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passage nach indien 20 | von stefan knecht
 
       
     
 

Morgens sind indische Städte angenehm verschlafen. Vor zehn Uhr kann von öffentlichem Leben keine Rede sein, nur halbleere Busse mit nach Kernseife und Kokosöl duftenden Frauen, ein paar Wallahs und Pendler auf dem Weg von hier nach dort. 

Verquollen schälen sich verstrubbelte Menschchen aus Stoffbündeln am Straßenrand. Schlafgeruch dringt aus Schumacherbuden. Kühlschrankkartons dröhnen von röchelnden Schnarchern. 

Ein Hund liegt scheintot langsam atmend halb auf der Straße, Busse weichen aus, um Haaresbreite, aber immerhin, sie weichen aus.

Die Reste des verblichenen Tages werden mit kurzen Palmreisiggbesen über den Bordstein gefegt. Auf wundersam perfekte Weise reinigt sich der Boden jeden Tag aufs Neue. Müllwagen schlucken alles, was den Säcken der Altpapier-, Altplastik- oder Altaltsammler entgeht oder in Hunde-, Katzen- oder Rabenmägen nicht verdaut werden kann.

Die riesenhaften Raben - Dohlen? Tauben sind selten, wahrscheinlich dem Klima nicht gewachsen - sind direkt aus Hitchcocks "Vögel" entflogen. Auf Stahlfederbeinen hüpfen sie wieselflink und selbstbewußt ebensoschnell insBild, wie sie sich mit einem flappenden Flügelschlag aus dem Staub machen. Dreistes Viehzeug - stiehlt den Würfelzucker vom Tisch und leert unbeachtete Teller schneller als der noch hungrige Esser.

Das unablässige Wässern des Gehsteiges beginnt mit dem Öffnen der Geschäfte. Mit der hohlen Hand wird aus bauchigen, henkellosen Wassereimern tröpfchenweise der staubige Boden genässt. Passanten eingeschlossen. Eine eher rituelle Handlung. Die Straße ist im festen Griff des Staubes. Staub regiert die Welt.

Mit Sonnenaufgang startet der Bus, ein chromblitzender Roadtrain, gut in Schuß. Neben mir steigt ein indischer Riese ein, blaues Hemd und zähnebleckendes Dauergrinsen, setzt sich breitbeinig in seinen Clubsessel und reißt das Schiebefenster auf.

Er erweist sich als beredter und gebildeter Zeitgenosse, wir debattieren, fassen Vertrauen und reden die ganze Fahrt. Was ich von Moorthy lerne und zu erfragen wage, prägt mein Verständnis Indiens nachhaltig.

Kerala ist der reichste Bundesstaat Indiens - trotz (oder vielleicht wegen) des wundersamen Umstandes, daß hier die älteste demokratisch gewählte kommunistische Regierung der Welt regiert. Mit nur einer Unterbrechung seit 1957. Ein offenes politisches System mit ausgeprägter Sozialverantwortung schuf eine ungewöhnlich gleichmäßige Verteilung von Landeigentum und Einkommen, geringe Kindersterblichkeit und mit 5% die niedrigste Analphabetenrate ganz Indiens.

ticket

Kuriose Inkunablen der roten Wendung sind schlanke, feuerwehrrot getünchte und nach oben zulaufende Stelen. Sie ähneln ein wenig den aus der oberbayerischen Heimat vertrauten Marterln, nur daß hiesige Inschriften verdienten Parteikadern gedenken. Ab und an flattern rote Wimpel und Hammer/Sichel-Embleme im Wind. Sonst merkt man nichts vom roten Antichristen - außer wenn gestreikt wird.

 

Die südindische Form der Weltrevolution hat sich arrangiert. 

In "No full stops in India" beschreibt "die Stimme Indiens", der BBC-Reporter Mark Tully, die indische Variante der Weltrevolution:

"Der indische Kommunismus verdankt Stalin einiges. Er mag Diktator gewesen sein aber - wenn es um Indien ging - kühler Realist.

Unmittelbar nach der indischen Unabhängigkeit identifizierte die kommunistische Bewegung die neue herrschende Klasse als burgeoise Compradores, als Agenten fremder Mächte, die sich mit den Imperialisten verbündeten.

Beide Erbfeinde erwiesen sich als generell gering feindbildtauglich, die indischen Massen blieben von der roten Fahne weitgehend unbeeindruckt. Stalin intervenierte und rief 1950 eine eine Delegation dreier führender Indo-Kommunisten nach Moskau. Er befragte sie nach ihrer Strategie und was Moskau für sie tun könne. Die Inder zeigten sich wenig kriegerisch und militärisch gänzlich ungebildet, geschweige denn im Bilde darüber, welche Art Waffen sie für die Revolution benötigten.

Stalin stellte fest, daß das geplante Zentrum ihre Aufstandes in Westbengalen fernab eines für ihn erreichbaren Hafens läge, der Nachschub daher ungesichert und militärischer Beistand damit hinfällig sei. Er riet den indischen Genossen, den bewaffneten Aufstand beiseite zu legen und sich auf die kommenden Wahlen vorzubereiten. Die Delegation folgte Stalins Rat. Seit 1957 regieren die Kommunisten in Kerala.

Seitdem folgen die Hauptkräfte der kommunistischen indischen Bewegung einem demokratischen Weg. Als der Kommunismus sich unausweichlich vom sowjetischen Vorbild löste und in die verschlungenen Wege der indischen Politik eintauchte, blieb eine Aufweichung stalinistischer Positionen nicht aus. Politiker wechseln Positionen und Parteien, bilden Splittergruppen, lösen sich wieder auf und finden sich zu neuen Verbindungen. Omnis Flux, die Revolution wird im Schatten der Palmen ausdiskutiert.

So hat Kerala eine tropisch-weiche Perestroika erlebt. Tandoori-Revolution."

communism

Die Keralesen streiken oft und gerne und entwickelten eine variantenreiche Klaviatur: da gibt es den Fünfminuten-Streik vor Arbeitsbeginn, den 10-Minutenstreik während der Arbeit oder den 8-to-18- Streik. Vermutlich auch Myriaden von Unterformen. Beides scheint sich lange genug vorher anzukündigen, schadet weder den Bestreikten noch den Streikenden und läßt genug Raum zu Ausweichmanövern.

Pikanterweise streikten zwei Tage später in Cochin ausnahmsweise nicht die Kommunisten, sondern die Konservativen. Ich habe versucht, den Grund dafür zu recherchieren, scheiterte aber. Liegt vielleicht an meiner Art zu fragen oder daran, dass niemand wirklich wusste worum es ging.


stefan knecht auf dem sofa
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