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passage nach indien 22 | von stefan knecht
 
       
     
 

Moorthy, der indische Riese und Platznachbar im Roadtrain nach Cochin, weiß vieles zu berichten.

Kerala ist ein tropisches Paradies: die Bauern fahren mehrere Ernten ein, das Land ist fruchtbar, wasserreich und mit lieblicher Natur gesegnet. Zehn Millionen Keralesen arbeiten in der Kokosindustrie, verarbeiten 5 Milliarden Nüsse pro Jahr und 90% aller Bauern sind auch Grundbesitzer. Das ist indischer Ausnahmezustand, im Positiven. 

Tatsächlich, aus dem Flugzeug betrachtet, gleicht das ganze Land einem wogenden Palmenhain mit eingestreuten Häuschen und einem dichten Netz von Straßen und Kanälen.

Der Bus brettert durch endlose Straßendörfer. 

Wohlstand ist sichtbar, freie Flächen kaum vermüllt, jedes Fleckchen Land wird genutzt. Kaum kann man die Siedlungen unterscheiden, der ganze Staat scheint ein einziges Dorf zu sein. Im Cocobelt gibt es kaum industrielle Ballungszentren. Kerala ist dicht besiedelt.

Weil die Kokospalmen überall wachsen und vor Ort in kleinen Kooperativen verarbeitet werden, hat jeder Keralese Arbeit, Zentralisierung ist überflüssig. Die Leute bleiben, wo die Palmen sind, von Landflucht keine Spur. Macht sich gut, die rote Gefahr im Schatten der Cocos Nucifera.

Geschützt vom Mittelgebirge der Western Ghats und den Nilgiri Hills wurde Kerala nur selten Opfer von Okkupationen aus Zentralindien und öffnete sich mit der Küste intensiv der Außenwelt. Seit 2000 Jahren liegt die Malabarküste auf den Handelsrouten der Römer und wurde später wichtiger Umschlagplatz der Chinesen und Araber. Vasco da Gamas Ankunft im Jahre 1498 erschloß die Gewürzküste dem europäischen Handel und Holländer und Engländer arrangierten sich unausweichlich blutig mit arabischen Interessen.

So vermengten sich in Kerala Kulturen und Gebräuche. In Cochin etwa stehen mehrere Dutzend urtümliche Fischernetze im Hafenbecken: ein quadratisches Gestänge spannt ein Netz und wird an einem sechs Meter langen Ausleger von einem Steg mittels kompliziert austarierter Gegengewichte ins Wasser gelassen. Die Fischlein sollen sich über das Netz bewegen und werden mit dem Hebel des Auslegers aus dem Wasser gehoben. Wenn es denn klappt. 

fischen fischen

 

Mindestens fünf Männer benötigt die Apparatur, gefischt wird nur bei ein- oder auslaufendem Wasser. Mehr als eine handvoll viel zu kleiner Schwänzchen verirren sich selten - ein Rätsel, wie die Ausbeute fünf Männer samt Familien ernähren soll.

Das historische Zentrum um das Fort ist wunderschön. In aller Frühe ziehen Tümmler durchs Hafenbecken. Schattige portugiesische Villen, sanft und stilsicher renoviert, mischen sich mit katholischen Klöstern, Mädchenschulen und der ältesten christlichen Kirche Indiens. Auf großzügigen, palmenbeschatteten Avenuen fahren Menschen gemächlich Fahrrad, Busse und Autos hupen seltener.

jew town

Im sechzehnten Jahrhundert bauten die Holländer einem keralesischen Fürsten auf weitere gute Geschäfte einen kleinen Palast. Unter tiefgezogenen Dächern mit filigranen Rosenholzschnitzereie verbinden sich flämische mit indosarazenischen Elementen,. Hübsch auch die Fresken in den naturklimatisierten Räumen. Auf einem befingert der vielarmige Krishna acht Milchmädchen gleichzeitig. Den verdrehten Augen nach zu schließen sehr erfolgreich. Götter sind auch nur Menschen.

In Cochin besteht auch die wohl kleinste jüdische Diaspora der Welt. Ganze 15 Menschen aus drei Familien bilden den Rest der Gemeinde. Jew Town ist heute von syrischen Christen, Muslims und Hindus dicht besiedelt. 

Der Duft aus den Gewürzspeichern ist betörend: Ingwer in fünferlei Qualitäten liegt auf großen Haufen auf dem kühlenden Boden, rote und grüne Chillischoten quellen aus Rupfensäcken, ein Reishändler erklärt Dutzende verschiedene Reissorten, jüdische Symbole vermengen sich perverserweise mit einem hinduistischen Glückssymbol, der Swastika, dem Hakenkreuz. 

Irritierend für den politisch allseits korrekten Deutschmann.


stefan knecht auf dem sofa
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