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passage nach indien 29 | von stefan knecht
 
       
     
 

In Bombay gibt es mehr Millionäre als in Deutschland. Bombay ist Finanzhauptstadt Indiens, Sitz der florierenden Börse und ein Moloch aus dreizehn Millionen Beinpaaren. 

So genau kann man das aber nicht sagen, die letzte Volkszählung wurde irgendwann wegen Unpraktikabilität eingestellt. Im April 2000 passiert Indien die Milliardengrenze und hat damit mehr Menschen als China.

bombay

An manchen Tagen ist der Smog in Bombay so dicht, daß die Sicht auf zweihundert Meter begrenzt ist. An einem Tag vermutete ich Nebel über der Bay, der guten. Bon Bay. Das Atmen wird schwer, die Taxifahrt wird zur Qual und Bombay hustet trocken. Angeblich gibt es nirgendwo sonst soviele Asthmakranke. Trotz der Seeluft.

Nachts ist die Bay wunderschön anzusehen, ein weiches Band, eine Lichterkette bis zum Horizont. 
The Queen´s Necklace.

squatters

Stummes Erschrecken beim Anflug auf Bombays riesigen Flughafen. 

Bis exakt an die stacheldrahtbewehrten Flughafenmauern reichen die Slums. Bombay hat auch Asiens größte Slums. 

Der Flieger überzieht ein Jammertal. 

Der Fahrer sagt später, jeden Tag kämen 2.000 neue Squatter an, neue Seelen für den Straßenrand. Einfallstraßen, Stadtautobahnen, die ungeteerten Schotterpassagen durch Rohbaugebiete - dreckstarre Kleinkinder kriechen einen Fußbreit neben LKW-Reifen im Straßenstaub, spielen mit Debris. Hütten aus Bambusstangen sind mit geöffneten Zementsäcken bedeckt. Menschenschuhschachteln. Plastikplanenalpträume.

Kohlenmonoxidverseuchungszonen.
Kriegsgebiet.
Boomtown Bombay.

Neben den Villenvierteln.

Wie machen die das alle? Wie kommen die Menschen zurecht in einer Stadt, die alles hat, alles will, alles braucht und auf niemanden Rücksicht nimmt? Wie kann man leben auf einer Verkehrsinsel, schlafen auf dem Bürgersteig? 

verletzte

Am hellichten Tag schälen sich verzauste verfilzte Hautskelette aus Lumpen, nehmen den ersten bewußten Atemzug aus einem Auspuff. 

Warum nicht aufgeben, warum weiterleben, warum diese nichtendenwollende Qual? Vielleicht ist das alles nur mit Religion zu ertragen.

Muß man nicht verstehen.

Der BAEDEKER, der gute, schreibt: 

"25% der indischen Industrie sind im Großraum Bombay angesiedelt, ein Drittel der gesamten indischen Einkommenssteuer, und die Hälfte der 13 Millionen Einwohner vegetiert in Slums."

Aber Bombay kann auch anders, will ganz groß sein und mondän. In guten Vierteln und Wohnblöcken läßt es sich gut leben. Der doorman ist alltime on duty, das Auto gewienert, der Fahrer reizend und hilfreich. Nichts dagegen. Dreck und Tetrapack ergänzen einander.

Irgendwann, spätestens in den 50er Jahren, ist in Bombay die Zeit stehengeblieben. War in einer Fotoausstellung: Ansichten der Stadt ab 1830. Da ist kaum ein Unterschied zu heute, bis auf die schiefen Neonreklamen und die handgenmalten Billboards und das Spinnweb der anarchischen Verkabelungen. 

movie star

Nur weniger Menschen sieht man auf den Bildern, vereinzelte Wallahs, Passanten, barfüßige Domestiken. Sogar als schlechtinformierter Besucher erkennt man einige der markanten Straßenzüge wieder. Sie haben sich kaum verändert. Gar nicht verändert: die Farbe ist weg, der Putz fehlt, die ein oder andere Wand ist eingestürzt. Alles beim Alten. 

scherenschleifer

Das Alte bleibt wie es ist, wird kaum renoviert, saniert oder wiederhergestellt. Einmal Gebautes steht und steht und steht, bis es zusammenfällt. Interessiert keinen, wie ein Haus von außen aussieht, erfahre ich. Mietverträge werden vererbt und sind wertvoller als Lebensversicherungen.

In einer Stadt mit den höchsten Mieten der Welt dürfen nach dem Housing Act von 1949 Bestandsmieten nicht wesentlich erhöht werden. Weshalb dann investieren, wenn es ohnehin keinen Unterschied macht und der Monsoon jeden Liter Farbe unweigerlich im Rinnstein enden läßt.

So wohnen stinkreiche Diamantenhändler in muffigen Zweizimmerwohnungen und protzen anderweitig. Wohnen ist nicht wichtig. Außer für Expats, in Bombay lebende und arbeitende Ausländer, denen die Firma die Unterkunft und allfällige Kautionen, Ablösen und Kommissionen bezahlt.

Ab und an brechen auch Häuser ein. 
Dann wurde am Zement gespart. Einmal in der Woche steht in der Zeitung, daß wieder eine Mauer eine Squatterfamilie unter sich begrub und wieder und wieder. Ein Leben ist nicht viel wert. Es kommen neue. Jeden Tag zweitausend neue Leben. Alle suchen nach Glück am Halsband der Königin.


stefan knecht auf dem sofa
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