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passage nach indien 7 | von stefan knecht
 
       
     
 

hampi valley creek Bin unschlüssig, will keinen Fehler machen und in eine Zeremonie platzen. Drücke mich an den Wänden entlang. Mehrere Räume gehen ineinander über. In jedem Raum steht ein mit weißem Sarong und Bauchschnur bekleideter Priester hinter einem waagerechten Balken. Vor ihm auf einem Metallteller ein Öllämpchen, Blumen, Farbtöpfchen. Verziehe mich in den Hintergrund. 

Der Priester fertigt eine lärmend hereinplatzende Schulklasse ab. Ganz profan. Jeder hält die rechte Hand kurz über die Flamme, fährt sich damit über das Gesicht, erhält aus einer kleinen Schöpfkelle ein wenig gesegnetes Wasser in die Hand, trinkt und fährt wieder über den Kopf. Die Schulklasse ist vorüber, der Priester winkt mich heran. Ich imitiere das Gesehene, erhalte die Tikka, einen roten Punkt aus Farbpigment zwischen die Augen und eine gelbe Blüte, die hinter meinem Ohr allerdings nicht halten will. Der Priester segnet mich und erklärt, die Tikka brächte meiner Seele Frieden. Prima, kann ich brauchen.

westler im osten

Weiter. Vor einer zehnköpfigen Kobra aus purem Gold ein weiterer Priester, ähnliche Rituale. Ein grauhaariges Männchen, gut zwei Köpfe kleiner als ich, zieht mich an der Hand, ich folge. Er führt mich in einen Verschlag am Rande der Außenmauern, gestikuliert wild auf ein Schattenbild hin. Tatsächlich: der weiße Hauptturm steht als buntes Schattenbild auf dem Kopf, eine natürliche Camera Obscura.

In einem weiteren Bereich, der einem steinernen Boxring ganz ähnlich sieht, zerschlägt ein auf den Fersen sitzender Jungpriester im Akkord die ihm gereichten Kokosnüsse über einem spitzkantigen Stein. Das Kokoswasser rinnt in ein Lingam, um das Zentrum herum und in eine Rinne, die im Boden verschwindet. Bündelweise brennen Räucherstäbchen und Öllampen. Die Decke und die Wände des Tempels sind starr vor Ruß und schmierig von unablässigen Fett- und Reisopfern.

hampi people

Jeder Hereintretende schlägt eine von der Decke hängende, durch ständigen Gebrauch glänzend gehaltene Messingglocke. Die Götter müßten aufgeweckt werden, erklärt man mir, sie nähmen allzugerne ein Nickerchen. Sympathische Götter.

Hinduistische Rituale sind alles andere als sakral - die Rosenkränze, Messen und Predigten in christlichen Kirchen sind steifer und reglementierter. 

Die Hindu-Priester machen ihren Job, und die Gläubigen kommen vorbei. Das geht den ganzen Tag so, mal weniger, mal mehr. Ohne Mittagspause in den grossen Tempeln, mit Lunchtime in den kleineren. Die modernen Hindutempel sehen aus wie Geisterbahnen auf Jahrmärkten. Kitschig und grellbunt, im Disney-Realismus bilden die kleinen Ganjiesch und Shiva-Figürchen Stilleben auf umlaufenden Simsen. Manche der Tempel sind gerade so groß wie eine Öltonne, andere wie eine Doppelgarage.

elefant Über speckige Stufen, poliert von den nackten Füßen der Pilger, zurück ins Freie. Träume vor mich hin und sinniere über die Verrichtungen des Priesters. Keine zwei Meter weiter steht ein Elefant. Ein mächtiges Wesen. Sieht genauso aus wie bei Heinz Sielmann. Prächtige Bemalungen auf der Stirn, ein drahthaariger Bauch, Glöckchen um den Hals und sehr menschliche Augen. Er fixiert mich, der Mahut gestikuliert etwas von "Pujha", will, daß ich etwas gebe, ich reiche eine Münze, die er mit dem weichen Rüssel beschnuppert, geschickt umfaßt und umgehend an den Mahut weiterreicht. 

Der Rüssel fährt durch die Luft, landet auf meinen Kopf, versucht einen Schopf Haare zu greifen und belässt es bei einem sanften Klaps. Meine Haare sind zu kurz, er kann sie nicht greifen.

elefantenscheisse Beseelt vom elefantösen und priesterlichen Segen schwebe ich dem Ausgang zu. Ein Moment der Unachtsamkeit, und etwas Warmes, Zähes quillt durch die Zehen. Mein Fuß steckt bis zu den Knöcheln in einem gigantischen Elefantenhaufen. Die Tempelwächter schütteln sich vor Lachen, und der Spruch "... da wäre ein Elefant stolz darauf" erhält tiefen Sinn. 


stefan knecht auf dem sofa
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