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passage nach indien 16 | von stefan knecht
 
       
     
 

Mit dem Personenzug tagsüber ruckelnd und bummelnd durch die Landschaft. Ein Halt hinter jedem zweiten Baum. Wasserbüffel, Reisfelder, Bauern mit Kopftüchern und dem geschickt drapierten Dhoti um die Hüften, bis zu den Knien im Schlamm, virtuos dirigieren sie riesenhafte Büffel.

ticket Dann Mysore, Sitz der ehedem halb Südindien beherrschenden Rajs. Ein stolzes Geschlecht, wohlhabend und umfassend gebildet, offen für Einflüsse aus Arabien und dem Westen.

Der Palast im Herzen der Stadt nimmt ein ganzes Viertel ein. Prächtige Kulisse, der letzte Raj wohnt in einem Seitenflügel, bewacht von einer trägen und geschäftstüchtigen Leibwache. 

guards

Barfuß watscheln Touristenhorden durch die Räume, bestaunen Intarsien und Fluchten von Ölgemälden aus einer besseren, einer reicheren Zeit. Die beschnurrbarten Reiter, Wächter, Unterherrscher und Mannschaften sind aufgestellt wie Zinnsoldaten. Schulklassen werden vorbeigetrieben, von entnervten Lehrern gehetzt, mit Trillerpfeifen bewegt und auf Linie gehalten. 

palace pupils

Zwei Tauben bauen im teichgroßen belgischen Kristalllüster ihr Nest und kacken weiße Flecken auf den verblichenen Glanz. Wächter in Khaki-Uniformen schlafen mit offenen Augen, mannshohe Spiegel erblinden und spiegeln widerwillig den Touristen, verbrannt, verquollen, verschwitzt.

Nachts erwache ich von beängstigenden Geräuschen. Gegenüber ein Gebäude, klack-klack-klack schlägt ein Stock gegen Eisengitter. Eine Stimme pfeift den immergleichen Ton, nervtötend, nicht auszublenden, selbst mit dichtesten Oropaxen nicht wegzustöpseln. In atemberaubend quirligem Malayam versucht der zerknautschte Zimmernachbar dem Nachtwächter zu erläutern, daß sein Bewachungskonzept einen gehörigen Webfehler hat. Es sei wohl wahr, daß der Lärm mögliche Diebe abhalte - doch leider auch alle anderen vom Schlafe. Der Mann ist beseelt, ein genialer Wächter und verrückt. Geschlafen wird nicht mehr in dieser Nacht.

Eine frühmorgendliche Wanderung über die tausendundeinen Stufen des Chamundi Hill versöhnt mich mit der Welt. Weiter Blick in die flirrende Ebene, Mysore verschwindet im Dunst, die hupenden Busse stören nicht mehr.

ape dog ape dog

Neben dem Tempel auf dem Gipfel rasiert ein Vater den Schädel seiner gut vierjährigen Tochter. Die Familie ist fröhlich, ein Ausflug, mitten in der Woche, ein günstiger Tag, vorbestimmt vom Priester. Die zahnlose Oma singt,Geschwister bestaunen die Schwesterschur. Locken fallen, werden aufgesammelt. 

girl shave girl shave

Weder weint das Kind noch klagt es, es steht im Mittelpunkt des Interesses und freut sich über die glückbringende Prozedur. Der blanke Schädel wird symbolisch von Händen umhuscht, Hände werden gefaltet, beten, Geldscheine wechseln Hände. Blumen erscheinen aus Tüten, liegen auf dem Boden, vermengen sich mit schwarzen Kinderhaaren. Ordentliche Geldbündel werden gesammelt und verschwinden im Sari der Mutter. 

Eine Milchtüte macht die Runde, das Mädchen faßt sich über den ungewohnten glatten Kopf. 

Immer wieder.


stefan knecht auf dem sofa
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