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passage nach indien 31 | von stefan knecht
 
       
     
 

Khajuraho ist ein verhuschtes Nest im hitzestarren Madhya Pradesh. Fünftausend Seelen und ein jettauglicher Flugplatz. 

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Täglich neue Touristenladungen. Wer es sich leisten kann, der fliegt ein und erspart sich stundenlange Zugfahrten.

Nichts gibt es dort außer 20 außergewöhnlichenTempelbauten aus der Chandela Dynastie, die Zentralindien zwischen 850 und 1300 beherrschte. Wiederentdeckt wurde das Ensemble im vergangenen Jahrhundert, als Khajuraho noch Dschungel und somit von geringem strategischen Interesse für die englischen Kolonisten war.

Heute wie damals lag Khajuraho fernab der Handelsstraßen inmitten eines strategisch uninteressanten Gebietes. Der Dschungel rettete die Tempel auch vor der Zerstörung während der Mogulninvasion des Mittelalters.

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Die Tempelanlagen sind ausnehmend gut gepflegt und von einer großzügigen und gepflegten Parklandschaft umgeben. Bougainvillen leuchten mit blühenden Büschen um die Wette, und Affen posieren auf dem kurzgeschorenen, sattgewässerten Rasen für Touristen.

Khajurahos Tempel wurden in der Blütezeit der Chandelas erbaut, die nach fünf erfolgreichen Jahrhunderten von den aus Nordindien einfallenden muslimischen Invasoren aufgerieben wurde. 

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Völlig unklar ist, weshalb die Tempel ausgerechnet hier gebaut wurden, ebenso entfernt vom Herrschafts- und Stammsitz der Chandelas wie fernab von den südlichen Sandsteinbrüchen.

Berühmt ist Khajuraho für die expliziten, aus Sandstein gehauenen erotischen Darstellungen. Figuren und Idole sind enorm plastisch und treten weit heraus, zeigen Faltenwurf und überhöhte Körperlichkeit.

In allen denkbaren Stellungen kopulieren Figuren, alle heterosexuellen Spielarten finden ihr Abbild. Nichts wirklich Schlüpfriges, es sei denn, man sucht danach und folgt den lüsternen Interpretationen des offiziellen Guides, der lustlos und überbezahlt sein Standardprogramm abspult. Uninspiriert wie er ist, empfängt er sein Handgeld und wird entlassen. Es stört ihn nicht, es kommen mehr Touristen, die weniger Fragen stellen.

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Ein graubärtiger Indologe aus Hamburg erläutert die wahren Zusammenhänge, dankbar, einen langen Moment seiner gelangweilten Pauschalreisentruppe entfliehen zu können, die nichts will als zurück in ihre klimatisierten Busse.

Die äußere Form der Tempel bildet den hinduistischen Götterberg ab. Von der Ferne sieht das aus wie aus nassem Sand geträufelte Sandburgen. Beim Näherkommen entwickelt sich ein delikat verwobenes Schichtensystem von enormer Komplexität. 

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Das Auge ist beschäftigt, sich auf Einzelheiten zu konzentrieren, überwältigend detailliert ist die Fülle der Darstellungen.

Die Theorie des liebevoll berichtenden Hamburgers erscheint überzeugend: die Entstehung der Tempel in nur 100 Jahren konnte nur mit Hilfe eines spezialisierten Manufaktursystems gelingen, das dem Rufe eines spendablen Herrschers folgte und für Generationen am Ort der Baustelle siedelte. Wo Arbeit war, da zogen die Handwerker nach.

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Was wir heute sehen, ist purer Sandstein, beige, braun, schwarze Schlieren. Konserviert durch die trockene Luft und kaum erodiert. Original waren die Tempel grellbunt bemalt, in allen denkbaren Schockfarben - Pigmentfunde geben eindeutige Indizien. So unästhetisch bunt und unansehnlich geschmacklos wie moderne Betontempel mit industriell gegossenen Betonidolen.

Bis auf gut dreißig Meter Höhe stapeln sich Friese übereinander, zeigen alle Facetten des Alltages, der Götterwelten, Krieger, Musiker, reale und mythologische Tiere und - konsequenterweise - auch der körperlichen Liebe. 

Jede Spielart findet ihre Darstellung, aufregend, varianten- und finessenreich, ein in Stein gehauenes Kamasutra.

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Zwischendurch posieren seltsam gelangweilte männliche Figuren, umgebend von lustvollen Nymphen. Das liegt am Tantra, sagt der Bärtige, an der Erreichung des höchsten Seinszustandes, in dem die Befreiung von körperlicher Lust das finale Ziel ist. Einswerden mit der göttlichen Kraft und Abgehobensein von körperlichen Genüssen.

Liebe mit Gott scheint erfüllender zu sein als das Befingern der vollbusigen Damen.

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Muß was über Tantra lesen.


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