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passage nach indien 19 | von stefan knecht
 
       
     
 

Von Ooty führen zwei Wege zurück in die Hitze der Ebene: der holprige Kleinbus (aufgeweichte Kniescheiben durch panisches Festklemmen am Vordersitz wegen Kurvenbeschleunigung in den Serpentinen, feuchter Hosenboden wegen plastifiziertem Schonbezug auf abgewetzten Polstern) oder eine dampflokgetriebene Schmalspurzahnradbahn, die die gut 2000 Meter Niveauunterschied aus den nebligen Nilgiri-Bergen in knapp fünf Stunden herunterkeucht. Als Sohn eines Märklin-Vaters ist die Wahl entschieden.

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Unterwegs ist genug Zeit, Blumensträuße aus dem fahrenden Zug zu pflücken, Zigaretten gegen einheimische Bidis zu tauschen (grauenhaftes Kraut, gewickelte Rosenblätter, riechen wie eingeschlafene Müsli-Parties der Endsiebziger, schemenhafte Erinnerung, lieber Willis Navycut, die kleine Schachtel zu 17 Rupees) und trockene Haferkekse, mit lauwarmen Plastikwasser aufzuweichen.

Alle Stunde keucht die Bahn an einen Wasserspeicher und säuft aus dicken Rohren Wasser. Der Zug leert sich, der Tee-Stall macht sein Tagesgeschäft, Bananen werden verspeist, dreiste Affen erkämpfen ihren Anteil an Touristenkeksen, Kinder verrichten ihr Geschäft über den Schienen, Erwachsene hasten in winzige Latrinen. Mein Immodium wirkt endlich, ich kann sitzenbleiben und mehr Wasser auf den Backstein in meinem Magen schütten.

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Die Blue Mountain Railway gibt es seit 1889. Dem Augenschein nach unverändert. Über die 45 km keucht das Züglein mit fünf winzigen Waggons über 13 Tunnels und 19 schwindelerregend staksigen Brücken. Jeder Waggon hat einen eigenen Bremserstand mit feist geölten Kurbeln und Gewindestangen und einem glattgewienerten Schwungrad. 
Unter dick übermalten Überdächern warten khakibedreßte Beamte auf ihren Einsatz. Als erfahrene Bremser antworten sie mit wahlweise grünen oder roten Fahnen auf den Pfiff des Lokführers und justieren entsprechend die Geschwindigkeit. Zu schnell darf es nicht werden, die Spur ist schmal, die Brücken wackelig und gar nahe am Abgrund. Also stockelt das Bähnchen im Schrittempo bergab, und die Lok braucht alle Kraft, die schiebenden Wagons zu bremsen.

In der am Ende des Zuges angehängten Holzklasse stehen einander drei Bankpaare gegenüber, grob belegt mit Latten, vom Gebrauch eines Jahrhunderts glattpoliert und weichgesessen. Aufrecht gesetzt, berühren meine ausnahmsweise längeren Beine die des Gegenübers. Indische Bemaßungen. Also im Zickzack setzen und die Waden angespannt. 

Acht Fahrgäste hätten Platz in einem Abteil, nach dem dritten Halt sind es zwölf (+ 1 Huhn), nach dem fünften Halt dann fünfzehn (+ 1 Bahnpolizist mit Karabiner, Sonnenbrille und gewichstem Schnauzer), im Tal dann siebzehn (-1 Huhn + 1 Sack Spinat).

Die letzten Kilometer nach Mettupulyam zeigt die Dampflok, was sie kann. Pfeifend stolze Wolken puffend, töst der Konvoi durch Bananenplantagen. Mit dem Sonnenuntergang zischen die Bremsen, weicher Stahl entspannt sich, die Blattfedern der Wagons knacken mit jedem aussteigenden Passagier und ein Stückchen Nostalgie geht schlafen.

aus dem fenster

Allzulange wird es die Blue Mountain Railway nicht mehr geben können: Kleinbusflotten sind schneller und flexibler, und die Instandhaltung des Schienenweges steht in keinem Verhältnis zu den 27 Rupien, die eine einfache Fahrt kostet.

Die Ebene nach Coimbatore überwindet ein Überlandbus. Hier beginnt allmählich Kerala, der von der Natur geküßte Coconut-Belt Südindiens.

In Cochin will ich andere Traveller finden, gemeinsam ein Boot mieten, und über die Backwaters von Allepey weiter in den Süden nach Quillon fahren. 

Irgendeinen Plan muß man haben auf Reisen in Indien, sei es denn für die jeweils kommenden zwei Tage. Das einzig wirklich Lästige am Alleinreisen ist das unablässige Organisieren des jeweils nächsten Schrittes: wie gerne würde ich mir das teilen und die Flügel hängen lassen. Sich einmal nicht um das Nötigste kümmern müssen. Aber alleine ist das Boot zu teuer und langweilig wäre es auch.


stefan knecht auf dem sofa
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