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passage nach indien 35 | von stefan knecht
 
       
     
 

Tag und Nacht brennen die Feuer. Alle halbe Stunde taucht eine neue Prozession auf. Die Hinterbliebenen verhandeln hart mit den Holzhändlern, den Trägern und den Verkäufern der notwendigen Utensilien, erbittert wird um jede Rupie gestritten.

Aufgabe des Doms ist es auch, für die vollständige Verbrennung zu sorgen, so lange beim Feuer zu wachen, bis der Körper restlos verbrannt ist und am Ende die Asche zu sammeln und in eine Urne zu geben.

Ist der Körper aufgebahrt, flüstert ein Priester dem ältesten Sohn (nur dieser kann den Leichnam entzünden) die Reihenfolge der Riten ins Ohr, Mantras werden gesungen. Der Leichnam wird mit Öl übergossen, der Sohn schreitet um den Scheiterhaufen und entzündet den Holzstapel. Flammen lodern hoch, dickschwarze Rauchwolken ziehen über das Ufer, und der süßliche Geruch verbrennenden Fleisches liegt in der Luft.

Diesen Geruch vergißt man nicht.

Nach Stunden ist der Scheiterhaufen abgebrannt. Ist der Schädel nicht geplatzt, war die Hitze zu gering oder das Holz nicht ausreichend bemessen, so erledigt dies ein Dom mit einem kurzen Stockschlag. Ein wenig Magnesiumpulver hilft, die müden Flammen wieder züngeln zu lassen. Störrische Körperteile, Arme, Beine werden mit einem Stock in die Mitte des Feuers expediert.

Zum Sonnenuntergang gleiten hunderte kleiner Öllämpchen mit dem Fluß, ein Lichtermeer. Glocken werden geschlagen, Opfer dargebracht, Mantras gesungen. Hare Krishna Jünger singen stundenlang und nervtötend dieselben Hare Hare Rama Ramas.

Die nächste Prozession kommt, es muß schnell gehen.

Es ist nicht abstoßend.

Wir verbrennen auch Leichen.

Ich traf einen Amerikaner, der felsenfest behauptete, er habe gesehen, wie ein Sadhu vor seinen Augen aus dem Nichts eine Orange produzierte. Andere Traveller erzählen andere Geschichten, jeder hat etwas parat, selbst erlebt oder dem Hörensagen nach berichtet. Alles scheint denkbar, kaum eine Absurdität ist zu abwegig, um nicht ein Quentchen Plausibilität zu bergen.

Was mich berührt, ist nicht so sehr das Treiben an den Ghats, die allerorten greifbare Spiritualität oder das Verbrennen der Leichen. Überlege lange, was es denn nun ist, was diesen Ort anders sein läßt als alle Orte, an denen ich war.

Noch nie hatte ich Träume wie in Varanasi. 

Skurrile, meiner Denkwelt völlig unvertraute Bilder und Symbole. Heftige und mitreißende Träume, von denen ich mich nur langsam erholte.

Ich sage nicht, daß es das alles nicht geben kann. Ich weiß nur nicht mehr so genau, was ich sehen und was ich glauben soll.


stefan knecht auf dem sofa
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