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passage nach indien 24 | von stefan knecht
 
       
     
 

Ich kaufte "Der Gott der kleinen Dinge" von Amundhati Roy und von Rohintron Mistry "Das Gleichgewicht der Welt". Gelesen habe ich dann "Ein Bär will nach oben" von William Kotzwinkle und "Karma Cola" von Githa Metha. Momentan ist Mark Tullys "No full stops in India" dran, mit Sachbüchern kann ich mehr anfangen.

"Den Gott der kleinen Dinge" ertrage ich nicht. Nach dem zweiten Anlauf aufgegeben, kaum über die Hälfte gekommen, regelmäßig nach zwei Seiten eingeschlafen. Lob und Anerkennung an alle, die durchgehalten haben.

cochin alley

Das Buch lebt. Genau wie beschrieben ist es auch. Dampfende Tropen, das Wasser, die penetrante soziale Kontrolle der dicht auf dicht wohnenden Menschen, die Abhängigkeit jeder alltäglichen Verrichtung von allesbestimmenden Kasten und die anmutigen Keralesen sind leibhaftig. 

"Der Gott der kleinen Dinge" spielt im Süden Indiens, in Kerala, in den Backwaters zwischen Allepy und Kollam.

Die Backwaters sind ein System von Süß- und Brackwasserkanälen, das sich von Norden nach Süden über 80 Kilometer ausdehnt. Mit dem Standard-Touristenboot dauert die Fahrt 8 Stunden, mit teuer zu mietendem Nobelkahn samt Liebesnest, Koch und zwei drahtigen Fährleuten ist man gute zwei Tage unterwegs. Eine Übernachtung in den mosquitoverseuchten Sümpfen inklusive. Dafür aber sagenhaft romantisch. Wenn man jemanden hat, mit dem man unbedingt romantisch sein will.

back waters back waters

Der Kanal ist gut 20 Meter breit. Ab und an öffnet sich die Wasserstrasse zu einem See. Dreissig Zentimeter über dem Wasserspiegel wohnen die Menschen in Lehmhütten, Basthütten, Ziegelhütten. Rechts Palmen und links Palmen, Haufen von Zwischenprodukten aus Kokosnussfasern, Latrinen, Waschstellen, badende Jungen, halbversunkene Einbäume.

kerala

Acht Stunden schippert man durch die Wohnzimmer der Kanalanwohner, winkt, wird bewunken, trinkt die zehnte Colas gegen das schummerige Gewölle im Leib und wird rammdösig vom unablässigen Gewummer des Schiffsdiesels und der brennenden Sonne.

Nach Sonnenuntergang kommt man in Kollam an und der Diesel schweigt. Man ist heilfroh dass sich die Landschaft wieder ändert und ringt mit den ebenfalls Angekommenen um Busse, Taxis und Tuktuks.

Auf halber Fahrt steigen zwei sehr junge Dänen ein, ein Päärchen. Sie hatten ein paar Tage in einem Ashram verbracht. Dort gäbe es eine alte Frau, von allen "Mama" genannt, die jeden Ankommenden umarme. Der Umarmte verspüre ungeahnte Energie und dürfe dann gastweise im Ashram sein. Gegen Entgelt versteht sich. 

Das Ashram ist ein Hochhaus, ein Betonskelett mit Aussentreppen und Neonbeleuchtung. Man sieht es beim Vorbeifahren. Die Jünger tragen hellebeige Kutten und Flatterhosen. Zu Essen gäbe es, sagten die Dänen, das übliche Dal, einen faden Linsenbrei. Tag ein, Tag aus. Kein Radio, keine Musik, keine lauten Gespräche. Meditation und ab und an eine Umarmung von "Mama". Die Kneipe auf der anderen Flussseite sei gut besucht.

Soviel zur Esoterik.

Ich hatte Glück und lernte auf dem Boot noch drei Menschen kennen, die auch  auf die Malediven wollten. Damit waren wir vier und der Malediven-Plan gerettet.


stefan knecht auf dem sofa
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