100 150
100   150
 
passage nach indien 5 | von stefan knecht
 
       
     
 

Nächste Station ist Hampi. Knapp 400 km von Goa entfernt und angeblich die zweitgrößte archäologische Stätte dieser Erde.

Von Vagator Beach aus fährt mich ein schweigsamer Goanese in seinem zerbeulten Auto nach Panjim, der Hauptstadt Goas, gut eine Stunde entfernt. Zur aktuellen Lage, den kommenden Wahlen in Goa oder dem Leben im Allgemeinen will er keine Stellung nehmen, so rauche ich stumm vor mich hin. Seine Räucherstäbchen im Fond glühen dagegen. Ich bin still aufgeregt. Es geht los, die Reise beginnt. Wie aufregend, allein auf weiter Fahrt.

Am Autofenster ziehen vorüber: Reisfelder, sich im Schlamm trockengefallener Teiche suhlende Wasserbüffel, brauntrockene Felder, Bananenplantagen und Palmenwälder, kleine Dörfer, Hütten, Buden, am Strassenrand marschierende Frauen in knallbunten Saris, ein Militärlaster, ungefähr 23 Hippies auf verrosteten Enfields, Schulkinder in blaugrauen Uniformen und verfallene Villen im portugiesisch-lusitanischen Stil.

Strahlend weiße Kirchlein mit Glockentürmchen und staubigen Kirchhöfen wechseln sich ab mit hinduistischen Schreinen. Wie Christmarterl im Alpenvorland. Spuren von Kerzenrauch, vertrocknete Blumengirlanden an den Sockeln. Stellenweise vermengen sich Hinduismus und Katholizismus: an Marterln stecken Räucherstäbchen und Blumenketten, in Shiva-Schreinen kleben Kerzenstummel.

In Panjim löse ich mein neurotisch gewordenes Schlappschuhproblem. Die landesüblichen Flip-Flops sind praktisch, nicht aber für meine Füsse gemacht. Der Mittelsteg hinterläßt fiese nicht heilen wollenende Scheuerspuren. Auf dem Markt in Panjim finde ich ein Paar bequeme Sandalen. Meine Größe, sagt der schwitzende Verkäufer, meine Größe sei im Nebenraum vorrätig. Mit Rp 295 bezahle ich ein kleines Vermögen und wundere mich beim Hinausgehen, in welchem Zusammenhang wohl das aus heimischen Supermärkten bekannte Klacken der Auszeichnungspistole im Nebenraum mit dem ungewohnt horrenden Preis steht.

Drei Wallahs, bettelarme Träger auf dem Gemüsemarkt, rasten im Schatten eines Baumes. Mindestens einer hat keine Schuhe. Ich will ein Gutmensch sein und reiche ihm meine kaum fünf Tage neuen Flip-Flops. Er greift die Tüte, blickt hinein, zieht die Schlappen an und nichts. Weder nickt er noch murmelt er etwas, noch scheint er sich sichtbar zu freuen. Auch recht. Alles anders hier. Kein Danke, kein Bitte.

400 km sind mindestens 10 Stunden Fahrt auf Nebenstraßen. Von Goa nimmt man den nächtlichen sleeper bus ab Panjim. Sleeper heisst er, weil Pritschen eingebaut sind und man schlafen können soll und sich so einen Reisetag in stehender Hitze erspart. Prima Sache, ich buche für Rp 400.

bus

Der Bus ist ein brachiales Vehikel. Die Zusammenrottung von Götterbildchen im Führerhaus gibt zu denken: vor lauter Glücksbringern sieht der Fahrer kaum aus der von Steinschlägen lädierten Frontscheibe. Die Hupe funktioniert prima, das Nebelhorn dagegen erinnert an eine Faschingströte. Im Fond sind doppelstöckige Pritschen montiert. Das Interieur hat den Zenit hinter sich. Wo ehedem ein Kunstsamtbezug spannte, schimmert der angerostete Flachstahl der Unterkonstruktion durch. Die Polsterung hängt in Fetzen. Wo sich noch Stoff gehalten hat, strömt er den Angstschweiß der Vorgänger aus. Mein Liegeplatz ist der letzte in der Doppelreihe, hinter der Achse im Eck. Ich hege stille Zweifel, ob der Bus wirklich eine gute Idee war.

Dreißig weitere Bleichgesichter steigen ein. Nach kaum zwei Stunden unter lautstarkem Palaver und Trillerpfeifenkonzerten dieselt der Bus ab in die Nacht, scherbeladen ächzend. 

Nach den ersten Meilen ist klar: Schlafen scheidet aus. Überleben zählt. Der Fahrer vertraut auf seine Götter und gibt Gas. Hart treffen Bodenwellen das Chassis, die Schockwellen laufen durch die Karosserie und enden direkt unter meinem Platz. Am Ende der Teufelswippe schlägt mein geschundener Körper mit jeder Bodenwelle entweder gegen die Unterseite der darüberliegenden Pritsche oder gegen die Seitenwand. Alternativen gibt es nicht. 

Festhalten kann man sich entweder krampfhaft an der Unterseite des darüberliegenden Bettes, oder man verspannt den Körper der Länge nach in die ohnehin zu kurze Verschalung der Koje. Die vertikalen Streben, die ein Herausfallen und Schlimmeres vermeiden sollen, finde ich abgebrochen unter der Pritsche. 
Ein Schweizer zieht käsebleich auf den Boden um, und verschiebt die Kette der Aufprallschmerzen lediglich in den Schulterbereich. Mehr Wahlfreiheit gibt es nicht.

So muß sich Beton in einer Mischmaschine fühlen. Mannhaft richte ich mich ein und zwinge mich zu lesen, die Taschenlampe zwischen Schulter und Halsansatz eingeklemmt. Kein guter Plan: Lampe vibriert in anderer Frequenz als Buch, Zeilen verrutschen, Großhirn meldet Error. 

Nur bei voller Konzentration ist das Schlimmste vermeidbar: Ein paar Hundertstelsekunden hat man Zeit, bis der wahrnehmbare Schlag auf die Busvorderachse die Hinterachse erreicht. Dazwischen kann man sich einspreizen und auf den Einschlag vorbereiten. Und konzentrieren kann man sich nur im Wachen. Schlaf scheidet aus.

Zwei nächtliche indische Rastplätze und eine Bodenwellenunendlichkeit später schmeißt der Fahrer seine lädierte Menschenfracht auf einen staubigen Parkplatz, direkt in die Fänge der wartenden Rikschafahrer. Willkommen in Hampi.


stefan knecht auf dem sofa
passage nach indien. 
	    alle folgen