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passage nach indien 23 | von stefan knecht
 
       
     
 

Moorthy ist im Textilgeschäft. Über kurz oder lang wird er die Textilfabrik seines Vaters und 450 Angestellte übernehmen. Häufig reist er in den Süden und auf die Malediven, vertreibt seine Ware und baut ein eigenes Modelabel auf. Produziert und liefert nach Paris, London und Spanien.

Moorthy kennt sich aus in der Welt. Nach Cochin zieht ihn die Liebe. Seine Verlobte ist Keralesin, eine anmutig hübsche Frau, professionelle Tänzerin. Sie kennen sich seit sechs Jahren und wollen heiraten. 

Dies stellt sich als generalstabsmäßiges Unternehmen heraus: obwohl Moorthy in seiner Region zur höchsten Kaste unterhalb der Brahmanen gehört und seine Frau in ihrer Gegend ebenso, kann eine Heirat nie und nimmer stattfinden. Würde sein Vater erfahren, daß er sie besucht, so würde er toben oder monatelang kein Wort mit ihm wechseln. Der Vater. 

Betritt der Vater den Raum, so erhebt sich Moorthy. Und eher würde er sich den Finger abbeißen, als in Gegenwart des Vaters zu rauchen.

Die Eltern versuchen seit Jahren eine angemessene Ehefrau zu finden. Eine Frau aus der Region der gleichen Subkaste, aus gutem Hause, mit passendem Horoskop. 

Die regelmäßigen Besichtigungstermine läßt Moorthy über sich ergehen, bleibt freundlich, will Vater und Mutter nicht erzürnen. Seine Liebste war zu Gast im Hause der Eltern, vor einem Jahr. Konnte nicht reüssieren.

kajal

Heiraten will überlegt sein, ist teuer, verschlingt Unsummen. Ein angemessenes Fest dauert zwei Tage und bewirtet 1500 der engsten Verwandten. Moorthys Bruder erhielt ein Haus, einen neuen Wagen und ein Lakh, Hunderttausend Bares. Nicht zu reden von der Mitgift der Braut.

Die Braut wechselt automatisch in die Familie des Mannes und muß ihren Status durch die Geburt eines Sohnes erringen. Bis dahin bleibt sie undefiniert und der Willkür der neuen Familie unterworfen. Erst mit einem Sohn wird sie in Ruhe gelassen, kann ein eigenes, halbwegs unbeeinträchtigtes Leben führen.

Moorthy wünscht sich dies und die Heirat mehr als alles andere. Noch zwei, vielleicht drei Jahre meint er, dann sollten beide ihre Eltern weichgeredet und der Vater seine Bedenken abgelegt haben.

Undenkbar scheint, daß eine verheiratete Frau weiterhin ihrem Beruf nachgeht. Obwohl sie als beste keralitische Tänzerin ausgezeichnet wurde und als kommender Star des klassischen Tanztheaters gefeiert wurde, landesweit in allen Zeitungen. Leider falsche Kaste.

Trotz seines Wissens über europäische Gepflogenheiten kann Moorthy kaum glauben, daß deutsche Männer sich mit Frauen unverheiratet und unkontrolliert außerhalb der Familie eine Wohnung suchen. Daß Beziehungen ebensoschnell gebildet wie aufgekündigt werden erschreckt ihn. Wo denn die Liebe bliebe und der Respekt und das Miteinanderwachsen. Kann ich ihm nicht beantworten.

Und dann erzählt Moorthy von den Malediven und daß sie eine Stunde Flug oder 120 USD entfernt seien. Ich beschließe, auf die Malediven zu fahren.


stefan knecht auf dem sofa
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