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passage nach indien 28 | von stefan knecht
 
       
     
 

Zurück nach Bombay, zum Bahnhof und den drei Millionen Reisenden.

War morgens mal versehentlich am Bahnhof, hatte mich verlaufen, als der Rikshafahrer mich am völlig falschen Ende der Straße entließ. Der Sauhund, bombayanische, hat den Preis für das Ende der Straße genommen und mich vorher rausgeschmissen. Ferengi-Fehler, Touristen-Lehrgeld, ist OK so, ich hätte ja auch aufpassen können.

tuktuk


Ein Mahlstrom aus Menschenleibern ergießt sich aus dem viktorianischen Gebäude - noch mehr Menschen zu den dicht gestapelten die schon da sind. Noch mehr Schicksale, Augenpaare, Hemden, Schlappen und zähe rote Paanflecken auf den Gehwegen.

Paan ist ein mild wirkendes Digestiv, leicht sauer und wird nach dem Essen gekaut. Arme Menschen kauen es, um den Hunger im Zaum zu halten. Paan-Whallas haben ein Sammelsurium von kleinen Chromschachteln in ihrem Bauchladen. 

In ein grünes, gut gewässertes Betelblatt wird eine Mischung von Nüssen, wässrigen Pasten, Körnern und allerhand mysteriöses Kleinzeug eingewickelt und mit einem Spritzer Limonensaft gesäuert. Vielleicht ist auch eine Prise Opium dabei oder irgendwas, was die Welt weniger widerwärtig erscheinen läßt. 

Der Inhalt verschwindet in einer Backentasche und wird wiedergekäut, dann in einem langen Saftspruz auf den Boden gespuckt. 

Ein weiterer roter Fleck auf dem Gehweg, der Hauswand oder knapp am Lichtpfosten vorbei. Die Zähne verfärben sich rot, die Lippen sehen aus wie aufgebissen und die Zahnhälse werden tiefschwarz, wie verfault. 

Kein schöner Anblick.

dhobi ghats

Schmutz und Reinigung liegen nah zusammen. An den Dhobi-Ghat arbeiten menschlichen Waschmaschinen. Die Abwesenheit von unerschwinglich teuren elektrischen Geräten versorgt tausende von Wäschern, allesamt Mitglieder einer Kaste. Diese -- und nur diese -- dürfen anderer Menschen Wäsche waschen. 

Morgens holen Wallahs große Schmutzwäschebündel aus den Wohnsilos ab und schleppen sie zum Ghat. Da die Wäscher weder Lesen noch Schreiben können, werden die Bündel nach einem "sprachlosen" System sortiert und in Steintrögen gelaugt, gewaschen und gewässert. In die Steintrogstrassen fliesst an einem Ende Wasser, das mit Seife versetzt wird. Es durchströmt der Reihe nach die Bassinsm in denen die Männer barfüssig, mit ihrem Dhoti um die Hüften in der Seifenlauge stehen und die Wäscheknäuel auf gerippte Steinplatten schlagen. Wieder und immer wieder. In der Luft liegt ein Geräusch wie wenn an Fasching hunderte Chinakracher detonieren.

sandal soap

Die so gewaschenen Bündel werden von Hand ausgewrungen und an langen Leinen und Bambusgerüsten zum Trocknen ausgebreitet. An manchen Tagen sind die umliegenden Brücken und Bürgersteige mit der frischen Wäsche belegt. Wie sonderbar: die frische Wäsche wieder auf den staubigen Boden legen ...


stefan knecht auf dem sofa
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