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passage nach indien 33 | von stefan knecht
 
       
     
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Abertausende heiliger Stätten gibt es in Indien. 

Manche Quellen sprechen von 330 Millionen Göttern, quer durch alle Religionen. Bei knapp einer Milliarde Inder ist das sakrale Verhältnis deutlich günstiger als daheim. Und jeder Gott, jede Inkarnation wird von Myriaden Tempeln, Schreine und Idole bedient. An jedem Schlüsselbund, Moped, Auto, an jedem Rikshalenker baumeln Götterbildchen, jeder Türstock ist verziert, bemalt, gesegnet.

Varanasi ist, neben dem Ursprung des Ganges im Himalaya, einer der heiligsten Orte.

Jeder Hindu sollte wenigstens einmal im Jahr eine Pilgerreise unternehmen: als Dank für die Erfüllung weltlicher Wünsche, zur Reinigung der Seele vor säkularen Versuchungen oder um die Asche eines Verwandten in einen heiligen Fluß zu streuen. 

ganges ghanges

 

Der Qual des ewigen Wiedergeburtszyklus kann der gläubige Hindu auf immer entfliehen, wenn er entweder in Varanasi stirbt oder dort am Ganges auf Sandelholzstapeln verbrannt wird. Viele sehr alte und gebrechliche Menschen warten auf den Tod, baden unter Anstrengungen täglich im Fluß, trinken das geheiligte Wasser oder lassen es sich in kupfernen Kannen an die Bettstatt bringen. Wer es sich leisten kann, bezieht Herberge und hofft auf ein Ende. Wer zu arm ist, findet Unterschlupf in den Winkeln zwischen Steinplatten.

ganges

Der Fluß selbst ist ein Phänomen. 

Was genau vorbei treibt, will man nicht wissen. Ziegenkadaver, ein halbes Kalb, Plastikmüll und ... ja, etwas, das aussieht wie ein menschlicher Körper. Oder zumindest eine Extremität.

All dies erschreckt nicht. Selbst säkulare Rationalisten können der Magie des Stromes nicht entfliehen.

Kläranlagen gibt es nicht, alles Abwasser aus offenen Kanälen entlang den Gassen endet früher oder später im Fluß. Benares bezieht sein Trinkwasser aus dem Ganges.

Obwohl hoffnungslos überfrachtet mit organischem Abfall und offensichtlich nototisch sauerstoffarm, riecht es selbst am träge schwappenden Ufer nicht nach Moder und Verwesung.

varan mann

In der Strommitte springen morgens Tümmler in kleinen Bogen aus dem Wasser und schnappen Luft. Aber Tümmler überleben nicht in Abwasserkanälen, denke ich mir. Varanasi bezieht das gesamte Trinkwasser aus dem Strom, in nahen Aufbereitungsanlagen wird geklärt und gereinigt, Luft eingeblasen. Die Götter müssen sich große Mühe geben, die Technik kann keine Wunder wirken.

varan mann

Beim besten Willen kann man Gangeswasser nicht vermeiden: der Tee wird daraus bereitet, das Gemüse gewaschen und aus der Dusche tröpfelt sicherlich kein Mineralwasser. Viele Westler werden krank, wovon, läßt sich so genau nicht nicht feststellen. Inder und Einheimische trinken den Ganges in tiefen Schlucken, in Kanistern wird er literweise durch die Welt geschickt.

Vieles von dem, was ich sehe, verstehe ich nicht, kann ich nicht erklären oder will ich so genau nicht wissen.

Da gibt es nackte Sadhus mit aschebeschmierten Körpern und verfilzten Haaren mit nichts als einem eisernen Dreizack in der Hand. Andere kleiden sich in leuchtendorange Roben und ziehen mit einem Wassergefäß und einer Bettelschüssel durch das Land, treffen sich am Ganges, um an erhöhten Plateaus Tag wie Nacht zu sitzen.

Sadhus sind vor allem wegen skurriler Praktiken bekannt. Einer steht seit Jahrem auf einem Bein, das andere ist obstrus verkümmert und klemmt am stehenden Oberschenkel des anderen. Andere tragen ein geschmiedetes Suspensorium um ihr Geschlecht, das alltägliche Bedürfnisse zur Qual werden läßt. Wieder andere rauchen ohne Unterlaß Ganija aus Ellenbogen großen Chilums. Starre Augen blicken ins Nirgendwo.

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Die Entbehrungen sind Teil des Weges zur Heiligkeit. Mit der Erleuchtung und dem Uebergang zur Transzendenz erwerben manche Sadhus spezielle Kräfte wie die Levitation oder das willentliche Erscheinen oder Verschwinden.


stefan knecht auf dem sofa
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