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passage nach indien 14 | von stefan knecht
 
       
     
 

Schmutz, Dreck, Unrat, Gestank. Auch das ist Indien und es ist die härteste Lektion. Die Menschen scheinen mit dem Dreck entspannt umzugehen. Vielleicht können sie auch nicht anders, sie müssen im Unabänderbaren leben. Ich habe noch nicht gewagt, mit einem Inder darüber zu sprechen. Noch nicht den richtigen gefunden. Dreck ist ein sensibles Thema, will nicht beleidigend sein oder beckmesserisch, aber der Dreck ist da, die ganze Zeit, überall. Dreck kann man nicht fotografieren, beschreiben kann man ihn auch nicht. Aber er ist da. Keine Beweisfotos in dieser Lieferung, sie würden nicht illustrieren.

In den ersten Tagen trug ich volle Hosentaschen mit Kleinmüll herum, auf der zwanghaften Suche nach einem Mülleimer. Es gibt keine. Man entsorgt auf die Straße, an den Straßenrand, dorthin, wo schon was liegt. Da überall Müll liegt, macht es keinen Unterschied.

Im Dreck gibt es Inseln, Reviere und Zonen der relativen Reinlichkeit. Es ist nicht sauber im westlichen Sinne, nicht sauber im Sinne der Hygiene. Das ist es nirgendwo. Auch bessere Hotels stehen vor Dreck, sind über und über verstaubt, überzogen mit Myriaden von schlierigen Dreckschichten. 

Aber immer ist es irgendwie reinlich, ein besseres Wort kann ich nicht finden. Reinlich heißt, daß permanent gewischelt, gefegt und genässt wird. Mit öligen Lumpen, kleinen stiellosen Besen aus Palmblattfasern oder halbkugeligen Gefäßen mit umgebördeltem Rand. 

Bei Lichtschaltern sieht man nur das jungfräuliche Plastik, wo der Finger hintappt um den Schalter umzulegen. Außenrum ist alles so gnadenlos verfettet, verbacken und verstaubt, daß man nicht anders kann, als nur den freigelegten Teil zu berühren. 

In Bangalore bitte ich per Haustelefon um ein frisches Laken. Das übergezogene Laken sei frisch, sagt das Telefon. Könne kaum sein, da seien Schamhaare, die mir nicht gehören können, Form und Farbe seien inkompatibel. Drei Männer kommen und debattieren mit mir über die Frische eines offensichtlich mehrmals beschlafenen Bettuches, bis ich (leicht indigniert, an der Grenze zum GAU) die Exegese beende und mein Bett eigenhändig überziehe. Bakschisch könnt ihr vergessen, Freunde, hier ist Ende.

Straßen und Gehwege sind nicht sauber, sie quillen über vor Unrat aller Art. Organischer Abfall, Essensreste, Plastik, Papier, Exkremente, Schutt, Glas, Alupapierchen, Undefinierbares. Berge Undefinierbares überall, wirklich überüberall. 

Exkremente, stinkende Scheißhaufen, getrocknete Scheißhaufen, auseinandergetretene Scheißereste, Fladen, Flecken, Urin. In manchen Gassen ist die Luft so uringeschwängert, daß man den Geruch selbst dann wahrnehmen muß, wenn man bewußt durch den Mund atmet. 

Ganz flach atmen und dennoch den Kopf in der Schüssel. Die Schüsseln selbst, wenn man ein Klo findet, das den Namen mit Ehre tragen kann, die Schüsseln kommen in mehreren Varianten. Zum einen die uns vertraute Bauform, das Sitzklosett. Sitzen scheidet aus, da akute Kontaktinfektion. Die Hockvariante ist ein keramikgefaßtes Loch, ebenerdig, mit beidseitigen Rippen um die Füße darauf zu stellen. Das Kombimodell vereint auf kongenial unsinnige Weise Sitz- mit Hockmodell: ein kniehoher Topf mit seitlichen Fußrippen dort, wo man sitzen könnte. Kann man aber nicht, da Dreck.

Bei jeder Ausprägungsform steht Wasser bereit. Fließendes Wasser aus einem handbreit über Bodenniveau montiertem Wasserhahn oder die Bucket-Variante mit einem großen Eimer und einem kleinen Gefäß. Klopapier gibt es nie. Den Hintern wischt man sich mit der linken Hand und viel Wasser ab. Das geht und ist gar nicht mal so unpraktisch. Die Linke ist daher inakzeptabel für alles andere außer Arschabwischen. Manchmal kann man Klopapier kaufen, rollenweise in DDR-Qualität, 300er-Körnung, oder prohibitiv teuer als Importware in Apotheken. Die muß man erstmal finden.

In Dörfern wird alles grenzwertig. Die allerwenigsten Häuschen und Hütten haben einen angebauten Abort. Also geht Mensch ein paar Schritte hinters Haus (an die Wand des Nachbarn, in eine definierte Gasse, einen Kotbereich), hebt den Sarong und läßt laufen. Da ist aber dann kein Wasser. Wie machen die das? So entwickeln sich Scheißedome, Kottempel an Lieblingskackplätzen. Männer pissen stehend, wo auch immer sie gerade sind. Ohne Reue, ohne Scham. An die Nachbarswand oder an die eigene oder direkt in die Gasse. Kinder ebenso. Fraün müssen Tarnkappen haben, ich sehe niemals eine Frau ihr Geschäft verrichten.

Exkremente jeder Herkunft lagern und stapeln übereinander. Schweine, Kühe, Ziegen, Hunde, Katzen, Tauben, Hühner -- alle kacken durcheinander. In Hampi führte ein kleiner Pfad zum Fluß, direkt hinter meinem Guesthouse. Ich versuchte ihm zu folgen, bei Tageslicht, geht nicht. Ein Scheißhaufenslalom, ein Kackcrosscountryrennen. Unmöglich, ohne Kontakt voranzukommen.

Manchmal sammeln die Frauen frische Kuhfladen und klatschen sie zum Trocknen an die Hauswand. Sieht malerisch auf, der Handabdruck. Da klebt der Fladen dann, trocknet in ein paar Stunden durch und wird verheizt. Stinkt und raucht ganz jämmerlich. Ist aber billig, nachgeschissener Rohstoff, spart das Brennstoffsammeln. In den Städten sammeln arme Frauen ebenfalls. Kühe gibt es überall, und überall wird gekocht. Am Straßenrand, drei Backsteine, zwei Fladen, ein Topf. Weiß nicht, wie es in Delhi ist: in Bangalore, der angeblich westlichsten Stadt, kochen inmitten der Innenstadt Familien am abgasgeschwängerten Straßenrand mit getrocknetem Kuhdung. Weil sie nicht anders können und ein Elektroherd absurd ist. Weil alles absurd ist, was nicht schnell und im Hocken geschieht. Scheißen und Kochen im Hocken.

Heute stand in der Zeitung, daß die Kandidatur eines Parlamentskandidaten in Bangalore beinahe gescheitert wäre, weil er bei seinem Haus keinen Abtritt hat. Ein eigener Abort ist Vorschrift, für alle, also auch für kommendeNationalpolitiker. Er verteidigte sich damit, daß sein Schwager einen habe, einmal über die Straße, und da er die meiste Zeit ohnehin im Hause des Schwagers zubrächte, würde dessen Abort auch der seine sein. Ein kommender Parlamentsabgeordneter, in der DECCAN TIMES, vielleicht der nächste Ministerpräsident.

Müll wird verbrannt. Plastik verglüht. Zurück bleiben kokelnde Aschereste und verschmurgelte Alufitzelchen. Und der nächste Winstoß trägt alles ein paar Meter weiter. Und dann folgt die nächste Schicht. Und wieder eine. Welch´ Fest für die Archäologen des vierten Jahrtausends.

Ein Inder erklärte mir, das Müllproblem sei durch die Verwestlichung, die Verplastifizierung und den Konsum von Importwaren erst entstanden. Da ist was dran. Organische Abfälle werden zuverlässig von den omnipräsenten Kühen entsorgt. Sie fressen sogar Papier, pflügen durch die Halden, zerkleinern alles. Konkurrieren mit zerbissenen, verschwärten, verflohten und klapperdürren Hunden, mit Katzenkarrikaturen und schwarzglänzenden Dohlen. Unlösbar scheint das Plastikfalschenproblem: sauberes Wasser gibt es nur in transparenten Plastikflaschen. Lawinen davon liegen allerorten. Sie werden offensichtlich nicht zurückgenommen. Auf einer kleinen, Goa vorgelagerten Insel scheint der Kreislauf zu funktionieren. Hier werden einem die kaum leergetrunkenen Flaschen von Kindern aus der Hand gerissen. Für 10 oder 20 oder egalwieviel Stück kriegen sie eine Rupie und die Insel ist sauber.

Es ist unglaublich dreckig, aber nicht im eigentlichen Wortsinn. Der unmittelbare Lebens- und Wohnbereich wird penibel gefegt. Das Stauben irritiert niemanden wirklich, der Staub ist das geringste Übel. Anschließend wird großzügig gewässert und man muß achtgeben, beim Passieren nichts abzukriegen.

Die persönlichen Reviere haben unsichtbare Grenzen. Selbst um die Wohnkartons der Squatter existieren diese Reviere, peinlich müllfrei gehaltene Bereiche. Außerhalb der Grenzen ist Müllland.

Auf unbebauten oder ungeputzten Flächen entstehen Deponien für Unverwertbares. Ein Panoptikum von Gegenständen aller Art. Steinhaufen, Unkraut, Abfall, Kot und Plastikflaschenstrudel.

Gefegt wird ein feinsäuberlicher Kegel, den der Wind zerlegt. Dann wird wieder gefegt, bis der nächste Windstoß den Haufen ins nächste Revier trägt oder eine Kuh alles zertritt. Oder die Haufen werden festgetreten und bilden kleine Mittelgebirge, das Revier wird eingegraben in die Erde, umgeben von gestampften Müllmittelbergen. Die Ausdehnung von Hauseingängen und Ladenzonen in den öffentlichen Raum kann anhand der Mittelgebirge bestimmt werden. Ein welliges und ungleiches Profil entsteht, das -- völlig plattgetreten und temporär entstaubt -- das Fahrradfahren anspruchsvoll macht.

Vor den Eingängen tragen Frauen glückbringende Molams auf: mit feinem Reismehl werden komplexe Muster wie keltische Inkunablen in den Lehm gestreut. Abends sind sie meist verschwunden oder werden verfegt, um neu aufgetragen zu werden. In den Städten werden einfachere Symbole mit Kreide auf die Schwellen gemalt und von der eintretenden Kundschaft verwischt. Städte sind wie Dörfer, in vielerlei Hinsicht. Der Müll eint sie im Innersten.

Fließendes Wasser gibt es häufig. In Restaurants, vor dem Essen, nach dem Essen kann man sich die Hände waschen. Mit der Rechten wird gegessen, sauber soll sie sein. Seife liegt höchst selten aus. Mit warmem Wasser und viel Seife, ich höre meine Mutter durchs Haus rufen.

Dreck hat viele Wiedergeburten. In Restaurants stehen Soßen in verschmierten Flaschen auf dem Tisch. Manchmal leben die Soßen, mikroskopische Wesen schwimmen an der Oberfläche. Gabeln werden an schmierigen Kochhemden gereinigt, Gläser mit Bodensatz auf den Tisch gestellt und Edelstahlgeschirr mit Wassergereinigt, das aus dem Fluß stammt, dann zum Trocknen auf den (gefegten) Bürgersteig gelegt.

Es ist der allgegenwärtige Grundschmutz, den man tolerieren muß, um nicht irre zu werden. Um sich keinen Waschzwang einzufangen.

Manjula Padmana: 

"In Indien ist die Abfallentsorgung mit solchem Abscheu verbunden, daß dieser Ekel gleichsam die gesamten Strukturen der traditionellen Gesellschaft bestimmt. Nach der Kastenlogik steht auf der sozialen Leiter ganz unten, wer mit organischen Abfällen hantiert. Der Status einer Person hängt davon ab, wie weit sie vom Haufen am Boden entfernt ist. (...) In Indien anzukommen heißt, in einen infantilen, gänzlich verdauungsfixierten Bewußtseinszustand zurückzufallen."

Was ist schon ein weißer Tempel, wenn die Gedärme nach Lösung schreien. Was ist schon Dünnschiß gegen gute Erziehung.

So erklärt sich vielleicht auch der kommentarlose Zustand der Toiletten in Guesthouses einfacherer Art. Selbst wenn der Landlord gewissenhaft alles fegt und wässert, es geht unter seine und die Würde seiner Frau, den Abort zu reinigen. Das machen Menschen anderer Kaste. Und wenn die nicht zur Hand sind, dann wird es nicht gemacht. Er kann maximal ein wenig Wasser darüberkippen. Entsprechend sieht es aus. Lieber geht er die paar Meter ins Gebüsch und kackt auf seinen Lieblingskegel als auf den eigenen Lokus zu gehen.

Man muß sich an so vieles gewöhnen. Das Spucken und Würgen etwa. Morgens, wenn die Häuser erwachen, ist vielstimmiges Würg- und Spuckkonzert zu hören. Unangesehen der Person, Männlein, Weiblein, alte junge Kinder, ALLE alle würgen sich den Nachtschleim aus dem Körper, kotzen fast vor Anstrengung, um dann mit einem erleichterten Schlappen den Batzen auf den Boden zu speien. Vielleicht hat das aryuvedische oder religiöse Hintergründe, ich weiß es nicht und will es auch nicht wissen.

Geschneuzt wird arabisch, ein Finger ans eine Nasenloch, leicht vornübergebeugt und mächtig Druck gegeben. Der Inhalt der Nase zerschmettert in langem Strahl am Boden, neben den Spuckflecken. Ich machte mich lächerlich, als ich in kleine und wertvollste Toilettenpapierblättchen schneuzte. Kinder lachten hinter vorgehaltener Hand und zeigten mit dem Finger auf mich.

Gespuckt wird tagsüber, immer, überall. Ich kaufe Erdnüsse und der Dreikäsehoch spuckt haarscharf Spelzenreste vor knapp vorbei. Junge Mädchen spucken, Kleinkinder triefen mangels Zähnen Speichelfäden, alte Frauen, alle. Ich mittlerweile auch. Keinen störts.

Gerülpst wird mit barocker Lust. Jederzeit, ohne sich abzuwenden und je sonorer, desto lustvoller. Das "Hand vor Mund", das wir sublimierten Westler verinnerlichten, bevor wir reden konnten, das Kaschieren eines peinlichen Zwischenfalles scheint hier kein Teil der Ettikette zu sein. Es passiert, daß der Kellner den Teller bringt und während des Abstellens des Blechnapfes so herzhaft rülpst, das man das Thali ahnen kann. Mahlzeit. Des Touristen Entsetzen ist unverständlich, unverstanden, rätselhaft.

Vom Schmutz der Kleidung der allermeisten Menschen, den dreckstarren Fingern des Kochs und den schwarzsteifen Ärmeln der Kellner will ich nicht reden. Muß gehen und mich duschen, den Tagesdreck von Leibe spülen, dann essen, Händewaschen nicht vergessen.


stefan knecht auf dem sofa
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