100 150
100   150
 
venture capital 1 | von stefan knecht
 
       
  klondike  
     
 

Der deutsche Klondike der eConomy liegt in Frankfurt.

Wie bei jedem ordentlichen Goldrausch ziehen im Treck eine wackere Schar von Kriegsgewinnlern, Glückssuchern und Kopfjägern.

Die Götzen am Klondike sind Venture Capitalists (VCs) , altdeutsch Wagniskapitalgeber, die schnell wachsende Venture Capital Funds kontrollieren. Wie es sich bei einem Goldrausch gehört, suchen die Goldgräber nach Nuggets. Nur steckt heute das Geld nicht im Boden, sondern in den Aktenköfferchen der VCs. Gesucht werden Millionen. Schnelles Geld, das Internetfirmen brauchen, um schnelle Beachtung und krebshaftes Wachstum zu finanzieren.

Warum VCs stinkende Frösche küssen

Noch läuft der Goldrausch auf Hochtouren, und die jungen Mechanismen funktionieren prächtig. Stellen wir uns vor: ein Teich, hunderte laut quakende Fröschchen darin. Unter den Fröschen ist mindestens ein Prinz versteckt. Dieser hat sich spaßeshalber als Frosch verkleidet und will wachgeküßt werden.

Eine muntere Schar von Prinzessinnen drängt mit gespitztem Kußmund am Teichufer. Alle Frösche küssen! Schnell! Mit Zunge!

Einer der vermeintlichen Froschprinzen hat eine Idee. Vielleicht eine prima Idee. Vielleicht ein neues AMAZON? Das ist dieser Buch- / Schallplatten- / Katzenfutterhändler, der seit seinem Bestehen noch keine einzige Mark Gewinn verbuchte und heute mehr wert ist als manch gestandenes Industrieunternehmen.

Küßt die Prinzessin den richtigen Frosch und ein Prinzchen entpuppt sich, dann muß sie nur noch ihren Geldsack öffnen. Wenn alles klappt, dann werden alle reich & glücklich.

Der Venture Capitalist (VC) ist der Filter im Teich. Er muß aus der Kakophonie schreiender Frösche die Prinzen heraushören. Schnell, bevor es andere tun. Das macht das Küssen ein wenig aufwendiger, erhöht aber ungemein die Spannung.

Dummerweise muß jeder VC erst alle erbärmlich stinkenden Frösche küssen, um den einen wahrhaftigen Prinzen zu finden. Darin liegt die Kunst: schnell küssen, schnell entscheiden. Wie im richtigen Leben.

Macht der VC seinen Job gut, dann wird er durch einen einzigen Treffer vom Kaliber eines ALANDO, dem in Deutschand bislang profitabelsten VC-Investment, auf einen Schlag saniert. Aber leider funktioniert das Spiel meistens nicht, und manch inniglich geküßter Frosch bleibt, was er schon war. Also bezahlen die wenigen Prinzen die Rechnung für alle kleinen glitschigen Frösche im großen stinkenden Teich.

Hat der VC sein Köfferchen ausgeschüttet und die Seele des Froschprinzen gekauft, dann gehört ihm ein bißchen von gar nix. Mit seinem Wagniskapital erwirbt er einen Anteil an einer Idee und die Option auf eine Vervielfachung seiner Investition - aber nur, wenn auch andere Menschen die Idee ganz dufte finden. Das nennt man dann IPO. Und davon ist weiter unten die Rede.

Paranoia

VCs haben eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne. So ungefähr 15 Minuten. Das liegt daran, daß sie keine Zeit haben, weil im Stundentakt neue Businesspläne auf den Tisch flattern. Businesspläne sind auf Papier fixierte Wahngebilde. So wie "Malen nach Zahlen", wo aus einer Nummernwolke unversehens ein trompetender Elefant erscheint.

VCs leben in der permanenten Angst, im Rauschen irrelevanter Optionen den nächsten ALANDO zu verpassen. Deshalb können sie nicht anders, als jeden auch nur halbwegs sinnvollen Vorschlag zu prüfen. Ein arrivierter VC erhält pro Monat an die zweihundert (meist unaufgeforderter) Ideen zugesandt und muß entscheiden, welche der Ideen aus den Plastikmappen sinnvoll ist. Zweihundert Papierstapel à 30 Seiten. Oder megabyteweise eMail. Und 400 Anrufe von geheimnisvollen Entrepreneuren und Millionären in spe.

VCs leben gar nicht wirklich, sondern sind Sklaven der Lithium-Ionen Akkus ihrer ultrakleinen Mobiltelefone. Zombie-Kapitalisten. Ach ja: Die Nummer dieses Hosentelefones ist das Geheimnisvollste und gleichsam schrecklichste Instrument der Inquisition. Denn wenn diese Nummer auf dem eigenen Display erscheint, dann hat der Entrepeneur nur wenige Sekunden Zeit, um unerwartet doofe oder komplizierte Fragen zu beantworten. Geld will gestreichelt werden.

Alle VCs erhalten zur selben Zeit dieselben Mappen mit denselben Farblaserkopien. Also müssen alle und jeder für sich sehr schnell sein und (Gottseibeiuns!) keine Fehler machen. Schnell müssen sie sein, weil auch die Prinzenfrösche wählerischer werden und die Geldsäcke praller und die Zeit immer knapper. Kapitalist zu sein ist ein schwieriges Geschäft.

VCs haben vom Internet meist keinen Schimmer. Das müssen sie auch gar nicht: Sie sind Banker, Broker, Finanzjongleure, Wirtschaftprüfer oder Rechtsanwälte mit einem Funken Gespür für geschickt gestrickte Geschichten. Die Geschichten müssen allein den Geldgebern der VCs schmecken. Da ist es nicht schlimm, wenn man nicht weiß, wie ein Auto funktioniert, Hauptsache es fährt schön schnell und macht ordentlich Lärm.

Aber VCs müssen den Prinzenfröschlein auch etwas bieten. Geld alleine reicht nicht mehr. Die Fröschlein können ja meist nicht mehr, als als ihre Idee zu verkaufen. Immerhin, das ist schon was. Also sind die guten VCs jene, die nebenbei auch noch wissen, wie man eine Firma baut, wie man welche Leute einstellt, wie man Gutes tut und es jeden wissen läßt, wie man Marketing buchstabiert und wofür die vielen Knöpfe am Computer sind.

Venture Capitalists sind also Kuppler, Puffmütter und Nutten zugleich.

Frösche im Eroscenter

Der letzte Schrei sind sogenannte Inkubatoren - Eroscenter der neuen Art. Hier kommt man ohne Küssen aus, die Regeln sind ein wenig anders: kleine Zwei- bis Drei-Mann-Combos werden allein auf den Verdacht hin, daß aus ihnen mal ein prächtiger Frosch entstehen könnte, mit allem versorgt, was eine Firma in spe so braucht. Büroraum, Server, Infrastruktur und bei Bedarf auch Assistenz in legalen, betriebswirtschaftlichen oder werblichen Fragen.

Besonders schick ist office space in aufgelassenen Kasernen, wegen des Loft-Flairs und der vielen kleinen Notebooks, die im Dunkeln leuchten. Für das freundliche Entgegenkommen erhält der VC einen Anteil an den meist noch gar nicht gegründeten Firmen. Wird etwas daraus, hat der VC mehrfach verdient. Die steuerlichen Abschreibungen macht er direkt geltend, und zugleich hat er einen Fuß in der Tür eines vielleicht erfolgreichen Startups.

Spaßigerweise ist der einzige Inkubator in Deutschland das Produkt einer größeren Werbeagentur in Berlin. Alle anderen reden nur davon. Aber auch das ist eine andere Geschichte.


stefan knecht auf dem sofa
venture capital for dummies. alle folgen.