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passage nach indien 21 | von stefan knecht
 
       
     
 

Fragt man einen Inder nach einer Antwort und er weiß sie nicht sofort, dann wird man es nie erfahren. Nicht auf eine Frage antworten zu können, ist dem Inder hochnotpeinlich, lieber wird zusammenfabuliert und geraten ... bis der Tourist sich und seine Augen umdreht und ein neues Opfer sucht. So entstehen kübelweise verkorkste Gerüchte, die wiederum neue Nahrung bieten für abenteuerliche Interpretationen und Debatten auf abendlichen Traveller-Informationsbörsen. Da kein Tourist Malayam kann, bleibt vieles im gnädigen Dunkel. 

Am Rande: die Antwortwilligkeit doch -unfähigkeit ist ein Hauptproblem bei der Suche nach dem Weg, dem unbekannten. Taxifahrer zum Beispiel, kennen sich in größeren Städten nur in ihrem Heimatviertel aus und können meist nicht lesen. Autofahren können sie hingegen wie die Teufel.

Zudem sind Straßenzüge nur sporadisch mit Namensschildern versehen, Hausnummern fehlen ohnehin. Häuser haben zwar Namen, wie Straßen auch, aber beides ändert sich. Bombay heißt heute Mumbay, Madras nennt sich Chennai und jeder verwendet, was am Nächsten liegt.

Die Orientierung geschieht weniger nach Straßennamen oder Hausnummern, sondern nach Landmarken oder Plätzen. 177, Colaba Road ist ein sinnloses Ziel, tauglich nur für Visitenkarten, Colaba Post Office (wenngleich entfernt vom Wunschziel) die bessere, da sichere Ansage. Das Fuchteln mit einem Stadtplan oder der farbgemarkerten Seite aus dem LONELY PLANET ist vergebens. Wer nicht lesen kann, den juckt auch kein gedruckter Stadtplan.

pow museum

Nochmal am Rande, weil es gerade paßt: einen Taxifahrer aus angestammtem Revier durch einen lukrativen Trip in eine andere Gegend zu locken, bedeutet doppeltes Risiko. Zum einen kennt er weder Landmarken noch Kollegen, zum anderen wird er ängstlich hupen und unendlich langsam, den ohnehin stockenden Verkehr behindern, immer auf der Suche nach vertrauten Landmarken oder einer groben Richtung. In Bombay ist es zudem wegen der chronisch verstopften Straßen und zusätzlicher Sperrungen entscheidend, in welche Richtung das anvisierte Taxi beim Einsteigen steht. Taxler drehen ungern um und drehen eine zeitaufwendige Runde um den Block, wenn der nächste Gast ebenso gut in Kühlerrichtung fahren könnte.

Außer in Bombay muß man sich vor der Fahrt über den Fahrtpreis einig werden. Schwierig, wenn man nicht weiß, wie weit das Ziel entfernt ist. Als Faustregel gilt: sagt der Fahrer 70 Rupees, dann ist bei 30 Rupees schon der Aufschlag für den Dummtouristen inbegriffen. Als Touri, als weißhäutiger, für indische Nasen übelriechender, zahlt man immer mehr. Das ist OK, solange es sich um eine grobe Aufrundung des Eingeborenenpreises handelt. Wird aber lästig, wenn der Nepp Methode hat. Im Bombay gelten dabei andere Regeln, alle Taxen haben antiquierte mechanische "Meter", unpraktischerweise außen auf dem vorderen linken Kotflügel, die der Fahrer von Hand anwerfen muß. In grauer Vorzeit wurden die Meter geeicht und zeigen den Taxipreis der fünfziger Jahre an, 1,20 RP, 2,60 Rp ... mit Hilfe einer Tabelle wird der Endbetrag berechnet. Der Taxler weiß, daß das auch der Touri weiß aber es schert ihn wenig.

Passierte mir dreimal täglich, daß mit einem Grinsen " ... fifftii Rupiis ..." aufgerufen werden, wo gerade 30 auf der Tabelle stehen. Der Punkt sind nicht die 20 Rp, gerade neunzig Pfennig, was fuchst, ist die Selbstverständlichkeit und Nochalance des Betrugsversuches.

Tourist: "Excuse me, Sir, your list reads only 28 Rupees - what are the other 20 for ...?"

Ein schwarzes Augenpaar weicht aus.

Drei zerknüllte Scheine wechseln auf den Vordersitz. Der Fahrer ignoriert seinen dreisten Betrugsversuch. Kein Wort der Entschuldigung, kein Augenklimpern, keine Mine wird verzogen. Nichts.

Tourist stinkig, schlägt Taxitür ein wenig heftiger zu als nötig, Abgang Taxler. Kein Vorhang.

ticket

Zurück zum Streik in Cochin: die wahrscheinlichste Deutung ist eine konzertierte Reaktion beleidigter Congress-Gefolgsleute auf den Polizeigewahrsam eines ihrer Führer. Von einigen Backpfeifen ist die Rede, andernorts von schweren Mißhandlungen. Da die traditionell mit Sozialisten besetzte Polizei der in Restindien regierenden Kongreßpartei ein Dorn im Auge ist, riefen die Konservativen einen 8-to-18-Streik aus.

Restaurants und Läden blieben geschlossen, der öffentliche Nahverkehr mit Bussen und Threewheelers fiel aus, und nur einige wenige Fähren zu anderen Inseln im Hafengebiet (ich vergaß: Cochin liegt am Meer, dem arabischen, ziemlich weit unten am indischen Triangel) ... nur einige wenige Fähren halten eine Art Grundversorgung aufrecht.

Der Streik war also ebenso folgenlos wie unverständlich und bescherte uninformierten Touristen eine Zwangspause, dem keralischen Proletariat einen Urlaubstag und der Mehrheit der Lohnarbeiter einen Verdienstausfall.


stefan knecht auf dem sofa
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