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passage nach indien 8 | von stefan knecht
 
       
     
 

Hampi könnte auch Kulisse für eines dieser bekloppten RTL-Fantasy-Adventures sein. Haushohe, rundgewaschene schwarz-braune Granitfelsen sind wie von Riesenhand zu kleinen Gebirgen aufgetürmt. Dazwischen grüne Flecken, überirdisch strahlende Farbkontraste, ein träge treibender Fluss mit angeblichen Krokodilen und Schildkröten und Myriaden von Tempeln. Ganz kleine Tempel, nicht größer als Hundehütten für Bernhardiner oder Dobermänner, größere wie ein Gartenhaus. 

music temple

Die meisten sind nicht einmal ausgegraben oder vom Schmonz der Jahrhunderte befreit.

Manche der Granitklöpse zeigen menschliche Bearbeitungsspuren. Sieht aus wie ein halber Reissverschluss, als hätte man versucht, den Felsen auseinanderzuziehen. 
Manchmal klappte das Auseinanderbrechen: ein Stück Granit fehlt, der Rundling hat eine platte Seite. Machmal aber ist das abgesprengte Stück so unglücklich gefallen, daß es offenbar nicht fortgeschafft werden konnte und liegenblieb. Mit welchen Werkzeugen das gemacht wurde, kann mir niemand sagen. Die rechteckigen Löcher sind präzise entlang der vermuteten Bruchkanten des Felsens angeordnet.

Ich miete ein Fahrrad und für einen halben Tag einen Führer - zu viele Fragen, als daß ich alles lesen möchte. 

Kumar ist schwarz wie die Nacht und hat sein Haar nach Frauenart geölt. Hilft offenbar gegen die Mücken oder spart häufiges Waschen. Redlich und meist vergeblich gibt er sich Mühe, die Familienverhältnisse der hinduistischen Götterwelt zu zerlegen. Fast aussichtslos zu verstehen, welche Inkarnationen und Avatare aus welchen Gründen Hörner, Arme oder Augen gewannen, verloren oder zu anderen Wesen werden. 

valley temple

Die hinduistischen Götter scheinen sich permanent gestritten zu haben. Ein Fall für die Familienpsychologie. Haben die Freudianer jemals Fuß gefasst in Indien? Die Trinität der Hauptgötter Brahma, Shiva und Krishna leuchtet ein, kommt aus dem Katholizismus bekannt vor. Aller guten Dinge sind drei. Alles weitere ist verworren. Bin zufrieden, die Symbole für jede Einfaltigkeit auseinanderhalten zu können. Shiva hat einen Dreizack, die Gefolgsleute Shivas demnach drei waagerechte weiße Striche auf der Stirn.

Wir passieren eine aktuelle Grabung, bei der mehrere Dutzend Arbeiter und Frauen mit Hacken und Schalen ein tief im Erdreich verborgenes Fundament freilegen. Mit den Hacken wird der Humus gelockert, in die Schalen geworfen und diese auf dem Kopf zu einem Treckeranhänger getragen. Die Menschen arbeiten schnell und effektiv. Sonderbarerweise wird das abgetragene Material nicht gesiebt, und niemand kriecht mit kleinen Besen auf Knien auf dem Boden herum. Ich dachte immer, das wäre Teil der archäologischen Methodik. Geht offenbar auch anders.

lingamsÜberall sind Lingams versteckt. Lingams sind symbolische Darstellungen für Shiva und sehen aus wie ein stilisierter Penis oder, wenn sie als Halbrelief aus dem Granit geschlagen wurden, wie eine abgeflachte Halbkugel. Lingams haben keine feste Größe oder einen definierten "Formfaktor". Der Pint ist konzentrisch von einer kleinen Rinne umgeben und hat in eine Richtung eine Ausbuchtung, ähnlich einem Öllämpchen. Die Spitze des Lingams ist meist mit weißen und in der Mitte roten Farbpigmenten geschmückt. Oft liegen Blüten um das Lingam verstreut, und die Rinne ist fett und glänzend von den dargebrachten Punjas, den Opfern. Ganz klar ist mir nicht, in welcher Ordnung die Lingams in den Fels geschlagen sind. Es scheint keine präferierte Himmelsrichtung zu geben.

Kumar kann nicht viel dazu sagen. Später offenbart er, daß er gar kein offiziell bestallter Führer ist und sich alles selbst beigebracht hat. Außerhalb der Saison arbeitet er als Landhelfer auf den Feldern. Die 250 Rp, die er in einem halben Tag mit mir verdient, sind ein guter Wochenlohn. Er kriegt am Schluss 300 Rp. Kumar ist ein netter Kerl und müht sich redlich, meine obskuren Fragen zu beantworten.


stefan knecht auf dem sofa
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