, die nicht warten können, bis ihre Hausbank den Dispokredit aufstockt. In Europa ist zwischen den nationalen Börsen noch längst nicht entschieden, welcher Standort unwidersprochen als EUDAQ, als "HighTech Börse" gelten kann. Momentan führt der Neue Markt in Frankfurt mit ca. 76% aller Neuemissionen. Alle kleineren Börsenplätze müssen also schleunigst Erfolge zeigen. Also werden sich der Konkurrenzkampf und die Zulassungsbedingungen verschärfen, was wiederum neues Geld in die Taschen der VCs spülen wird.

3. Banken und Makler, die an den schnell gehandelten Internet-Werten ordentliche Provisionen und Gebühren kassieren: egal ob die Kurse sinken oder steigen, der Makler verdient immer. Denn sein Geschäft ist perfekt, lange bevor sich Erfolg oder Mißerfolg eines Startups absehen lassen.

4. Die Medien finden das Internet klasse: das Thema ist en vogue und füllt mit geringstem Rechercheeinsatz jeden Tag das Blatt. Die klassischen Printmedien reiben sich die druckergeschwärzten Hände: auf sie entfällt der Löwenanteil der astronomischen Marketingbudgets. In USA sollen von Internetfirmen 1999 alleine 2,5 Mrd US$ für Anzeigen in Zeitungen und Radio ausgegeben worden sein.

Der Hype verstärkt sich, je mehr die Risiken des Internetgeschäftes in der Mainstream-Presse verbraten werden. Wenn private Anleger zu verstehen beginnen werden, was die WIRTSCHAFTSWOCHE schreibt, wird zwar der Kapitalfluß nicht wesentlich geringer, aber die Hürden für alle neuen Ventures liegen höher. Greater fool theory in Reinkultur.

5. VCs, IPO-Häuser und Rechtsanwaltskanzleien wie Goldman-Sachs, Morgan-Stanley, Kleiner Perkins und viele mehr, die versuchen müssen, ihre Stellung in den USA, UK und Zentraleuropa zu halten. Hier wird massiv und für teuer Geld Personal nachgerüstet. Ein Top-IPO-Manager in den Dreißigern verdient inklusive Provisionen pro Jahr etwa 5-10 Mio DM (!) . Morgan-Stanley realisiert zig-Millionen fees bei jedem IPO: mit relativ wenig Arbeit und akzeptablem Personaleinsatz. Alle zusammen suchen dringend nach vielversprechenden Emissions-Kandidaten und machen dadurch den nationalen VCs Konkurrenz. Das ist spannend, weil es bedeuten kann, daß über kurz oder lang die kleinen nationalen VCs das Spiel gegen die international operierenden IPO-Häuser, die die ganze Prozeßkette aus einer Hand bedienen können, verlieren werden. Globalisierung auch im Internet, wen wundert´s?

6. DieVCs, Angels, und andere frühe Investoren, die beim Börsengang eine Vervielfachung ihrer Werte erhoffen.

7. Die Gründer. Mit der Liquidität aus einem auch nur halbwegs erfolgreichen Börsengang können sie eine richtige Firma mit richtigen Produkten und einer reellen Wertschöpfung betreiben: ohne Risiko, mit viel Image und einem großen Sack voll Spielgeld.

8. Die Politik. Wir lahmen Deutschen wollen nicht hinter den USA zurückfallen. Daher geschieht die Sicherung vieler VCs durch halbstaatliche Rückversicherer wie die TBG. Das ist schlau: denn alles Geld, das der Staat hier indirekt in die Wirtschaft streut, kommt dieser justament zu Gute.

Alle wollen IPOs.

Das System funktioniert: Einige VCs planen bereits, selbst als AGs an die Börse gehen. Oder sie beteiligen sich über Kreuz an anderen Venture Capital Funds und verteilen das Froschkuß-Risiko auf viele Schultern. Denn viele Banker können nicht irren, siehe Schneider. Das ist dann wie "Stille Post": was am Ende der Kette ankommt, ist niemals das, was am Anfang reingeht. Und es riecht nach Kettenbriefen - einer gewinnt immer, den letzten beißen die Hunde. Heißt: die IPO-Mania geht solange weiter bis auch der letzte Bausparer sein Scherflein gesetzt hat.

So werden auch die drögen Bekanntmachungen aus dem Handelsregister zu einer spannenden Lektüre in den Tageszeitungen.

Die nächste spannende Frage wird sein, wie all diese Firmen mit ihren Angeboten Geld verdienen wollen. Aber wer fragt schon nach dem Heimweg, solange die Party noch läuft.

3mns

Ordinary schmucks like you and me can get rich in Silicon Valley - if we hook up with the right company.

Ach ja, der Exit. Der Exit ist das Dreamland eines Goldsuchers. Der Exit kann ein cash out sein, bei dem die wertgesteigerten Anteile nach einem IPO und angemessener Schamfrist zu einem sauberen Millionenpölsterchen versilbert werden. Oder der Exit läuft auf der Meta-Ebene und besteht darin, von einem noch größeren, noch besser kapitalisierten Frosch geküßt zu werden. Das geschieht derzeit auch ganz gerne: Internetfirmen ohne einen einzigen Cent Erlös kaufen sich andere Internetfirmen (auch ohne Erlös), um eine noch viel größere heiße Wolke zu produzieren. Wie Freibier in der Ausnüchterungszelle.

Der Exit ist überhaupt das Allerwichtigste: auch der Gründer und alle in der Nahrungskette beschäftigten Menschen müssen ihren Exit planen. Ein ordentlicher Exit heißt, niemals wieder ernsthaft arbeiten zu müssen. Die Chiffre für einen kleinen Exit ist 3mns (mindestens drei Millionen nach Steuern). Weil die Branche noch jung ist, gibt es wenige Entrepreneure, die es mit einem einzigen cash out geschafft haben und ebenso wenige, die einen zweiten versucht haben. Man kann auch schlecht anrufen und fragen: "Sag´ mal, wieviel hast Du denn bei dem IPO abgezockt?" In den USA surft man dazu nur auf eine Website und sieht nach: jeder Verkauf von Eigneranteilen muß öffentlich gemacht werden.

Der klassische Exit, der durch eine Vervielfachung von stock options zur Lebzeit sowohl des Unternehmens wie des Menschen ermöglicht wird, ist eher die Ausnahme. Bei YAHOO Deutschland gab es einmal Karsten Weide, einen lieben Journalisten, der ganz früh den Mut hatte und hierzulande YAHOO aufbaute. Halb erschrocken lese ich im INDUSTRY STANDARD eine Titelgeschichte über Karsten Weide: Wie belastend Reichtum sein kann und mit welchen Schwierigkeiten sich Internet-Millionäre plagen. Damals fragte ich mich, ob mit Suchmaschinen wohl jemals Geld zu verdienen ist und lehnte ein diesbezügliches Angebot dankend ab. So oder so ist das Leben.

Wer den IPO nicht schafft, wer scheitert, der fällt raus, und keiner fragt mehr nach ihm. Jedenfalls hierzulande. Auch das ist in den USA anders: Dort ist Scheitern die Chance zum Neuanfang. Übelgenommen wird das nicht. Aber unser Klondike liegt ja zwischen Bembels und Glasfassaden im muffigen Frankfurt, Falschmachen ist unteutonisch und wird nicht verziehen, so sind wir Deutschmenschen.

Einen echten Exit mit solidem IPO haben in Deutschland bisher nur eine Handvoll Einzelpersonen geschafft. Alle anderen sind blutige Anfänger, das muß man auch bei gespitztem Froschkußmund im Hinterkopf haben. Die Branche hat keine Regeln, keine Erfahrungswerte, und bei jedem Schritt verdient jemand mit.

Wie fragil und abhängig von irrelevantem Rauschen dieses Gleichgewicht ist, zeigt eine Randbemerkung von Steve Ballmer (MICROSOFT-Vize), der beiläufig am Rande einer einschlägigen Konferenz erwähnte, daß Internet-Stocks und Technologie-Aktien wie MSFT hoffnungslos überbewertet seien. MICROSOFTs Aktienwert verlor im Handumdrehen knapp 490 Mio USD oder 5%.

Zero gravity

Solange Privatleute weiterhin wie im Drogenrausch Aktien von Internetfirmen kaufen, läuft die Party. Mit jedem neuen ALANDO wird das Spiel rasanter ,und mit jeder Warnung von Herrn Greenspan kommt ein wenig mehr Schwerkraft in die zero-gravity economy. Das Gute daran ist gleichermaßen der Krähenfuß: es geht weiter wie bisher, wer bremst, verliert.

1999 gab es in den USA 268 Neuemissionen von Internet-only Firmen. Insgesamt erlösten diese 21 Milliarden US$, der durchschnittliche Zugewinn am ersten Handelstag betrug 84%. Die erfolgreichste Emission war die Aktie von VA LINUX, die am ersten Tag um 700% zulegte.

Allein mit Hype und Medienhebel wird 2000 aber kein erfolgreicher IPO mehr zu schaffen sein. Die Medien werden kritischer und übernehmen nicht mehr blind jede Story aus dem PR-Verteiler. VCs werden von der Realität eingeholt und müssen dringend Renditen erwirtschaften.

Ohne Nachschubfinanzierung werden also die ersten Startups der späten 90er den schnellen Heldentod sterben. Doch neue stehen längst vor der Tür. Das Spiel geht weiter.

Wie kommen die Taler in den Sack?

Das ist schnell beantwortet: Wir sind die Erbengeneration. Weißderdeibelwieviele Milliarden prasseln unversehens auf die Generation der heute 20-jährigen nieder. Nicht zu vergessen die vielen kleinen Grauerlöse der Zahnärzte, Praxisübergaben und fällige Lebensversicherungen. An Geld herrscht kein Mangel.

Heute gibt es (zumindest in den USA) weit mehr Kapital, das nach hochriskanter Anlage sucht als kompetente VCs. Also stehen alle aktiven VCs unter extremem Druck: Zeitnot, Erfolgsdruck und Recherche-Notstand. Geld ist nicht das Problem.

Der Erfolgsdruck ist ein nicht ganz unwesentliches Element: Wer in einen Fund einzahlt, erwartet irgendwann eine solide Auszahlung. Bei hochriskanten Funds sollte die Auszahlung höher liegen als bei Bundesschatzbriefen. Der VC muß also Geld machen. Schnell und viel Geld. Schafft er das nicht (vulgo: er findet keine Goldader à la ALANDO), murren die Investoren und wollen ihr Geld zurück. Die Blase platzt und aus Millionären in spe werden Bettler in realiter.

Die ersten platzenden Fonds werden wir im Sommer erleben: Viele blinde und übereilte Investments aus 98 und 99 werden die zweite und dritte Finanzierungsrunde nicht schaffen und sich als Kadaver im Froschteich wiederfinden. Ohne Geld keine Story.

2000 wird ein schwieriges Jahr für die der Pubertät kaum entwachsene VC-Branche und ihre Schutzbefohlenen: Wir werden viele der aufstrebenden Jünglinge anstelle in geleasten 3er BMWs in der S-Bahn wiedertreffen.

Goldsucher, Söldner, Marketender

Wie wir alle investieren auch VCs lieber in Menschen, die ihnen Zeit sparen, als in Menschen, die sie Zeit kosten. Also heuert ein VC mit Vorliebe Menschen mit ausgeprägten einseitigen Begabungen an, möglichst jung und möglichst hungrig, und schweißt daraus ein Team - am besten um die Gründer der Beteiligungen herum. Sofern die ihn lassen, freilich.

Das ideale Kanonenfutter für Startups wird unter den zweitklassigen Juniorberatern erstklassiger Beraterfirmen wie McKinsey, Boston Consulting oder Andersen rekrutiert. Mitte Zwanzig, Wirtschaftsstudium, einschlägiger Schliff bei einem Beratungshaus und vermutlich hochbelastbar. Das Kanonenfutter kann wunderbare Businesspläne schreiben. Makellos in der Form, hochkompliziert und verschachtelt. Bekannt ist, daß die Juniorberater regelmäßigen reviews unterworfen sind. Diese Auslesen dienen dazu, immer nur den besten Nachwuchs im Sinne der Artenreinheit voranzubringen. Wer nicht tickt wie McK, hat noch eine Chance zur Besserung und kann sich im Fehlerfalle nach einer neuen Anstellung umschauen. Der Pool ist groß und McK & Consortens Nachschub unerschöpflich.

Mit Karacho vor die Wand

Ex-Berater haben aber meist einen kleinen, vielleicht entscheidenden Makel: Se können reden, malen, schreiben und rechnen, aber sie haben sich noch niemals in einem real world job die Finger schmutzig gemacht. Berater kommen, beraten und gehen. Berater müssen beraten, nicht machen: die eingebrockte Suppe müssen sie kaum je selbst auslöffeln. Berater haben keine Erfahrungen in den Niederungen des Alltages. Berater haben noch nie etwas kollosal vor die Wand gesetzt, weil sie nie lange genug in einem Projekt stehen. Falsch machen können gehört nicht zur Ausstattung eines Beraters.

Am Klondike aber zählen die Blasen an den schaufelnden Händen und das Wissen um die richtige Haltung am Schaufelstiel. Viel weniger zählen akademische Kenntnisse der Bergmannskunst. Die VCs haben das noch nicht gemerkt und heuern indes fleißig weiter. Gut für die Berater, schlecht für die vielen kleinen Startups.


stefan knecht auf dem sofa
venture capital for dummies. alle folgen.