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passage nach indien 4 | von stefan knecht
 
       
     
 

Oh ja: die Pauschalis. Schnell lernt man, was einen echten Traveller ausmacht. Auf gar keinen Fall, niemals, unter keinen Umständen, darf man fraternisieren. Todsünde! Faux Pas! 
Echte Traveller - bin selbst noch in der Lernphase, zugegeben, die nehmen mich nicht wirklich ernst als ihresgleichen - gehen in andere Restaurants, Bars und Guest Houses, und sie liegen auch unter keinen Umständen mit den eingeflogenen Grillsteaks am Beach. 

Langzeitreisende haben unbedingt speckige Hosen an, ein affiges Arm-Tatoo mit keltischen Mustern, jede Menge Schmuck um den Hals, Kettchen an den Füssen und Perlen in den zu dreadlocks verfilzten Haaren. Und sie haben enorm große Chilums. Chilums sind konische Tonröhren in die man Gras stopft und dann durch ein Stückchen feuchter Mullbinde dermaßen heftig den Rauch einzieht, daß mir schon vom Zuschauen komisch wird.

Die Hosen müssten gar nicht schmutzig sein. Für ein paar Pfennige kann man sich auch im kleinsten Nest morgens frisch gewaschene Sachen vor die Türe legen lassen. Wundersam.

Komischerweise machen die Traveller dann doch alles wie die Pauschalis: An einem Beach-Shack sitzen am immergleichen Tisch immer dieselben Typen. Kiffen abwechselnd, legen sich auf ihr Batiktuch (sic!) und sind ebenso garstig zu den fliegenden Händlern wie die Normalos. 

Die Händler nerven wirklich. Wehe, man setzt sich als Uneingeweihter auf den falschen Platz, puhh ... das ist schlimmer, als eine mit Handtuch markierte Pool-Liege zu besetzen. 

Ganz abgesehen davon sollte es Weißen verboten sein, Sarongs zu tragen wie die Einheimischen. Mit stacheligen Käsebeinen sieht das unter allen Umständen bescheuert aus, egal, ob darüber noch Tatoos und Dreadlocks oder ein Bierbauch kommen.

vagatorpeople

Sehr amüsant ist, wenn busladungsweise junge Inder über den Strand ziehen und barbusige Westlerinnen bestaunen. Der Gang der gesamten Gruppe verlangsamt sich zu einem kaum mehr wahrnehmbaren Schleichen, die schwarzen Köpfe fixieren die Brüste der nichtsahnenden Sonnendame und bleiben so lange in der Fixierung, bis es anatomisch nicht weiter geht. Dann schnappen alle Köpfe gleichzeitig ein Busenpaar weiter. Man könnte ein Vermögen machen, wenn man pro Foto Rp 20 nähme. Ich versuche Lucy zu überreden. Sie ziert sich, leider. Hätte die Reisekasse ordentlich aufbauen können.

Beim Baden haben Inder possierliche Angewohnheiten: Männer ziehen sich bis auf die Feinripp aus, planschen wie Kinder sitzend im knöcheltiefen Wasser und lassen sich von Wellen überrollen. Die meisten Inder können nicht schwimmen. Daran wird´s liegen. Die Männer sind immer zuerst dran mit dem Badespaß. Die Frauen ziehen blickdichte Saris und Hosen an und tun dergleichen. Nie aber baden Männlein und Weiblein miteinander. Schön jeder für sich. Indien ist ein prüdes Land. 

Fremde Gespräche zu belauschen wird zu einer Leidenschaft: wie spannend, wenn man kurzfristig Zeuge einer kleinen Welt mit ihren Grenzen wird.

Ach ja, die liegende Acht: Die Menschen hier rollen unmerklich den Kopf zwischen den Schultern und meinen damit ein vages "ja". "Nein" ist ein kurzes Zucken des Kopfes. Sieht hübsch aus, wenn man bestätigend angerolltwird.

Genug von Strand und Tekkno-Sonnenuntergängen. Jeden Abend um zehn ist der Spass eh vorbei: wegen eines politischen Streits der lokalen Landesfürsten müssen alle Restaurants, die länger als zehn Uhr öffentlich Musik aufführen, empfindliche Steuern entrichten. Tekkno-Goa endet zu ziviler Zeit. Ordnung muss sein.

Weiter ins richtige Indien, nach Hampi, einer riesigen Tempelstadt im Landesinneren. 
17 Stunden Busfahrt oder 450 km weg.


stefan knecht auf dem sofa
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