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passage nach indien 3 | von stefan knecht
 
       
     
 

Abends bei Sonnenuntergang kommen die Japanesen und die gesamte westliche Besatzung Goas mit Motorroller und 500ccm Enfields zum Cliff über dem Beach. Enfields klingen wie Harleys, nur weit animalischer. 

japgirl

Hier sind die Maschinen meist bis zur Unkenntlichkeit verrostet. So an die 500 Menschen versammeln sich jeden Abend. Ein Panoptikum der Gegenwartskultur, der westlichen. Indien ist woanders. Goa ist nicht Indien, sagen alle.

enfield

Neben dem Kliff ist die Nine Bar. Lucy aus dem Sherwood Forrest erklärte den Wortwitz: "a nine barer" scheint in Mittelengland eine übliche Handelsgröße für einen ordentlichen Batzen Hasch zu sein. Das verstehe ich nicht und die Japaner auch nicht. Egal. Lucy lacht sich halb tot darüber.

nine bar

Der Sonnenuntergang geht ratzfatz, blubb und weg ist die Kugel. Ist nahe am Äquator hier. Kaum das Bier entkorkt, einige tiefe Atemzüge der vorbeiwabernden Schwaden genommen, schon ist wieder ein Tag im Paradies vorüber und die Nacht kommt. 

Ach ja: das eigentlich Bizarre daran ist weniger das Kliff und der Sonnenuntergang, sondern die Untermalung mit ohrenbetäubendem Trance-Techno-Gewummer. Muß man sich vorstellen: Sonnenuntergang, Palmen, Beach usw., dazu KEIN Soft-Pop Gesülze sondern knackharter Teckno (Tekkno? Techno?). Very amusing. 

trance

Die eigentliche Party-Area ist ein kreisrundes Etwas mit einem unbedeckten Zirkuszeltgerippe aus Baustahlstangen, Bambusröhrchen und darunter plattgetrampeltem Lehmboden. Feiner roter Staub bedeckt alles.

stuhlEin paar Mäuerchen außenrum, einige unvermeidliche Plastikstühle (DARAUF muss ich nochmal zu sprechen kommen: ich hege den begründeten Verdacht, daß nicht nur MÜLLER BROT die Weltherrschaft anstrebt, in München zumindest, aber das ist eine ganz andere Geschichte und hier völlig irrelevant, NEIN, es muß auf dieser Erde ein kontinenteübergreifendes Plastikstuhlkartell geben. Fällt denn niemandem außer mir auf, daß es überall, in wirklich allen Ländern die immergleichen Stühle gibt? Weißes Plastik, 70er-Jahre Retrodesign, angerundete Formen, nach innen weisende Ecken an den Füßen? Augen zumachen und sich einen Plastikstuhl vorstellen. Zack, da isser. Kein Zweifel möglich. Doch doch doch: das ist zu auffällig als daß es ohne Zusammenhang wäre. 

[Nachsatz: Oh doch, das Plastikstuhlkartell fällt auch anderen auf! Seit langem ... das Münchener Stadtmuseum hatte 1997 eine Ausstellung mit dem Titel "Modell: Aurora - 500.000 Plastikstühle", der fantastische gleichnamige Katalog von Sybille Hofter hat die ISBN 3-932353-00-5]

Weiter beim Techno-Sonnenuntergang: 
Die kleine Internationale der Aussteiger hat aus jedem Land eine/n Vertreter/in gesandt. Der DJ kommt aus Kroatien und ist samt PA-Anlage (gewaltig, ohrenbetäubend) und Scheinwerfern (Partykeller, Schwarzlicht, ausreichend) in einem LKW angereist. Saumäßig lässige Typen: Israelis, Argentinier, jede Menge Engländer (gegen die ich im übrigen gar nichts habe, man kommt sich nur so dämlich vor, wenn die im fremden Land auch wieder besser englisch sprechen als man selbst und wir doch beide Fremde in der Fremde usw. usf.), Franzosen. 

Und: Italiener. Deren größtes Problem, der Expresso-Nachschub, wird von einer palmwedelbedeckten Hütte am Strand gelöst. Da hat ein tamilischer Jungunternehmer eine original italienische Espresso-Kanne in Betrieb und kocht ganz akzeptablen Kaffee. Womit nur, frage ich mich. Espresso kann es nicht sein. Wahrscheinlich mit NESCAFE. Und das ist dann ein Wunder ...
Angenehm wenige Landsmänner und -frauen hier. 

Weiß nicht, weshalb mir das unangenehm wäre ... ach doch. Beim Frühstück in einem Restaurant (zwei Bambusstecken und ein Palmwedel drüber = Restaurant, also nichts Besonderes, alldieweil es von Restaurants geradezu wimmelt) unterhielten sich zwei offenbar befreundete deutsche Paärchen und ich lauschte mit. Wie denn Schalke gespielt habe, wollte der eine vom anderen wissen. Und ob man daheim das Bett abgezogen habe oder nicht, sie zu ihr. 

Beschliesse, mich fürderhin als Österreicher oder Schweizer ausgeben. Macht zwar keinen Unterschied, aber ist wenigstens weiter weg von Mannheim. Jesus... das Bett abziehen: was für eine Idee, wenn einem die reifen Papayas fast auf den Kopf fallen.

Multiple Identitäten sind sehr einfach aufzubauen und zu erproben. Mit dem unsichtbaren "Sprich-mich-an-Fremder"-Lächeln dauert es keine 10 Minuten, und ich bin tief im Gespräch mit einem Traveller. Oder einem Pauschali. Wobei diese im Norden Goas eher selten sind. Die sind brav kaserniert in ihren Anlagen und wagen sich nicht in unklimatisierte Goa.


stefan knecht auf dem sofa
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