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passage nach indien 27 | von stefan knecht
 
       
     
 

Wo gerade die Ambassadore vorbeidieseln: 
Der HINDUSTANI Ambassador ist immer noch das Standardvehikel für jeden halbwegs arrivierten Regierungsangestellten oder ordentlich situierten Privatmann. Ambassadore dominieren Indiens Straßenbild. Ein paar wenige Japaner und, ein Grund für Volksaufläufe, seltene Mercedesse, mit Aircon und statusträchtiger Telefonstummelantenne auf dem Dach.

ambassador

Mark Tully beschreibt den Ambassador als einen "bullennasigen viertürigen Salon, der den Gesetzen moderner Aerodynamik störrisch widersteht". Das Chassis der ausschließlich weiß lackierten Wagen basiert auf dem englischen Morris Oxford der ausgehenden vierziger Jahre. In den fünfziger Jahren übernahm der indische Automobilkonzern HINDUSTANI eine Lizenz. Seitdem seitdem beherrschen die weisshäutige Blechbotschafter die Straßen. 

Wer es sich leisten kann, fährt einen modernen TATA-Geländewagen, meist ebenso weiß. Auf dem Land gibt es noch MAHENDRA-Jeeps, die sehr den indischen Adaptionen der längst ausgestorbenen US-Jeeps des zweiten Weltkrieges ähneln.

Offiziell wurden am Ambassador bis heute Serien bahnbrechender technischer Verbesserungen vorgenommen. In Wahrheit wurde alle zehn Jahre ein leicht modifizierter Kühlergrill oder ein plastifiziertes Armaturenbrett spendiert. Der Motor blieb über all die Jahre der Alte. "Never change a running system": Auch Karosserie und Federung sind seit den vierziger Jahren unverändert. Federung ist relativ.

Die Polsterung ist pragmatisch: vorne wie hinten eine durchgehende Bank, die dem Fahrer meist als Schlafzimmer dient. Unverheiratete Fahrer wohnen in ihrem Auto. Meist sind die durchgesessenen Federn unter dem Bezug gegen eine Spanplatte ausgetauscht. Darauf schläft es sich besser.

Der Ambassador hat zwei herausragende Eigenschaften: 

* es gibt keinerlei Beschränkung in der Anzahl der Passagiere (in Agra entfalteten sich 12 (!) Menschen samt Gepäck aus dem Fond), und 
* der Ambassador ist faktisch unkaputtbar.

Allerdings verlangt er die immerwährende fürsorgliche Pflege des Fahrers und seine ungeteilte Aufmerksamkeit während der Fahrt. Es ist eine diffizile Kunst, die weiche Karosserie bei notorisch defekter Federung zwischen den Schlaglöchern zu halten.

Die dominierende Ambassadorpopulation hat außerdem einen unschlagbaren Vorteil: Ersatzteile gibt es überall, jederzeit und in unterschiedlichsten Stadien des Recyclingprozesses. Alles wird repariert, gebürstet und neu lackiert, ein ewigwährender Wiedergeburtsprozeß. Very Hindi.

markt

Auch Indien erlag Anfang der achtziger Jahre der japanischen Invasion - in größeren Städten ist heute der feingliederige MARUTI das Vehikel der Wahl. Benannt nach dem hinduistischen Gott des Windes ist der Maruti eigentlich ein Suzuki.

HINDUSTANI reagierte auf den japanischen Angriff mit einem Gegenschlag, plazierte einen ISUSZU-Motor unter Haube eines altbackenen Vauxhalls und benannte die Melange "Contessa". Der Ambassador wird weiterhin gebaut, da die Nachfrage nicht verebbt.

Obwohl der Contessa einen stärkeren Motor hat, der gleichzeitig einen schweren Wagen beschleunigen und eine Klimaanlage betreiben kann, ist der Ambassador für längere Strecken die bessere Wahl: die Fahrer haben kaum Erfahrung mit den mechanischen Wundern des erst 20 Jahre alten Wagens und die Ersatzteilversorgung auf dem flachen Land ist kein Vergleich zu der des Ambassadors.


stefan knecht auf dem sofa
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