100 150
100   150
 
passage nach indien 17 | von stefan knecht
 
       
     
 

Weiter nach Ooty, einem Hill Resort auf 2200 m. Mein Körper schreit nach Kühle, sauberer Luft und Ruhe. Die Fahrt im Kleinbus die Serpentinen hinauf erschöpft, macht schwindelig und taub. Die Landschaft wellt sich, bäumt sich zu felsig-grünen Gebirgen auf. Mit jedem Meter wird es kühler und lichter.

Enttäuschung. Ooty war ehedem Sommersitz der britischen Regierung. Die Engländer wollten der mörderischen Hitze ihres Hauptquartieres in Kalkutta wenigstens im Sommer und der Regenzeit entfliehen. Heute ist Ooty ein Zombie, ein chaotisch gewuchertes Straßendorf auf 2000 Meter Höhe. 

Der allfällige Unrat springt noch intensiver ins Auge, ein von Seerosen und Wasserpest zerstörter See nimmt die  Fäkalien einer aus ihren kolonialen Grenzen explodierten Stadt in sich auf. Dennoch angeln Männer zwischen kleinen Schaumblasen. Der Erfolkgist entsprechend mäßig.

Eine fruchtbare Gegend, kühler und wasserreich. Hochwachsende Eukalypthusplantagen spenden tiefgrünen Teefeldern Schatten. 

Der Steigung werden kleinste Terassen abgetrotzt, Blumenkohl, Karotten und allerlei unbekanntes Gemüse. Frauen sammeln das Laub vom Boden und stopfen es in große Tücher. 
Ein Tuch voll, 10 kg wohl, bringt 30 Rupien. Zweimarkfünfzig für eine gute Stunde Arbeit. Reibt man die Blätter zwischen den Fingern, dann duftet und klebt die Haut nach Eukalypthus. 

eucalyptus huette

Je nach Frische des Blattes ein anderer Duft. In triefenden Hütten werden die Blätter in Wasser ausgekocht, gefeuert mit getrockneten Eukalypthusblättern, eine mühselige Arbeit, schweißtreibend und unangenehm. 

Ein Liter bringt dem Eukalypthuskocher 200 Rupien, zehn Säcke wandern in den Bottich. Urzeit der Manufaktur.

Ich steige ab im Regency Hotel, Fernhill Palace. Zeitmaschine nach Südengland. Karminrote Häuschen, ziegelgedeckt, weiße Ornamente an der Dachtraufe, schlanke Schornsteine und kurzgehaltene Wiesen. Verblichene Kolonialpracht, unkonserviert.

summer palace

Die Zimmer sind seit den vierziger Jahren nicht renoviert worden, die Teppiche schütter, abgetreten und fadenscheinig, die Wände jährlich übertüncht, bauchig und speckig, abgerundete Ecken. 

Dicke filzige Pferdedecken schützen vor der nächtlichen Kälte. Mottenkugelgeruch. Lackierte Wellblechdachromantik. Gerade 15 Grad hat es nachts, morgens glitzert das Gras vor Tau, die Lungen jauchzen.

Die Korbmöbel sind geflickt mit Isolierdraht, allein von Farbe zusammengehaltene Gußstühle mit Löwenfüßen im Garten. Die ehemalige Pracht läßt sich erahnen, verblichene Stiche zeugen von besseren Zeiten, von Jagdgesellschaften und opulenten Sommerfrischen. Weißgekleidete Gentlemen in Jagdkleidern und Bambusstöckchen, gierige Jagdhunde und schweißglänzende Pferde, aufgeräumte Beete und allerorten Servants mit eisgekühlten Gin Tonics.

summer palace interior

Zwei eloquente Inder stellen sich als Architekten des Rajas von Mysore vor - der Sommerpalast soll renoviert werden. Ich darf eintreten und staunend besichtigen.

Ein Stummfilm läuft an, das menschenleere Haus, mehrflügelig, eingeschossig, eingemottet, zeigt schwere Wunden jahrzehntelanger Beanspruchung. 

Salons öffnen sich knarzend, Modergeruch entströmt aufeinandergestapelten Möbeln, Springfedern durchbrechen aufgelösten Brokat. Ein Billardtisch läßt Elfenbeinkugeln klackern, Gläserklirren und amüsierte Gespräche von der Balustrade, Silbertabletts schweben durch Flure, vorüber an ausgestopften Jagdtrophäen in opulente Suiten und werden vor knisternden Kaminfeuern lautlos abgestellt. Alternde, blaß-durchscheinende südenglische Frauen trauern ihrer Jugend und verpaßten Chancen nach, weinen still, betrinken sich, träumen von wildem Sex mit hungrigen Unteroffizieren.

Gurgelnde Vergangenheit.

Ruhige Tage, Mittagsschlaf, milchiger Tee und Ingwerplätzchen, zerkochtes Gemüse und alles ein wenig überbezahlt - aber Labsal und Erholung von der akustischen Übermacht der Städte. Durchatmen im Eukalypthushain.


stefan knecht auf dem sofa
passage nach indien. 
	    alle folgen