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passage nach indien 41 | von stefan knecht
 
       
     
 

Die Wüste ist alles andere als leer. Der Boden ist übersäht von Ziegenkot. Ziegen sind überall, manchmal gar Kuhherden mit weit ausladenden Hörnern. Die Tiere sind kleiner und sehen eher aus wie großgewachsene Kälber, so gar kein Vergleich zu schwarz-weissen Holsteinern oder kugeligen Alpenrindern. Sie scheinen auch mIlch zu geben, die knotigen Kühe. Viel wird es nicht sein.

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Auch tote Tiere. Kuhskelette, hohl und mumifiziert, Reste von Ziegenbälgern, kaum noch kenntlich und gefleddert von Geiern, Nagern und Insekten. Schnell ginge das, erklärt Padma, nach drei Tagen sei ein totes Tier in anderen Mägen.

Leguane und kleine Echsen flitzen in Erdhöhlen. Gazellen oder kleine Hirsche hüpfen erschreckt in die Weite. Padma zeigt eine harmlose Schlange.

Wir passieren Dörfer wie aus einer Filmkulisse. Rundliche, ästhetische Katen, harmonisch zueinanderstehend. Von einem Mäuerchen umfasst, im Inneren: Zicklein, Mensch und kleiner Besitz.

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Barna ist Padmas Dorf. Seine Frau verschwindet im Küchenhaus und bereitet Essen. Familientratsch. Gokul zeigt seine Schulsachen. 

Nur wenn er Padma nicht helfe sei Zeit für die Schule. Fünf Klassen müssten reichen. Mehr Geld ist nicht da. Die hochschwangere Tochter ist zu Besuch. Sie döst im Schatten, unbequem an eine Mauer gekauert.

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Weiterziehen. Die Kamele werden am Brunnen getränkt und saufen minutenlang. Brackwasser sei es, leicht salzig und nicht für Menschen geeignet. Padma trinkt es dennoch, er habe sich daran gewöhnt, es mache ihm nichts mehr aus. Wir kriegen Plastikflaschenwasser soviel wir wollen. Man lernt schnell, mit dem Wasser sparsam zu sein. Ein Mund voll reicht zum Zähneputzen. 

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Der Rhytmus des Trecks beginnt zu wirken. Durch die Wüste trotten, mit sich selbst beschäftigt, Gedanken verlangsamen sich. Mumals beruhigend blubbernde Verdauungsgeräusche und seine sonore Fürze.

thar Am dritten Tag ziehen Wolken auf, türmen sich blauschwarz und lassen ein unwirkliches Farbenspiel beginnen. Die Wolken mästen sich, ziehen dicht über die Köpfe. Padma wird unruhig und sieht nach einem geschützten Ort aus. Es regne niemals in der Wüste, nicht zu dieser Jahreszeit. Die ersten Tropfen schlagen im Sandstaub ein und hinterlassen kleine Krater, immer mehr Tropfen, Mumal schnaubt, Gokal fängt dicke Tropfen mit der Zunge auf, Padma wird hektisch. Wir entlasten die Kamele, laden ab und kauern uns in ihren Windschatten. 

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Ein Wind beginnt und steigert sich, Sand wirbelt auf und kleine Windhosen ziehen vorüber, wechseln sich ab mit Regen, Sonne und Wolkenlöchern.

In der Wüste regnet es. Es regnet nie in der Wüste.

Wie schön. Die Temperatur sinkt schlagartig, die Luft ist frisch und drängt von selbst in die Lungen. Farben ändern sich, ein Regenbogen steht am Himmel. Padma strahlt. 

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Eines Morgens fehlen die Kamele. Trotz der Fußfesseln kamen sie weiter als erwartet, sind nicht zu finden. Padma wird unruhig, der Tagesplan verzögert sich. Wir schwärmen aus und suchen erfolglos. Gokul findet sie schliesslich und führt sie stolzgeschwellt zurück. Gokul ist der Held des Tages, wird gelobt und singt noch lauter als gewöhnlich. 

Dieses Bild werde ich mein Lebtag nicht vergessen: wie Gokul die Kamele bringt.

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Padma ist ein guter Führer. Kommt Ihr nach Jaisalmer, fragt nach Padma: 

Padma Ran
Village Barna
Post Khuri
District Jaisalmer
INDIA


stefan knecht auf dem sofa
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