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passage nach indien 6 | von stefan knecht
 
       
     
 

hampi rockEin Schlepper zieht mich Willenlosen zum Kiran Guesthouse, ich nehme ein Doppelzimmer im ersten Stock. 2x2 Meter, ein Stahlbett mit ein paar Brettern als Unterlage, eine unbeschreiblich benutzte Matratze samt vermutlich weißem Bezug, eine defekte Neonlampe, ein Ventilator und ein Moskitonetz. Gerade soviel Platz, daß ich meine Tasche öffnen kann. Die Wände waren wohl mal türkis gestrichen. Blutig mumifizierte Moskitoleichen an der Wand deuten auf heroische Abwehrschlachten. 

Ein weißer Plastikstuhl (sic!), ein plastikblau gerahmter Spiegel, ein Brett als grob gezimmerte Türe. Mein Mutter-Theresa-Sarong dient als dünne hygienische Schicht zwischen Haut und Bett. 

Man sieht den Fluss, schwarze, haushohe Granitkugeln, Palmen und eine Bananenplantage. Nachts ist es ein wenig kühler als 35 Grad, das geht gerade. Der Ventilator dreht seine Runden.

ticketDas heutige Hampi hiess ehedem Vijayanagar und war im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert Hauptstadt und Residenz eines ganz Südindien beherrschenden Königreiches. Zur Blütezeit lebten mehr als eine halbe Million Menschen in der Stadt und dem inneren Sprengel. 

Eingebettet in einen natürlichen Schutzwall aus gewaltig aufgetürmten Granitfindlingen und einem mäandernden Fluß dehnen sich auch heute noch sattgrüne Bananenplantagen, Reisfelder und Zuckerrohrwälder bis an den Horizont aus. Eine paradiesische Oase in der eintönigen und trockenen Ebene.

valleyDer portugiesische Reisende Domingo Paes beschrieb Vijayanagar als die am besten versorgte Stadt der damals bekannten Welt. 

"... was ich sah, schien so groß wie Rom und wohlgestalt; Palmenhaine und Parks und Gärten mit Früchten, gefasste Kanäle mit klarem Wasser und Teiche"

In seinen Beschreibungen quellen die Märkte über von Waren, in den Straßen so viele Wasserbüffel, daß man kaum vorankam. Reis, Zucker, Kokosnuß, Farbstoffe, Gewürze und feine Baumwollstoffe gingen nach Persien, Afrika und China. Kaufleute aus anderen Ländern waren willkommene Gäste am Hofe der Könige. Ihre Abbilder sieht man in langen Reihen an Reliefen des Vitthala-Tempels: Portugiesische Händler, chinesische Reisende und persische Gesandte mit ihren Pferden, Kamelen und Karawanen umziehen in langen Schlangen den gut turnhallengrossen Tempel. Das sich auftürmende Dach wird von Dutzenden schmaler Säulen gehalten. 

hampiMein Führer Kumar erläutert, daß jede der Saulen, mit einem Holzklöppel angeschlagen, einen anderen Klang produziert. Dreißig Musikanten begleiteten so gemeinsam den Tanz der Königin. Der Sikh-Wächter beäugt uns intensiv, ahnt meine Gedanken. Ich sehe von einem Test ab, der Wächter wendet sich trillerpfeifend neuen Opfern zu.

valleyEinzig noch aktiv ist der hinduistische Virupaksha-Tempel. Er liegt an einem Ende des Basars von Hampi und ist gut fünfhundert Jahre älter als die Stadt. Ein weißer Bau, dessen treppenförmige Außenhaut sich nach oben verjüngt, durchbrochen von filigranen Kapitellen, Scheinfenstern, Reliefen und Figurinen. Durch mehrere Tore geht es, an den Stammbettlern vorbei, ins Innere. Inmitten des letzten Tores ist ein Safe in den Boden eingemauert und wartet auf Spenden der Besucher. Ein Tempelwächter fordert auf, die Schuhe auszuziehen. Hinduistische Tempel betritt man barfuß.

Ich stolpere ein wenig hilflos den Hauptwegen durch den Tempel entlang. War noch nie in einem Tempel. Ein halbblinder Mann bläst im Minutenabstand auf einer langrohrigen, einmal um sich gewundenen Trompete die immergleichen Grundtöne. Nicht schön aber laut. 

Er bietet mir das Instrument an. Nachdem seine Speichelfäden an das verbeulte Mundstück zurückschnalzen, widerstehe ich dem ersten Impuls und lehne dankend ab. 


stefan knecht auf dem sofa
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