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passage nach indien 37 | von stefan knecht
 
       
     
 

Und nun ein Wort darüber, wie diese Lieferungen entstehen. 

Meist werden sie in kleinen Cybercafes geschrieben. Cyber ist nicht und Kaffee gibt es auch nicht. Das allerkleinste Cybercafe finde ich in Jaisalmer: gerade der Platz unter einer steilen Treppe reicht aus, ein Hocker und eben die Fläche, um mit der Maus die nötigsten Bewegungen zu fahren. Mitten im Familienleben, krächzenden Filmmusiken und flimmernden TV-Seifenopern jämmerlichster Qualität. 

Ein kleines Mädchen schläft mit fliegenübersäter Rotznase röchelnd auf dem Sofa nebenan.

Schmierige Tastaturen mit blauen Hindi-Schriftzeichen in der dritten Belegung. Sehr verwirrend. Die ENTER-Taste ist wegen häufigerer Benutzung ein wenig blanker als die anderen und das Z ist, wo mein linker Zeigefinger das Y vermutet. Hinterher muß man sich die Finger waschen. Meistens brummt ein Ventilator an der Decke und verhindert erfolgreich das Entzünden einer Zigarette.

Je weiter abgelegen, desto teurer wird das Internet. Aber es ist überall, überall. Keinerlei Mangel, hinreichend aktuelle PCs, die alle auf VNSL zugreifen, den Ableger der staatlichen Telefongesellschaft. Der Telekommunikationsmarkt ist nicht liberalisiert, so haben es die Konkurrenten schwer, Fuß zu fassen. In Bombay braucht man gute Gründe, viel Bakschisch und einen Mentor um einen Telefonanschluß zu bekommen. Über Nacht werden gerne mal die Nummern geändert.

In Bangalore konnte man für schlappe 60 Rupees (2 Mark fuffzig) emailen, in der Diaspora ist unter 200 nichts zu machen. Ein teurer Spaß. Und kaum einer der meist jugendlichen Betreiber will sich auf einen Discount wegen offline-only einlassen. Wo ich doch nur schreiben will und gar nicht surfen. "No Sir, we have fixed prices." Nach ein wenig antichambrieren geht es dann doch ein wenig billiger, 1 Rupie pro Minute. Schreiben im Minutentakt.

Seltsam dies, wenn man tatsächlich für die Rechnerzeit bezahlt - das wissen wir daheim gar nicht mehr, wie es war, die Rechnung für die VAX zu bekommen: 0,2 Sekunden Prozessorzeit benutzt.

Hotmail dominiert die Welt, die hiesige. Klares Übergewicht. Manche Onlineschuppen werben gar mit Microsoft-Logo und Hotmail-Emblem. Yahoo ist weit abgeschlagen. Einige Exoten zwischendurch. Wäre ich JACK WOLFSKIN oder ein anderer Ausrüster, dann würde ich meine Werbung bei Hotmail platzieren. Als Text-Only, denn jeder halbwegs versierte Reisende schält als erstes die Bildchen im Browser aus, die Verbindungen sind meist so dröge, daß Minuten vergehen, bis eine neue Seite geladen wird.

Ich frage mich, wie Reisende vor vielleicht zehn Jahren Kontakt mit den Lieben in der Heimat hielten. Als Telefongespräche ins Ausland noch Tage vorher angemeldet werden mußten und über Operatoren vermittelt wurden. Wie soll das gehen ohne eMail?

In der Zeitung stand, daß in sehr westlich orientierten Städten mit kaufkräftiger Oberschicht die Nutzung von Cybercafes durch Einheimische dramatisch abnimmt: PCs werden privat gekauft, gesurft wird von zu Hause. Und andernorts trinken Mensch wie Tier versalzenes Brackwasser aus handbetriebenen Tiefbrunnen. Nur die Armen haben Probleme mit der Armut, als Durchreisender gewöhnt man sich schnell daran.


stefan knecht auf dem sofa
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