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passage nach indien 15 | von stefan knecht
 
       
     
 

Ein Wort noch zu Bangalore, das unverdientermaßen zu kurz kam.

Hyderabad und Bangalore wetteifern um den zweifelhaften Titel der führenden IT-Metropole Indiens. Tagelang dicke Schlagzeilen und beleidigte Pressekommentare, als der für Mitte März geplante Besuch Bill Clintons Bangalore zu verfehlen droht. 

In den Siebzigern lagerten vor allem US-Firmen Teile ihrer Chipdesign-Schmieden und später die Softwareproduktion für Anwendungssoftware nach Indien aus. Begnadete Mathematiker, straffe Ausbildung und ein kaum zu unterbietendes Lohnniveau lockten. Microsoft folgte Hewlett Packard und besoldet heute die größte und renommierteste Truppe.

Bangalores Technische Hochschule nimmt es mit jeder europäischen Kaderschmiede auf: Perfextes Oxfordenglisch sprechende Studenten in Calvin Klein-T-Shirts, Handies baumeln an Nietengürteln, Jeans statt Sari. Die geschlechtsreife Jugend trägt Plateausohlen und Baggypants, trifft sich in Coffeeshops beim Surfen an konkurrenzlos günstigen Internetterminals. Ein Blick in die erste Welt an der Schwelle der zweiten kostet 80 Rupees pro Stunde, gut dreimarkfuffzig. Kein Geld für den staunenden Westler, ein kleines Vermögen für Joe Singh.

Bangalore investiert allerorten in die elektronische Zukunft und mutiert schneller zu einem kantenlosen West-Ost-Brei, als es dem Stadtbild guttut. 

Der Westen schickt industrielle Stoßtrupps. Die üblichen Verdächtigen: Procter & Gamble sind längst etabliert, Nestle preist die Qualität der Tütensuppe. Längst werden die Dependancen von Indern geleitet, Europäer haben langfristig keine Chance. Das Geschäftsgebaren ist sonderbar: selbst in durch und durch westlich strukturierten Firmen und unter jungen, gut ausgebildeten Indern herrscht sanfter Widerstand. Zackig und à la minute geht nichts. Wenn nicht heute, dann eben morgen. Daran muß man sich gewöhnen.

bangaloreDer Westen wird den Kampf um das Stadtbild gewinnen. Die Mahatma Ghandi Road (in jeder größeren Stadt heißt die zentrale Achse MG Rd, nur am Meer wird gerne ein Marine Drive daraus - praktisch, wenn man sich nächtens orientieren muß), Bangalores MG Road also ist ein geschmackloses Inferno aus Leuchtreklamen, Hochbauten, klimatisierten Malls und Bruchbuden. 

Dot-com-Billboards leuchten nachts und verkünden ein besseres, ein elektronisches Indien, ein Indien der Business-to-Business-Sites, der Web-Portale und job opportunities. Wie absurd, wenn doch bei Sonnenuntergang vielköpfige Familien am Straßenrand auf drei Backsteinen ein paar Linsen aufkochen und ihre glänzende Zukunft sich im beißenden Qualm der Herdfeuer verliert.

Die Inder lieben Malls, besonders AC-Malls, in denen schlechte Luft gekühlten Schnupfen produziert. Künstliche Pflanzen in Gefrierkammern, plätschernde Brunnen, kitschige Messingarrangements, gläserne und meist defekte Fahrstühle, gekrönt mit der indischen Begabung, jede Architektur in Windeseile mit Transparenten und Schildern zu entstellen, zu normalisieren und vermenschlichen. Halbfertige Hochhäuser, in Beschlag genommen von Squattern und schuhkartongroßen Hawkern, die mit allem handeln, was schnell in ein Tuch eingeschlagen und ein paar Meter weitergetragen werden kann.

Coca-Cola im Endkampf gegen Pepsi. 

Zwischendrin schwarzschmutzstarrende Bettler, Kinder am Straßenrand im Abgassumpf schlafend, Eselkarren, dauerhupende Mopeds, blökende LKWs. Gedrängte Tempel, verölt und vergittert, grellbunte Idole und ein halbnackter Priester neben PC-Hardware, Räucherstäbchen im Softwareladen. Viele Mopeds, Vespas, dreirädrige Taxis, stinkend, keuchend, lärmend. Bangalore ist ein seelenloses Armageddon aus Lärm, Gestank und neuer Welt.

Mir graut.

Hitze, stickige Luft, vom Westen eingeholt, hinterrücks überfallen. Ich fliehe mit dem nächsten Zug nach Mysore.

Reisen ist Weiterkommen. Das Bewegen wird irgendwann wichtiger als das Ankommen.


stefan knecht auf dem sofa
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