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passage nach indien 40 | von stefan knecht
 
       
     
 

Die Zeitungen überschlagen sich, Sonderseiten werden reich bebildert, gut die Hälfte der Artikel haben nur ein einziges Thema. Der Cheffe von Amerika in Indien. Nicht dagewesen seit dem Besuche Jimmy Carters 1978, unerhört, Indien wird Supermacht, geadelt durch den Besuch eines ehebrüchigen Yankees am Ende seiner Amtszeit.

Ich bin ihm entkommen. Um Haaresbreite. Und trotzdem ging mir der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gewaltig auf die Nerven.

Aber Bill ist eine arme Sau.

Weil er nicht mitkriegt, welche aberwitzigen Kapriolen geschlagen werden. In Agra zum Beispiel kommt Billy mit seiner unförmigen Tochter das Taj Mahal besuchen. Dieses marmorne Monument ewiger Liebe - das, am Rande erwähnt, stark an eine amerikanische Hochzeitstorte erinnert - wird Wochen zuvor auf Hochglanz poliert. 

taj taj

Das Taj. Wunderbare Fototapete. Jeder Innenstadtinder hat mindestens ein ausgeblichenes Blow-Up im Restaurant hängen. Als Teppich oder in 50er-Jahre Falschfarben. Fast schon abstossend prominent ist er, der Liebessteinhaufen. Aber wo man nun schonmal da ist.

Muß mich maßlos über den Nepp ärgern: der Eintritt zum Mahnmal der Liebe kostet für sterbliche Reisende unerhörte 500 Rupees - normal bei anderen tourist sites sind 5, vielleicht 10 Rupees, das zahlen die Inder. Bill kriegts wahrscheinlich zum Seniorentarif, wo der es denn nun wirklich hätte.

taj

Schonmal ein Taj-Foto ohne Menschen gesehen? Ist auch ernsthaft schwierig -- hunderte wackeln immer dann durch den Sucher, wenn gerade alles passen würde. Geduld, kleiner Tourist, Geduld.

Der veralgte Teich in präziser Flucht zum Kuppelbau des Taj: komplett entwässert, gereinigt, frisch mit Schwimmbeckenfarbe angemalt und mit 1a frischem Wasser vollgelassen. Sogar die Springbrunnen funktionieren. Ochsenkarren ziehen antiquierte Rasenmäher über den brauntrockenen Rasen, Büsche werden gestutzt und Rabattsteine ziegelrot getüncht.

taj taj

Die neun Kilometer lange Straße vom Flughafen zum Taj Mahal und alle Straßen, die der fünfzig Wagen zählende Konvoi passieren könnte, sind frisch geteert. Die Riksha schnurrt ohne Mucken, kein einziges Schlagloch schindet die Wirbelsäule. 

Bill sollte öfter mal vorbeischauen. Alle verrosteten Lampenpfosten werden silbern übermalt (über Poster, Werbetafeln und Stacheldrahte hinweg, ohne jedoch die windschiefe Neigung zu korrigieren, very funny: frisch bemalt und trotzdem schief), Bankette bekiest und Mäuerchen geflickt.

street paint

Alles das, nur damit ER mit 80 Sachen vorbeisausen kann und sich denkt: "... hach, wie schön doch diese Lampenpfosten silbrig glänzen".

Ferner werden Squatter samt plastikplanenbedeckten Siedlungen und fliegende Händler mit Mini-Shops zwangsgeräumt, streunende Hunde erschossen, freilaufende Kühe eingesammelt und zeitweise kaserniert.

Am Straßenrand wohnende Menschen sind nachdrücklich aufgefordert, weder Zäune noch Hausdächer zu besteigen oder gar die Straße zu betreten, um Tourist Nummer 1 zu begrüßen.

Soll ja alles ordentlich aussehen.

Sind ja immerhin vier Stunden, die Billy in Agra verbringt. 

di bill

Ach ja, das Steinbankerl. Das steht genau mittig auf dem Teich und frontal vor dem Taj. Diana saß da mal drauf, für die Fotografen leidend, um die verbleichende Liebe zu Charles trauernd. Ich saß auch drauf. War aber zu dunkel um ein ordentliches Foto zu machen. Bill saß auch da. Und Hillary. Ob alles in die Binsen geht, wenn man sich nur ein einziges kurzes Mal auf diese Steinbank setzt?


stefan knecht auf dem sofa
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