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passage nach indien 39 | von stefan knecht
 
       
     
 

Jaipur ist die dreimillionenköpfige Hauptstadt Rajasthans, aka "pink city". Jodhpur ist "blue city". Hier sind die kantigen Bungalows hellblau bemalt, zum Schutz vor Moskitos, doch früher Farbe der Brahmanen. 

fort temple

BAYER verdiente Ende des neunzehnten Jahrhunderts ein Vermögen mit dem Export des Brahmanenblaus. Bis die Inder einen ähnlichen Farbton selbst herstellen konnten.

Die Wüste ist nah: die Luft ist trocken, vier Liter Wasser saugt der Körper täglich auf und verlangt nach mehr. Die Haut schuppt in kleinen Schelfen auf und schreit nach keralesischen Aryuveda-Ölbädern. 

Jaipur liegt auf dem Weg nach Westen. Nach Jaisalamer will ich, zur letzten Stadt vor der pakistanischen Grenze, mitten in der Wüste Thar. Weiter reichen weder Zug noch Straße. Von dieser letzten Bastion der dünnen Zivilisation kann man mit dem Kamel in die Wüste reiten, heißt es.

city city

Wo wollte ich hin ... ah ja, Basar.

Der Basar.

Alle vier Schritte ein neues Geschäft. Eins zwo drei vier Autoersatzteile, dann wieder Autoersatzteile, Autoersatzteile, Autörsatzteile. Liegt vermutlich am Kastensystem. Daneben Zinkeimer, Zinkeimer, Zinkeimer usw. Gleich und gleich gesellt sich gerne. Gut für den Preisvergleich (wenn man mal eben einen BAJAJ-Vergaser benötigen würde für das Dreirad, oder einen Stoßdämpfer für einen bulligen Ambassador), schlecht für verlorengegangene Basarbesucher auf der Suche nach der nächsten Sehenswürdigkeit.

ticket

Aber die Kulturdenkmäler sind es nicht so sehr, was Indien so spannend macht. Es sind die Menschen und wie sie sich arrangieren mit dem Überleben, dem Broterwerb und den obskuren Regeln, nach deren Sinn keiner fragen darf.

Der rosa Basar und der Hintergrund der lustigen Geschichte: 
In Rajasthan ist die vergleichsweise liberale BJP an der Macht, der konservative Congress stellt die zentrale Unionsregierung. Übliches Spiel: wir wischen den feinen Jungs in Delhi was aus und zeigen, was eine Harke ist. Der Prime Minister der BJP scheint ein feines Näschen für Public Relations zu haben: just zum Mitte März anstehenden Besuche Billy Clintons (auch dazu gibt es Famoses zu berichten) beschließt Mr Smart Guy, daß der Basar sein soll wie früher. Die Medien lieben das. Alsowird unter schärfster Sanktionsdrohung verfügt, daß alles bis zu einem Stichtag knapp vor Billies Eintreffen auf den Stand von 1912 rückgebaut werden soll. Alles zurück auf Los, Basar verkleinern, und rosa, bitteschön.

Hunderte khakibedresster Cops sind an strategischen Punkten zusammengezogen. Bulldozer stehen bereit, um Mißverhalten mit roher Hydraulikkraft zu bestrafen. Nur falls es Mißverständnisse geben sollte. Die gibt es auch: abends wird demonstriert. War mir zu kitzlig, kann ich nicht berichten.

Hmpf. Die Zeit zurückzudrehen, das ist ein wenig viel verlangt - selbst bei bestem Willen ist das kaum zu schaffen. Nun sägt und schlägt und schraubt und schweißt alles, was Arme hat an den Buden herum und gibt das Beste. Mit Vorschlaghämmern werden Mauern eingerissen, mit Hammer und Meißel Betondecken pulverisiert, Rolläden zurechtgesägt und Elektrokabel durch die Luft gelegt. Schlagen die Kabel Funken, dann eben das andere, nebendran. Ein deutscher Ingenieur würde Knochen kotzen. Aberwitzig.

basar work

Die Abruchreste fliegen im weiten Bogen auf die Straße, was die ohnehin pittoresken Verhältnisse hanebüchen werden läßt. Ab und an rollt ein Bulldozer an und verfrachtet alles unter Staubwolkenpilzen auf klapprige LKWs.

Zwischen dem ohnehin grenzwertigen Verkehr, Kühen, Eseln, Fußgängern, Motorrollern usf. ... zwischendrin versuchen kamelgetriebene Lastkarren und menschengetriebene Lastenwallahs Nachschub herbeizuschaffen. Aufgebracht gestikulieren Businessmen, Cops klopfen nervös mit kleinen Bambusstöckchen auf Ziegelsteinen, Menschen kaufen ein, als sei dies alles ein weiteres Stückchen Absurdität in der Kulisse.

Dichter Staub hindert die Sicht. Eine Atmosphäre kurz vor einem ernsthaften Volksaufstand. Und dann wird wieder alles schweinchenrosa angemalt.

Alles wegen Billy.

Heute steht in der Zeitung, daß Bill samt Troß doch nicht durch den Markt fahren wird. Alles für die Katz, die ganze Renovierung vergebens. Mr Smart Guys Karriere wird es kaum schaden, Regierungsposten sind klebrig, und der Wähler ist vergeßlich.


stefan knecht auf dem sofa
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