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passage nach indien 38 | von stefan knecht
 
       
     
 

Was wir daheim nicht kennen, an Südeuropa lieben und doch inniglich vermissen, sind Märkte. Leben auf dem Lande, das Echte, Unverfälschte. Der Amerikaner behilft sich mit der klimatisierten Mall - wir Deutschen mit Erlebniszonen in Supermärkten. Miese Surrogate und weit entfernt vom Leben.

colors

Hier kauern die bunt verschleierten Frauen in der Hocke am Boden oder stehen hinter Karren, vor sich ein buntes Sammelsurium von Grünzeug, Spezereien, Haushaltswaren oder Unergründlichem. Spatzen sitzen auf Blumenkohlen und picken sich satt, Kühe fressen, was den Rinnstein verfehlt.

flower market

War in einem Dutzend Basare, der jaipuranische schlägt alles. 

Knapp gefolgt vom Gemüsemarkt in Bombay. Jaipur nennt sich "pink city" weil ein durchgeknallter Maharadscha zu Ehren King Georges Besuch Anfang des Jahrhunderts den alten Basar niederreißen, neu aufbauen und rosa anmalen ließ. So rosa wie die Dosen der Bebe-Creme, die uns unsere Mütter auf vergeblich ausweichende Gesichter zu schmieren versuchten. Fünf Quadratkilometer Schweinchenrosa. Eine großzügige Anlage, breite Alleen, ein Schachbrettmuster, nicht das krebsartige Gassengeschwür.

camel cart

In der Mitte der Hauptstraßen hält ein erhöhter Streifen die Fahrspuren auseinander. Nachts schlafen dort in Tücher gewickelte Gestalten, Ochsen und bucklige Kühe wiederkäuen den kaum nahrhaften Müll, zwingen zu haarscharfen Ausweichmanövern und hinterlassen ihre Reste auf der anderen Straßenseite. 

Letzteres kann gefährlich werden, wenn man gerade im Stau steht. Die Hauptstraßen laufen auf gewaltige Kreisverkehre zu, in deren theroretisch grüner Mitte ein gußeiserner Held der neueren indischen Geschichte mit der rechten Hand den ebenso rechten Weg weist. Ein wasserloser Springbrunnen dient trotz der Exposition in der Mitte eines tosenden Verkehrsstrudels gerne als Abort, gottlob gibts kein Od-O-Rama.

Die einstöckigen Geschäfte und Werkstätten entlang der Straßen waren ehedem durch eine Pergola und Bäume beschattet. In der luftigen Kühle darunter schlenderten die Besucher, auf dem Steig davor waren wohl Gespanne geparkt.

ticket

Über die Zeit geriet alles aus den Nähten. So ziemlich alles gerät aus dem Rahmen. Als ob die Häuser leben würden und ihnen Vorbauten wachsen. Frauen wie Männer geraten auch aus dem Leim, das ist nichts wirklich neues und nicht wirklich politically correct, muß aber gesagt werden. Nur die Wahrheit. (Nein, ich will Eure Aufschreie nicht hören.) Liegt am Essen, denke ich. Dreimal am Tag totgekochte Hülsenfrüchte und spät abends, da kann man nur fett werden. Und Sport ist Joe Singhs Hobby nicht.

In indischen Zeitungen sind wegen des akuten nationalen Übergewichtes deshalb überproportional viele Anzeigen für Schlankheitskuren zu sehen. Sehr lustige Werbung, in der Frau Singh vor und nach ihrer Kur zu sehen ist. Vorher trauriger Tonnensari, dann lustig grinsender Zwetschgenmanderlsari. Alles garantiert Aryuveda und unter medizinischer Aufsicht von Dr. Dr. Varhdansayi, Universität Mumbai.

Dicke Frauen auf Mopeds sind ein besonderes Schmankerl: mit jeder Bodenwelle schlabbert die bauchfreie Zone auf und ab und wird erst auf ebenen Straßenabschnitten (selten) gedämpft. Nicht fair, zugegeben, aber so ist es nun mal. Bodenwellenbäuche.


stefan knecht auf dem sofa
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